Während die Welt von vielfältigen Krisen erschüttert wird, die dringend globaler Lösungen bedürfen, kürzen die meisten Staaten – allen voran die USA – ihre Budgets für die internationale Zusammenarbeit massiv. Damit stürzen sie den gesamten Sektor in eine existenzielle Krise.
Die internationale Zusammenarbeit hat – wenn auch nicht immer perfekt und oft von nationalen Eigeninteressen getrieben – sowohl auf multilateraler wie auch auf bilateraler Ebene viel erreicht. In der UNO diskutieren seit der Nachkriegszeit alle Länder auf Augenhöhe miteinander und entwickeln Lösungen für gemeinsame Probleme. Ihre spezialisierten Agenturen widmen sich allen globalen Problemfeldern. Mit internationalen Abkommen wie etwa dem Pariser Klimaabkommen oder der Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung hat sie Rahmenwerke geschaffen, um dringliche Probleme der Menschheit zu bewältigen.
Die bilaterale, zwischenstaatliche Entwicklungszusammenarbeit – entstanden im Kontext der Dekolonisierung und anfangs eng mit der Geopolitik des Kalten Krieges verknüpft – hat sich über die Jahre immer mehr gewandelt: Heute ist sie weniger top-down, breiter aufgestellt und lokal verankert. Sie hat global zu substanziellen Verbesserungen etwa in den Bereichen Gesundheit, Müttersterblichkeit, Gleichstellung und Bildung beigetragen und hat Themen wie Menschenrechte, Demokratisierung und Klimaschutz weltweit verankert.
Natürlich zeigen sowohl die multilaterale als auch die bilaterale Zusammenarbeit schon länger «Krankheitssymptome», wie Fragmentierung und Bürokratisierung. Beide haben sich nie ganz aus der Dominanz des Westens gelöst, sind aber dennoch Teil einer globalen Werteordnung, die auf Frieden, universellen Menschenrechten, internationaler Solidarität und globaler Gerechtigkeit basiert. Und genau diese Werte und damit auch die vielfältigen Errungenschaften der internationalen Zusammenarbeit sind nun gefährdet.
Die Krise
Während sich die globale Polykrise – Klima- und Biodiversitätskrise, Autoritarismus und Demokratiekrise, Krise der UNO, des multilateralen Systems und der regel-basierten Weltordnung – zuspitzt, verfolgen immer mehr Länder (sehr kurzfristige) nationale Eigeninteressen, rüsten auf und kürzen die Mittel der internationalen Zusammenarbeit. Nachdem schon 2024 einschneidende Sparmassnahmen die Entwicklungszusammenarbeit empfindlich trafen, sanken die Mittel der öffentlichen Entwicklungsfinanzierung (APD-Gelder) der OECD-Geberländer 2025 um fast einen Viertel. 26 der 33 Mitgliedsländer haben den Rotstift angesetzt; die USA allein sind für drei Viertel des Rückgangs verantwortlich.
Die OECD spricht von einem «historischen Rückgang», denn es ist der stärkste seit Beginn der Aufzeichnungen. Die APD-Gelder sanken damit auf das Niveau von 2015, als die Agenda 2030 als Errungenschaft und Lösung für viele Probleme der Welt gefeiert wurde. Gleichzeitig werden die Mittel, die eigentlich für die Armutsreduktion vorgesehen sind, seit Jahren schleichend umverteilt. Dies zeigt sich auf vielfältige Art und Weise:
- Obwohl sich die Weltgemeinschaft auf UNO-Ebene zu Ausgaben von 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens (BNE) für die internationale Zusammenarbeit verpflichtet hat – so auch die Schweiz –, verlässt ein immer grösserer Teil der sogenannten «Entwicklungsgelder» nie die OECD-Geberländer: Ausgaben für den Aufenthalt von Flüchtlingen im eigenen Land dürfen gemäss der Regelung des OECD-Entwicklungsausschusses (OECD-DAC) zur APD hinzugerechnet werden und machen aktuell 13,2 Prozent der APD-Gelder aus. Der Anteil der öffentlichen Entwicklungshilfe der Schweiz an ihrem BNE betrug 2025 0,46 Prozent (2024: 0,49%). Nach Abzug der Asylkosten noch lediglich 0,36 Prozent (2024: 0,37%).
- Seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs kam es international zu massiven Verschiebungen von Geldern weg von den ärmsten Ländern hin zur Ukraine. Doch auch diese Unterstützung bröckelte 2025: Sie nahm im Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent ab, dennoch erhielt die Ukraine mehr APD-Gelder als alle Länder in Subsahara-Afrika zusammen.
- Immer mehr Mittel fliessen in verschiedene sogenannte «Privatsektorinstrumente» die vor allem Ländern mit mittleren Einkommen zugutekommen. Dabei handelt es sich um öffentlich finanzierte Kredite an Unternehmen, Investitionen in Form von Kapitalbeteiligungen oder Garantien.
Im Kontext zunehmender rechtspopulistischer Strömungen, welche mit der zweiten Amtszeit von Donald Trump ihren vorläufigen Tiefpunkt erreichten, erscheint die aktuelle Krise weit mehr als eine vorübergehende finanzielle Talfahrt zu sein. Sie ist ein Wendepunkt in Bezug auf die politischen Ziele, die werteorientierte Ausrichtung und die institutionellen Grundlagen der internationalen Zusammenarbeit. Der Grundsatz, dass reichere Länder ärmere Länder bei ihren Entwicklungsbestrebungen unterstützen sollen, wird heute fundamental in Frage gestellt. Die auf gemeinsame Werte, Armutsreduktion und Multilateralismus ausgerichtete internationale Zusammenarbeit weicht nach und nach einem auf wirtschaftliche sowie innen- und sicherheitspolitische Eigeninteressen basierenden Paradigma.
Und wo steht der «Globale Süden»?
Während der «Westen» als Einheit immer mehr zur Fiktion wird, ist es der «Globale Süden» schon lange. China, das im UNO-System zum Teil immer noch als «Entwicklungsland» angesehen wird, ist selbst ein gewichtiger Akteur in der internationalen Zusammenarbeit. Dasselbe gilt für die Golfstaaten oder die Türkei; auch Länder wie Indien oder Brasilien sind sowohl Empfänger wie auch Geberländer. Die steigende Relevanz sogenannter nicht-traditioneller Geber zeigt sich in einer ganzen Reihe neuer multilateraler Gremien wie etwa der Asiatischen Infrastruktur- und Investmentbank AIIB oder der Neuen Entwicklungsbank NDB, die im Gegensatz zu vielen «traditionellen» Gremien wie Weltbank oder dem IWF nicht vom Westen dominiert sind.
So ist es auch nicht erstaunlich, dass sich viele der ärmeren und ärmsten Länder, die unter dem Gewicht eines ungerechten, von westlichen Interessen dominierten globalen Finanz- und Wirtschaftssystems ächzen, immer mehr vom Westen abwenden und lieber mit anderen Geberländern, wie China oder Russland, zusammenarbeiten. Und während der Kollaps der internationalen Zusammenarbeit voraussichtlich Millionen von Todesopfern fordern wird, lassen verschiedene afrikanische Staatschefs verlauten, dass dieser Umbruch «längst überfällig» gewesen sei (Präsident Hichilema, Zambia) und als Signal gesehen werden müsse, sich stärker auf die eigenen Kräfte zu verlassen (Präsident Mahama, Ghana).
Auch die Zivilgesellschaft im sogenannten Globalen Süden fordert immer lauter Reformen der internationalen Zusammenarbeit und gerechtere Rahmenbedingungen, die es den ärmeren Ländern erlauben, ihre Ressourcen für die eigene Entwicklung einzusetzen.
Alter Wein in neuen Schläuchen?
Expert:innen sind sich einig, dass mit der Zerschlagung der US-amerikanischen Entwicklungsagentur USAID ein neues Zeitalter der internationalen Zusammenarbeit angebrochen ist. Nicht einig sind sie sich allerdings bei den Lösungsansätzen für die aktuelle Krise. Während die meisten europäischen Entwicklungsagenturen verstärkt der Maxime «Mobilisierung des Privatsektors» folgen, werden in den globalen Netzwerken der Zivilgesellschaft weitaus grundlegendere strukturelle Reformen diskutiert.
Denn bei allen Erfolgen der internationalen Zusammenarbeit besteht durchaus Reformbedarf angesichts von Fragmentierung, Bürokratisierung, aber auch bei der Lokalisierung und Dekolonisierung.
Während sich die Anzahl offizieller Entwicklungsakteure zwischen 2000 und 2020 mehr als verdoppelt hat (von etwa 212 auf 544), ist der finanzielle Umfang einzelner Transaktionen stark gesunken. Viele Empfängerländer sind heute mit über 150 verschiedenen Agenturen in Kontakt, die jeweils eigene administrative Anforderungen stellen. Eine bessere Zusammenarbeit aller Akteure sowie die konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen und administrativen Systemen der Empfängerländer (country ownership) wäre zielführender.
Dekolonisierung und Lokalisierung der internationalen Zusammenarbeit müssen endlich umgesetzt werden: Dies bedingt nicht nur dringend notwendige Reformen wichtiger multilateraler Gremien wie des IWF, der Weltbank, dem OECD-Entwicklungshilfeausschuss oder dem UNO-Sicherheitsrat, um die Stimme der «Entwicklungsländer» zu stärken, sondern auch Reformen der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit im Bereich der «Lokalisierung». Dazu müssen komplizierte bürokratische Anforderungen abgebaut werden, die es lokalen Entwicklungsakteuren oft verunmöglichen, an Gelder zu kommen und Projekte und Programme unkompliziert und effizient umzusetzen. Ebenso notwendig ist der konsequente Abbau von Machtungleichheiten in Entscheid- und Umsetzungsstrukturen.
Gerechte Nord-Süd Beziehungen gestalten
Die Ausgaben für internationale Zusammenarbeit sind ausserdem nur einer von vielen globalen Finanzflüssen. Gemäss der UNO-Organisation für Handel und Entwicklung UNCTAD verliert Afrika jedes Jahr 89 Milliarden US-Dollar durch unlautere Finanzflüsse – dies ist zwei Mal mehr als die gesamte internationale Zusammenarbeit für den Kontinent. Zentral sind dabei die Steuerflucht und der Rohstoffsektor. Aufgrund des Mittelabflusses fehlt den ärmsten Ländern Steuergeld, um Bildungs- und Gesundheitssysteme zu finanzieren. Gleichzeitig sind viele ärmere Länder hoch verschuldet. Gemäss UNCTAD geben aktuell 61 Entwicklungsländer gemäss Kategorisierung der UNO über 10 Prozent ihrer Staatseinnahmen für den Schuldendienst aus. In einigen Ländern sind es gar 30-40 Prozent – und damit bei weitem mehr, als diese Länder für Gesundheit und Bildung ausgeben.
Um weltweit Armut und Hunger zu reduzieren, braucht es mehr als nur die internationale Zusammenarbeit – es braucht auch eine gerechte Aussen-, Wirtschafts- und Finanzpolitik, die sicherstellt, dass die reichen Länder sich nicht länger auf Kosten der armen Länder bereichern.
Die internationale Zusammenarbeit befindet sich im Umbruch – weltweit und auch in der Schweiz. Wichtige Institutionen gehen tiefgreifenden strukturellen Reformen aus dem Weg und delegieren die Verantwortung lieber an den Privatsektor. Aber es gibt immer mehr Stimmen, die sich eine neue, wahrhaft wertebasierte internationale Zusammenarbeit auf Augenhöhe wünschen. Eine internationale Zusammenarbeit, die eingebettet ist in eine breitere, reformierte Aussen-, Wirtschafts- und Finanzpolitik ebenso wie eine nachhaltigere Ernährungs-, Klima- und Biodiversitätspolitik. Angesichts der immer akuter werdenden globalen Krisen und dem politischen Rechtsrutsch, scheint es wichtiger denn je, dass sich eine nationale und global koordinierte Zivilgesellschaft formiert, die sich diesen Tendenzen mit einem klaren Bekenntnis zu Demokratie, Menschenrechten, Klimaschutz und internationaler Zusammenarbeit entschieden entgegenstellt.
