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Talfahrt der globalen Entwicklungszusammenarbeit

Warum wir uns Sorgen über den Abbau beim humanitären Engagement machen sollten
VON: Patrik Berlinger - 28. Mai 2026
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2025 brachen die staatlichen Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit um ein Viertel ein. Es ist der stärkste jemals verzeichnete Rückgang in einem Jahr. Damit stehen wir da, wo wir 2015 waren, als die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung beschlossen wurde. Seither haben Covid, Kriege und Regierungswechsel die Welt verändert, unsicherer gemacht. Der Rotstift trifft Millionen von Menschen und gefährdet den gemeinsamen Schutz globaler öffentlicher Güter über Jahre hinaus.

Die öffentlichen Gelder für Entwicklungszusammenarbeit der OECD-Länder (ODA) sanken im vergangenen Jahr auf noch 174 Milliarden US-Dollar. Das klingt nach viel Geld, ist aber massiv weniger als noch 2024. Die Höhe der Finanzmittel entspricht nur noch 0,26% des gesamten Bruttonationaleinkommens (BNE) der OECD-Geberländer. Das UNO-Ziel von 0,7% aus den 1970er Jahren, das 2015 mit der gemeinsamen Verabschiedung der Agenda 2030 (SDG) bekräftigt wurde, rückt in weite Ferne.

Die OECD spricht von einem «historischen Rückgang», den vor allem die Trump-Regierung verantwortet. Der Abbau der US-amerikanischen Auslandshilfe im Jahr 2025 macht drei Viertel des globalen Rückgangs aus. Aber auch andere wichtige Geberländer kürzen markant. Für das aktuelle Jahr zeichnen sich weitere Kürzungen von mindestens 6% ab. Die OECD-Analysten sprechen von einem Schock für das gesamte System der Entwicklungszusammenarbeit.

Die Folgen im Gesundheitsbereich sind unmittelbar

Die US-amerikanischen Kürzungen wurden durch andere Regierungen nicht ausgeglichen. Viel mehr verringerten bedeutende Geberländer wie Deutschland, Frankreich, Japan, Kanada und Grossbritannien ihre Internationale Zusammenarbeit (IZA) ebenfalls. Insgesamt haben 26 der 34 OECD-Mitglieder ihre Budgets reduziert. Nur wenige Länder steigerten ihre ODA-Ausgaben – vier davon übertrafen sogar das Ziel der Vereinten Nationen von 0,7% im Verhältnis zum BNE: Dänemark (0,72%), Luxemburg (0,99%), Norwegen (1,03%) und Schweden (0,85%).

Die Schweiz gehört zu den Ländern, die bei der IZA sparen. Gleichzeitig schichtet sie Gelder in Richtung Ukraine-Hilfe um. Mit der Folge, dass die schweizerische Unterstützung in Afrika südlich der Sahara um rund ein Drittel zurückgeht. Da es sich gerade dort um viele «am wenigsten entwickelte Länder» (Least Developed Countries, LDC) handelt, sind jene Einschnitte besonders hart für viele Menschen, die in Armut leben, an Hunger leiden, ohne Bildung und Perspektiven dastehen. Inzwischen zeigen die weltweiten Kürzungen erschreckende Folgen bei der Gesundheit von Frauen und bei den Todesfällen durch Infektionskrankheiten, die verhinderbar wären. Allein der Kahlschlag der US-Entwicklungsbehörde USAid wird laut The Lancet bis zu 14 Millionen Menschenleben kosten, davon knapp fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren.

Die humanitäre Hilfe bricht regelrecht ein

Die humanitäre Hilfe, die Teil der Internationalen Zusammenarbeit ist, ist besonders stark zurückgegangen – im Vergleich zu 2024 um 36% auf noch 15 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025. Der Rückgang ist besorgniserregend, angesichts der Tatsache, dass der weltweite humanitäre Bedarf gerade in alarmierendem Tempo eskaliert. Viele Konflikte finden keine diplomatischen Lösungen und Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht bleiben immer öfter ungestraft.

Die Zivilbevölkerung und auch humanitäre Helfer:innen werden direkt angegriffen, Schulen und Krankenhäuser bombardiert, Hunger und sexuelle Gewalt werden als Kriegswaffe eingesetzt. Klimakatastrophen und wirtschaftliche Unsicherheit verschärfen die Lage, was die Zahl der Vertriebenen in die Höhe treibt und eine globale Hungerkrise befördert. Allein der Iran-Krieg könnte bis im Sommer 45 Millionen Menschen mehr in akute Hungersnot treiben aufgrund steigender Erdöl- und Transportkosten sowie höherer Preise für Lebensmittel. Auch fehlender künstlicher Dünger wird auf Jahre hinaus schwerwiegende Folgen für die Ernährungssicherheit haben – und ist gleichzeitig ein Argument mehr, vermehrt auf biologische und regenerative Landwirtschaft umzusteigen.

Insgesamt schrumpft das Hilfssystem deutlich, während die UNO bereits eine Strategie der «Hyper-Priorisierung» fahren muss: Nur die dringendsten, lebensbedrohlichen Bedürfnisse werden heute noch berücksichtigt. Knapp 40% der Menschen, die weltweit humanitäre Hilfe benötigen, können unterstützt werden – rund 114 von geschätzten 299 Millionen Menschen.

Nationale und geopolitische Interessen nehmen Überhand

In einer zunehmend «transaktionalen Welt» fokussieren die Geberländer bei ihrer Entwicklungszusammenarbeit auf unmittelbar nationale und geopolitische Interessen, wodurch der tatsächliche Bedarf andernorts weniger berücksichtigt wird. Gezielt kürzen Regierungen wie die USA und das Vereinigte Königreich, aber auch Geber wie Schweden und Deutschland, ihre Mittel in Ländern, in denen ihre strategischen Interessen wie Handelsbeziehungen und der Zugang zu Rohstoffen oder migrations- und sicherheitspolitische Interessen geringer sind.

Wenig attraktive Regionen und gering priorisierte Länder werden vernachlässigt. Mittlerweile erhält die Ukraine mehr Entwicklungshilfe (45 Milliarden US-Dollar) als die 44 sogenannt «am wenigsten entwickelten Länder» (Least Developed Countries, LDC) die zusammen auf 28 Milliarden US-Dollar kommen. Mehr noch: Die Entwicklungszusammenarbeit arbeitet vermehrt mit Krediten anstelle von Zuschüssen. Gerade die ärmsten Länder verschulden sich immer mehr und zahlen mittlerweile mehr für den Schuldendienst als sie an Hilfe erhalten. Eine weitere Destabilisierung scheint also vorprogrammiert.

Akute Finanzierungsgefahr für das UNO-System

«MAGA»-USA hat 66 Organisationen und Abkommen verlassen. Besonders betroffen sind Organisationen im Umwelt- und Klimabereich sowie Institutionen und UNO-Einrichtungen, die sich für Bildung, Geschlechtergerechtigkeit und für die Förderung von Demokratie, Zivilgesellschaft und Rechtsstaatlichkeit einsetzen. Die Beiträge an die UNO für humanitäre Hilfe reduzierte die neue US-Regierung drastisch – von 11 Milliarden US-Dollar 2024 auf 2,7 Milliarden 2025. Für 2026 stellt sie lediglich 2 Milliarden in Aussicht und fordert, die Vereinten Nationen müssten sich «anpassen, verkleinern oder untergehen».

Ohne Zweifel beschert sich die grösste Wirtschaftsmacht damit ein Eigentor. Dennoch, der Schaden bei der UNO und die Schwächung des multilateralen Systems ist angerichtet. Die finanzielle Lage ist so angespannt, dass Generalsekretär António Guterres im Januar vor einem Kollaps der Institution warnte, worauf rund 150 Länder ihre Beiträge vorzeitig leisteten. Trotzdem sind tiefgreifende und schmerzhafte Reformen unausweichlich: Organisationen werden abgebaut oder zusammengelegt, Standorte verlagert und Personal reduziert. Das Reformprogramm «UN80» bringt einschneidende Veränderungen, auch für das «internationale Genf». Letztlich muss man hoffen, dass die UNO handlungsfähig bleibt. Denn ihre Arbeit für Wasser, Klima, Gesundheit und nachhaltige Ernährungssysteme bleibt essenziell und ist für Millionen Menschen weltweit überlebenswichtig.

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