Arbeitskräftemobilität in Zeiten demografischer Ungleichgewichte

Warum die Idee der 10-Millionen-Schweiz ein Eigentor ist
VON: Régis Blanc, Patrik Berlinger - 24. April 2026

Während die 10-Millionen-Initiative das demografische Problem verschärft, eröffnet die internationale Arbeitskräftemobilität interessante Chancen. Migration sollte dabei nicht als Motor für stetiges Wachstum verstanden werden, sondern als realistischer Weg, um Engpässe in zentralen Berufsfeldern abzubauen und die soziale und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit in den Herkunfts- und Aufnahmeländern zu verbessern.

Am 14. Juni 2026 stimmt die Schweiz über die so genannte «Nachhaltigkeitsinitiative» der SVP ab. Bundesrat und Parlament stellen sich klar gegen die Initiative. Der Name der Initiative ist irreführend, und ihr Inhalt birgt grosse Risiken: Bereits bei einer moderaten vierprozentigen Zunahme der Bevölkerung müsste die Personenfreizügigkeit mit der EU aufgekündigt werden. Dadurch würde sich die Fachkräfte-Lücke im Gesundheits- und Pflegebereich noch verschärfen. Gleichzeitig müsste die Schweiz allenfalls internationale Menschenrechtsabkommen, darunter die Flüchtlings- und Kinderrechtskonvention sowie den UNO-Pakt II, aufkündigen.

Betroffen wäre nicht nur die Care-Arbeit, sondern die gesamte Wirtschaft. Während die geburtenstarke Babyboomer-Generation in den Ruhestand geht, fehlen schon heute jährlich zehntausende Arbeitskräfte. Internationale Zahlen verdeutlichen dies: Reiche Länder und solche mit mittlerem Einkommen sind von einer alternden Bevölkerung konfrontiert. Das Tempo unterscheidet sich, der Trend ist jedoch eindeutig. In den OECD-Ländern stieg die Zahl der über 65-Jährigen pro 100 Personen im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) in den letzten 30 Jahren von durchschnittlich 21 im Jahr 1994 auf 33 im Jahr 2024. In den nächsten 30 Jahren wird ein Anstieg auf 55 pro 100 Personen erwartet.

Arbeitskräftemangel wird sich noch verschärfen

Länder mit einer alternden Bevölkerung leiden zunehmend unter einem Arbeitskräftemangel, der zu vielfältigen Herausforderungen für die Gesundheitssysteme und Altersvorsorge sowie für die wirtschaftliche Entwicklung und öffentlichen Finanzen führt. Massnahmen zur Bewältigung solcher Probleme, etwa Automatisierung und Digitalisierung, eine Erhöhung des Rentenalters oder eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen nach der Geburt, sind begrenzt und werden den Alterungstrend nicht aufhalten.

Der strukturell bedingte Arbeitskräftemangel schränkt die Produktion bereits heute ein: Im April 2025 gab jedes sechste Unternehmen in der Industrie und jedes vierte Unternehmen im Dienstleistungssektor im Euroraum an, dass Arbeitskräftemangel die Geschäftstätigkeit einschränkt. Die Engpässe dürften sich mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung in den kommenden Jahren noch verschärfen – auch in Branchen, die für die digitale und ökologische Transformation von entscheidender Bedeutung sind, wie im Draghi-Bericht über die Wettbewerbsfähigkeit der EU hervorgehoben wird.

Diese Herausforderungen werden auch in der Schweiz akut, wenn auch etwas später als in den Nachbarländern: Laut dem Schweizerischen Arbeitgeberverband könnte bis 2035 ein Mangel von bis zu 300’000 Personen im erwerbsfähigen Alter entstehen, während die Zahl der über 65-Jährigen gemäss dem Bundesrat bis 2055 auf 45 pro 100 Personen im erwerbsfähigen Alter ansteigt.

Gegensätzliche demografische Entwicklungen: eine Rolle für die Migration

In vielen Ländern des globalen Südens ist die Altersstruktur ganz anders – dort wächst die Zahl junger Menschen, die in den kommenden Jahrzehnten ins erwerbsfähige Alter eintreten, vor allem in Subsahara-Afrika. Jene Arbeitsmärkte sind häufig informell, wobei Unterbeschäftigung, Erwerbsarmut und begrenzte Bildungs- und Qualifizierungssysteme allgegenwärtig sind.

Die gegensätzlichen demografischen Entwicklungen werfen Fragen hinsichtlich der «Arbeitskräftemobilität» auf. Dabei geht es nicht nur darum, den Mangel an geeigneten Arbeitskräften in alternden Volkswirtschaften auszugleichen, sondern auch um die Chance, das transformative Potenzial von Migration für die Herkunftsländer und für junge Arbeitnehmende zu nutzen – z. B. durch geeignete Aus- und Weiterbildung, Geldüberweisungen (sog. Rimessen oder Rücküberweisungen), Diaspora-Netzwerke und Wissenstransfer nach der Rückkehr.

Wichtig ist: Die Anerkennung von Migration in alternden Gesellschaften bedeutet nicht, ein unbegrenztes Bevölkerungs- oder Wirtschaftswachstum zu befürworten. Selbst bei anhaltender Einwanderung werden die meisten Länder mit hohem Einkommen wahrscheinlich weiter altern und in einigen Fällen einen allmählichen Bevölkerungsrückgang erleben. Migration sollte daher als realistischen und humaner Mechanismus betrachtet werden, der demografische Übergänge abfedert, Engpässe in wichtigen Sektoren verringert und die soziale und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit sowohl in den Herkunfts- als auch in den Aufnahmeländern stärkt.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob Migration eine Rolle spielen sollte, sondern wie sie gestaltet werden kann, dass sie effektiv, ethisch und würdevoll, und für alle Beteiligten vorteilhaft ist.

Partnerschaften für bessere Mobilität von Fachkräften

Entscheidend ist die Art und Weise, wie die Arbeitskräftemobilität organisiert wird: Eine unkoordinierte oder rein nachfrageorientierte Rekrutierung birgt die Gefahr, dass Arbeitsstandards untergraben werden (Stichwort: Ausbeutung) und politische und soziale Spannungen sowohl in den Entsendeländern (Braindrain) als auch in den Aufnahmeländern (Expatisierung) entstehen. Vielversprechend sind hingegen Partnerschaften für die Mobilität von Fachkräften, um diese strategischer, planbarer und für alle Seiten vorteilhaft zu gestalten.

  • Für Herkunftsländer müssen Partnerschaften auf die nationale Entwicklung abgestimmt sein. Investitionen in die Ausbildung junger Menschen sollten auch zur Bildung von Humankapital im Inland beitragen. Gerade Sektoren wie Gesundheit, Bildung oder öffentliche Dienste dürfen unter keinen Umständen geschwächt werden. Werden Mobilitätswege in umfassendere Massnahmen zur Entwicklung der Arbeitskräfte eingebettet, können Unternehmen über Migrationskorridore hinweg zusammenarbeiten und Ausbildungssysteme stärken. Ebenso wichtig sind Massnahmen zur Wiedereingliederung, die wirtschaftliche, soziale und psychosoziale Unterstützung bieten, zusammen mit der Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen und dem Wissenstransfer.
  • Für die Zielländer ist es wichtig, über die kurzfristige Anwerbung hinauszugehen und vorhersehbare, regulierte Vereinbarungen zu etablieren. Transparente und faire Anwerbeverfahren, die Anerkennung von Qualifikationen, die Durchsetzung von Arbeitsnormen und Integrationsmassnahmen sind unerlässlich, um Druck auf die Löhne und Arbeitsbedingungen zu vermeiden und den sozialen Zusammenhalt zu fördern. Um dies zu erreichen, sollten die ausländischen Arbeitnehmenden im Mittelpunkt der Partnerschaften stehen. Dies erfordert Schutz vor missbräuchlichen Anwerbepraktiken, Zugang zu menschenwürdiger Arbeit und sozialem Schutz sowie echte Optionen für zirkuläre (also wiederkehrende) Migration. Damit Mobilität zu langfristigen beruflichen und wirtschaftlichen Vorteilen führt, sei es in den Zielländern oder nach der Rückkehr, muss die Übertragbarkeit von Fähigkeiten und Erfahrungen gewährleistet sein.

Fairness und Transparenz sind keine Zugabe, sondern Voraussetzung für wirksame Partnerschaften zur Mobilität von Fachkräften. Ohne sie besteht die Gefahr, dass die Arbeitskräftemobilität fragmentiert, nicht menschenwürdig und gesellschaftlich umstritten bleibt. Die zentrale Herausforderung für Politik und Praxis besteht darin, Migration so zu gestalten, dass Rechte geschützt, Vertrauen gestärkt und gemeinsame Entwicklungsziele gefördert werden. Wenn dies gelingt, kann die Arbeitskräftemobilität eine sinnvolle ergänzende Massnahme sein, um demografische Herausforderungen zu bewältigen und gleichzeitig den sozialen Zusammenhalt und die wirtschaftliche Nachhaltigkeit zu stärken.

Wie Helvetas Arbeitskräftemobilität mit Chancen verbindet

Arbeitsmigration kann negative Folgen haben, wenn sie unreguliert ist: Riskante Reisen, Ausbeutung bei der Arbeit und zurückgelassene Familien und Gemeinschaften. Für Helvetas ist Arbeitskräftemobilität daher Teil umfassenderer Entwicklungs- und Schutzsysteme. Der Ansatz basiert auf Menschenrechten und fairen Arbeitsstandards. Ein gut geregeltes Migrationssystem ermöglicht es Menschen, sicher und in Würde zu migrieren und gleichzeitig zu den wirtschaftlichen und sozialen Zielen im Herkunfts- und im Zielland beizutragen. Erforderlich dafür sind legale Wege, eine faire Rekrutierung, Zugang zu Schutz und Justiz sowie die Unterstützung bei der Integration und bei einer humanen Rückkehr und Wiedereingliederung.

In Nepal und Bangladesch fördert Helvetas zum Beispiel den Zugang zu relevanten Informationen vor der Ausreise, die Entwicklung von Fähigkeiten, das Einfordern von Arbeits- und Sozialrechten sowie den Zugang zu wirksamen Beschwerde- und Unterstützungsmechanismen. Helvetas unterstützt die wirtschaftliche, soziale und psychosoziale Wiedereingliederung, einschliesslich der Anerkennung im Ausland erworbener Fähigkeiten. In West- und Nordafrika wiederum hilft Helvetas mit, den Zugang zu Bildung, Kompetenzentwicklung, menschenwürdiger Arbeit und Unternehmertum sowie den Schutz für junge Menschen zu verbessern. 

Helvetas unterstützt auch Regierungen mit dem Ziel, Arbeitskräftemobilität langfristig und nachhaltig in der Politik zu verankern. Die breite Erfahrung von Helvetas in den Bereichen Beschäftigung und Kompetenzentwicklung trägt dazu bei, die Arbeitskräftemobilität auf die tatsächlichen Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und der nationalen Entwicklung abzustimmen. Dies erleichtert die Gestaltung von Mobilitätswegen und Migrationsrouten, die nicht nur sicherer sind, sondern auch mit grösserer Wahrscheinlichkeit zu menschenwürdiger Arbeit und langfristigen Vorteilen für alle führen.

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