Wie die Blockade der Strasse von Hormus die Teller leert

Die Strasse von Hormus ist blockiert: Wie beeinflusst dies Länder des Globalen Südens? Aufschluss geben eine Umfrage bei Helvetas-Partnerländern und Einschätzungen von Robert Mardini*, einst IKRK-Generaldirektor und neues Helvetas-Vorstandsmitglied.

Die Auswirkungen des Kriegs im Iran und der Blockade der Strasse von Hormus treffen Länder und Menschen des Globalen Südens einmal mehr ungleich härter als die Menschen im Globalen Norden. Das war schon bei der Corona-Pandemie der Fall. Die Folgen spüren die Menschen kurzfristig auf den Tellern, längerfristig auf ihren Feldern. Das spürt auch die Entwicklungszusammenarbeit und die Nothilfe. Eine Umfrage bei Helvetas-Partnerländern und Einschätzungen von Robert Mardini*, ehemaliger IKRK-Generaldirektor und neues Helvetas-Vorstandsmitglied.
 

Seit der Iran die Strasse von Hormus zwischen dem Iran und Oman blockiert, ist einer der wichtigsten Transportwege für Erdöl gesperrt. Laut der Internationalen Energieagentur (IAEA) verlaufen rund 20-25 Prozent des globalen Öltransportes auf dem Seeweg durch die Meerenge zwischen Persischem Golf und Golf von Oman, 80 Prozent davon ist bestimmt für Märkte in Asien. Auch 20 Prozent des globalen Flüssiggases nehmen die Route durch das Nadelöhr. Möglichkeiten, dieses zu umgehen, sind je nach Land nur sehr begrenzt bis fast unmöglich.

Preise steigen – und wenn nicht, die Angst davor

Mit der Verknappung von Erdöl werden auch Treibstoffe teurer und Düngemittel knapper, die daraus gewonnen werden. Ersteres zeigt sich auch in Helvetas-Projektländern. So sind die Benzinpreise zum Beispiel in Nepal um 39 Prozent gestiegen, in Guatemala und Honduras um bis zu 70 Prozent. Die Menschen in Myanmar bezahlen bis zu 80 Prozent mehr für Treibstoff. Damit erschwert sich der Wiederaufbau nach dem Erdbeben 2025. Zumal im Zug der steigenden Transportkosten Konstruktionsmaterialien bis zu 30 Prozent teurer werden. Mancherorts fallen auch die Bewässerungsanlagen und Wasserpumpen aus, die mit Generatoren betrieben werden.

Die Regierungen antworten unterschiedlich auf die Knappheiten: Äthiopien, Bangladesch, Jordanien, Usbekistan oder Bolivien zum Beispiel federn die abrupten Preisanstiege – teilweise oder ganz – durch staatliche Subventionen ab, in Nepal wurden Einfuhrzölle für Treibstoff gesenkt. Auch in weniger stark betroffenen Ländern wurde die Mobilität eingeschränkt während Transportkosten steigen. Äthiopien, Myanmar oder Nepal rationieren zudem den Benzinbezug oder verordnen Homeoffice- oder weniger Arbeitstage, um den Benzinverbrauch zu senken.

Dies ist auch in Honduras der Fall, wo auch der Schulbetrieb wie zu Corona-Zeiten teilweise wieder auf online umgestellt wird. Andere Länder wiederum versuchen zu beschwichtigen, wie Mosambik oder auch Tadschikistan, wo der Benzinpreis sowieso schon höher ist als in umliegenden Staaten. Aber auch wenn dort und in weiteren Ländern die Preise noch nicht gestiegen sind, so wächst die Angst in der Bevölkerung davor. In vielen Ländern sind bereits «Sprit-Hamsterkäufe» zu beobachten: Selbst halbvolle Tanks werden alsbald wieder aufgefüllt, bevor der Preis doch noch steigt. Was sicher zunimmt, ist die Länge der Blechlawinen vor Zapfsäulen. Beschwichtigungen der Regierung helfen wenig gegen die Verunsicherung.

Grössere Ernährungsunsicherheit

Für armutsbetroffene Familien, die ihr Geld schon so zigmal umdrehen müssen, bevor sie es ausgeben, sind selbst kleinere Preisanstiege fatal. Mit teurerem Treibstoff verteuern sich auch all die Güter, die damit transportiert werden. Besonders Länder, die stark von Importen abhängig sind, sind vermehrt Preisschocks und Versorgungsengpässen ausgesetzt. Engpässe, die teilweise schon Alltag sind: Vielerorts ziehen die Preise für Güter des täglichen Bedarfs wie Getreide, Gemüse, Speiseöl bereits an. In Äthiopien bereits um mehr als zehn Prozent, in Nepal sogar bis zu 50 Prozent. Helvetas-Mitarbeitende beobachten bereits, dass ärmere Menschen zunehmend billigere Nahrungsmittel kaufen oder gar Mahlzeiten auslassen – wie bei Krisen üblich.

Im Süden Äthiopiens, wo eine langanhaltende Dürre die Lebensgrundlagen erschöpft, verteilt Helvetas bereits Viehfutter und Tiermedizin an nomadisierende Viehzüchter. Helvetas ist bereit, sich auch in weiteren Ländern mit Nothilfe-Massnahmen zu engagieren, sollte sich die Situation verschärfen.

Die Strasse von Hormus ist aber nicht nur für Erdöltransport zentral: Rund ein Drittel der weltweiten Düngemittel wird durch sie hindurchgeschleust. Das übt weiteren Druck auf Nahrungsmittel und Ernährungssicherheit aus: Die heutige Landwirtschaft ist stark von künstlichem Dünger abhängig. Fehlt er, wird weniger ausgesät, wächst weniger. Das wirkt sich auf künftige Ernten aus – und damit erneut auf die Ernährungssituation der betroffenen Menschen. Positiv ist einzig, dass dieser Notstand den Ruf nach alternativem, heisst organischem Dünger lauter werden lässt.

Die Rolle von NGOs

Die überall aufflammenden Krisen beeinflussen auch die Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe. Robert Mardini, Direktor der Genfer Universitätsspitäler ist neustes Mitglied im Helvetas-Vorstand. Der ehemalige Generaldirektor des IKRK war lange in der Humanitären Hilfe tätig und ordnet ein.

Robert Mardini, welche humanitären Folgen hat der Krieg im Iran für die Menschen im Globalen Süden?

Meine Erfahrung beim IKRK hat mich gelehrt: Immer treffen grosse Krisen jene besonders hart, die ohnehin bereits arm und verwundbar sind. Der Krieg im Iran bildet da keine Ausnahme. Seine humanitären Folgen reichen weit über die Landesgrenzen hinaus und sind bereits stark im Nahen Osten und im Globalen Süden zu spüren.

Weshalb?

Erstens ist der Iran ein zentraler regionaler Akteur. Er ist Dreh- und Angelpunkt von Energie‑, Handels‑, Migrations‑ und humanitären Strömen, die unmittelbar Länder betreffen, die bereits verletzlich sind. Eine anhaltende Destabilisierung hat Kaskadeneffekte: Energie‑ und Lebensmittelpreise steigen, Lieferketten werden unterbrochen, der Druck auf fragile Staaten mit nur geringen haushaltspolitischen Spielräumen nimmt zu. Den Preis zahlen vor allem die ärmsten Haushalte, die bereits unter Inflation, Ernährungsunsicherheit oder Verschuldung leiden.

Zweitens führen regionale Krisen stets zu Bevölkerungsbewegungen. Ob Binnenvertriebene, Geflüchtete, Arbeitsmigrant:innen oder Menschen in langanhaltenden Transitsituationen – diese Bewegungen konzentrieren sich häufig auf Länder des Globalen Südens, die selbst mit Konflikten, politischer Instabilität oder den Folgen des Klimawandels konfrontiert sind. Bei meinen zahlreichen Besuchen habe ich gesehen, wie sehr Mehrfachkrisen lokale Kapazitäten erschöpfen und soziale Gleichgewichte gefährden.

Und letztlich muss auch der Klimafaktor berücksichtigt werden. Gemeinschaften, die bereits von Dürre, Wasserknappheit oder Extremwetterereignissen betroffen sind, sind gegenüber geopolitischen und wirtschaftlichen Krisen deutlich weniger resilient. Ein ferner Krieg kann lokale humanitäre Krisen beschleunigen, indem er die Nahrungsmittelknappheit verschärft, die Gesundheitsversorgung schwächt oder Ressourcenkonflikte weiter anheizt.

Und welche Rolle kommt internationalen NGOs wie Helvetas dabei zu?

Internationale Organisationen wie Helvetas sind in solchen Situationen besonders wichtig. Sie helfen nicht nur in akuten Notfällen, sondern arbeiten auch vorbeugend und langfristig. Das heisst, sie unterstützen Menschen dabei, besser mit Krisen umzugehen. Und sie stärken lokale Systeme wie die Wasserversorgung, die Landwirtschaft, die Gesundheitsversorgung, das Bildungssystem und ihre Verantwortlichen, damit diese künftigen Schocks abfedern können.

Helvetas übernimmt eine wichtige Aufgabe an der Schnittstelle zwischen humanitärer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Klimaanpassung. In Kontexten, in denen sich Krisen überlagern, wird diese Fähigkeit, integrierte Antworten zu denken – lokal verankert und getragen von lokalen Partnerschaften –, zu einer zentralen Voraussetzung. Schliesslich tragen NGOs auch eine Verantwortung im Bereich der politischen Interessenvertretung: daran zu erinnern, dass bewaffnete Konflikte und globale Krisen keine geopolitischen Abstraktionen sind, Lebensrealitäten erschüttern – oft fernab der Öffentlichkeit. Diese Realitäten ins Zentrum der öffentlichen und politischen Debatte zu stellen, ist vollumfänglich Teil unserer gemeinsamen Aufgabe.

Die Grenzen zwischen Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit verschwimmen zunehmend.

Ich wurde oft mit der Vorstellung konfrontiert, dass humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit zwei unterschiedliche Dinge seien. Das ist ein Mythos. In länger dauernden bewaffneten Konflikten zum Beispiel überschneiden sich diese beiden Ansätze häufig. Man darf hier nicht nur an die Nothilfe denken. Selbst in akuten Krisen- oder Katastrophenfällen ist es unerlässlich, eine langfristige Perspektive einzunehmen und die Widerstandsfähigkeit von Gemeinschaften und Systemen nachhaltig zu stärken.

Wie beurteilen Sie die Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit und die Angriffe auf das humanitäre Recht und den Multilateralismus?

Die Situation ist besorgniserregend. Wir beobachten eine starke Polarisierung, eine Aushöhlung der internationalen Regeln und einen beunruhigenden Rückgang der Finanzmittel. Wir müssen uns neu erfinden, die Finanzierungsquellen diversifizieren und neue Partnerschaften aufbauen. Doch trotz dieser Unsicherheiten gibt es auch Positives. Es kommt von den lokalen Gemeinschaften selbst. Ihre Solidarität und ihre Fähigkeit, Projekte mit der Unterstützung von Organisationen wie Helvetas voranzutreiben, ermöglichen die Entwicklung konkreter Lösungen. Das inspiriert und gibt Hoffnung.

 

*Robert Mardini ist Direktor der Genfer Universitätsspitäler. Von 2020 bis 2024 war er Generaldirektor des Komitees vom Internationalen Roten Kreuz (IKRK). Der Bauingenieur koordinierte ab 1997 Programme in über 40 Ländern und war unter anderem als Direktor zuständig für den Mittleren Osten und ständiger Beobachter bei der UNO.   

© Pratisha Manandhar/Shutterstock

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