© Keystone/AP Photo/Rodrigo Abd

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel, Teil 5

Die Coronakrise verursacht wirtschaftlichen Schaden – nicht nur in Europa, sondern erst recht in Entwicklungsländern. Drei Helvetas-Mitarbeitende aus drei Kontinenten berichten regelmässig, wie Covid-19 den Alltag der Menschen in Myanmar, Burkina Faso und Peru verändert. Teil fünf dieses aussergewöhnlichen Tagebuchs.
05. Mai 2020
© Keystone/AP Photo/Rodrigo Abd

Burkina Faso: Wirtschaftliche Folgen zeichnen sich ab

Von Franca Roiatti, Helvetas-Kommunikationsverantwortliche für Westafrika

© Franca Roiatti
© Franca Roiatti

Burkina Faso beschleunigt die Rückkehr zur Normalität: Regierungsbüros sind wieder geöffnet, Schulen nehmen ab 11. Mai schrittweise den Betrieb wieder auf, die öffentlichen Verkehrsmittel funktionieren bald wieder normal. Beruhen diese Entscheidungen auf einem rückläufigen Trend der Ansteckungen? Ja, aber nur teilweise.

Proteste aus Angst vor Hunger

Die Menschen, die von der harten Reaktion auf das Coronavirus betroffen waren, begannen auf die Strasse zu gehen. Ende April, nach der Wiedereröffnung des Zentralmarktes von Ouagadougou, blockierten Kleinhändler Strassen und forderten, alle Märkte wieder zu öffnen. «Wir können nicht länger zu Hause bleiben und nichts tun, wir müssen Geld verdienen: Unsere Familien werden hungrig», sagte einer der Protestierenden vor der Presse. Am Tag darauf erlaubte die Stadtverwaltung von Ouagadougou, dass die Märkte ihre Aktivitäten unter Sicherheitsvorkehrungen wieder aufnehmen dürfen: Maskenpflicht, Händewaschen vor Betreten des Markts, soziale Distanz. Bei einem Rundgang durch einen dieser Märkte sah ich, wie sich die Menschen bemühten, diese Regeln einzuhalten: Mit Desinfektionsgel bewaffnete Männer luden die Marktbesuchenden ein, sich die Hände zu säubern, und wiesen alle, die keine Maske trugen, weg.

Kampf gegen Gerüchte

Die Regierung versucht, beruhigt durch die nicht drastisch steigenden Covid-19-Fallzahlen (obwohl die Testkapazität immer noch sehr gering ist), weitere Proteste und eine Verschlimmerung der wirtschaftlichen Auswirkungen zu verhindern. Dabei verlässt sie sich auf die Einhaltung der Präventivmassnahmen. Masken sind seit
27. April Pflicht, aber nicht beliebt, noch immer tragen sie nur wenige Menschen. Nachrichten über Covid-19 und darüber, wie die Übertragung verhindert werden kann, haben sich weit verbreitet, aber Gerüchte sind schwer zu verhindern. Aus diesem Grund hat das Helvetas-Projekt LAAFIA eine Radiosendung gegen «Fake» News produziert. Sie wird im Osten des Landes ausgestrahlt. Der Projektleiter Ououna Zango erzählt: «Als wir daran arbeiteten, die Menschen besser darüber zu informieren, wie sie sich korrekt verhalten können, haben wir Verschiedenes gehört: Corona betreffe nur die Reichen, die mit Klimaanlage im Büro sitzen, oder Corona sei von der Regierung erfunden worden, um mehr Geld für die kommenden Wahlen zu erhalten

Unterstützung der lokalen Produzenten

Eine riesige Herausforderung sind die wirtschaftlichen Folgen, welche die Coronakrise mit sich bringt. Der Export landwirtschaftlicher Produkte hat sich verlangsamt, die Produzenten stehen vor schwierigen Zeiten: «Ich versuche verzweifelt, einer Gruppe von Bananenproduzenten zu helfen, ihre Bananen schnell zu verkaufen, sonst riskieren sie, alles zu verlieren», erzählt mir Teslim, einer der Bauern, die an unserem Projekt PAPEA zur Entwicklung des Unternehmertums und der kleinen landwirtschaftlichen Betriebe beteiligt sind. Das Projekt, das die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) finanziert und das mit einer Partner-NGO umgesetzt wird, hilft jetzt den Kleinunternehmen, Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Es steht viel auf dem Spiel, denn nach Angaben der Weltbank besteht die Gefahr, dass diese Pandemie über 23 Millionen Menschen in Afrika südlich der Sahara und fast 50 Millionen weltweit in die extreme Armut zurückdrängt.

© REUTERS ATTENTION EDITORS

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 1

Lesen Sie hier den ersten Teil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 9. März.
© AFP/PHYO MAUNG MAUNG

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 2

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 19. März.

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 3

Lesen Sie hier den dritten Teil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 1. April.
© Franca Roiatti | Helvetas

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 4

Lesen Sie hier den viertenTeil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 21. April.

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 6

Lesen Sie hier den sechsten Teil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 20.5.
© MPP

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 7

Lesen Sie hier den siebten Teil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 9. Juni

Myanmar: Nicht alle erhalten Lebensmittel von der Regierung

Von Peter Schmidt, Direktor Helvetas Myanmar

© Keystone/Xinhua/U Aung
© Keystone/Xinhua/U Aung

Ma Phyu ist seit über fünf Jahren für die Sauberkeit in unserem Helvetas-Büro in Myanmars Hauptstadt Yangon verantwortlich. Die 39-Jährige gehört zu einer der grössten der zahlreichen ethnischen Minderheiten in Myanmar, den Karen. Und sie gehört denjenigen Berufsgattungen an, für die sich arbeiten im Home-Office nicht gerade anbietet.

Ihr Mann arbeitet weiter – ohne Lohn

Ma Phyu lebt in Insein, einem der dicht besiedelten Stadtkreise Yangons. Ihr Mann ist als Wächter einer Privatschule angestellt, in der die beiden auch leben. Sie schlafen in einem der Schulzimmer, ihre Habseligkeiten lagern tagsüber in einer Abstellkammer. Die Schule ist wegen Covid-19 geschlossen. Seinen Lohn hat Ma Phyus Mann seither nicht mehr erhalten. Bewachen aber soll er das Areal weiterhin.

Nur zwei Strassen weiter wurde eine Person positiv auf das Virus getestet. Seither ist das Quartier rigoros abgeriegelt. Pro Haushalt darf wöchentlich bloss eine Person einmal im eigenen Quartier einkaufen gehen. Da sich das Helvetas-Büro in einem anderen Quartier befindet, kann Ma Phyu ihrer Arbeit derzeit nicht nachgehen. Als ich kürzlich trotz grundsätzlicher Homeoffice-Regel im Helvetas-Büro etwas erledigen gehen musste, traf ich sie zu meinem Erstaunen dennoch an. Sie wässerte unsere Pflanzen. Sie erzählte mir, sie habe die Wachleute an der Absperrung überzeugen können, dass sie ausserhalb des Quartiers etwas einkaufen gehen müsse. Ich sagte ihr, sie dürfe nicht zur Arbeit kommen, solange der Lockdown in Kraft ist, und erkundigte mich nach ihrem Befinden: «Am meisten belastet mich, dass ich meine Verwandten nicht besuchen kann, obwohl sie nicht weit weg wohnen. Und dass ich meine Arbeit nicht machen kann.» Ich fragte, ob sie auch von den von der Regierung verteilten Lebensmitteln erhalten habe. Sie verneinte: «Die Quartierverwaltung hat eine Liste ausgehängt. Unsere Namen waren nicht drauf. Der Name der Putzfrau der Schule aber schon. Ich weiss nicht, weshalb sie Reis und Öl bekommen und wir nicht.» Aber glücklicherweise seien sie dank ihrer Stelle hier im Moment nicht auf Lebensmittelrationen angewiesen. Worauf sie sich denn am meisten freue, wollte ich noch wissen. «Auf einen Besuch im Haus meiner Tante. Da gibt es immer gutes Essen!»

Begnadigte Gefangene in der Coronakrise

In Insein befindet sich auch eines der grössten und berüchtigtsten Gefängnisse Myanmars. Traditionell zum Wasserfestival, dem burmesischen Neujahr, erlässt der Präsident Strafen. Dieses Jahr, vor knapp zwei Wochen, hat er landesweit über ein Viertel aller Inhaftierten, exakt 24’896 Gefangene, begnadigt. Das sind mehr denn je in den letzten zehn Jahren. Gemäss der Zahlen, die Ende 2018 das führende englischsprachige Magazin «Frontier» veröffentlichte, hat er damit ziemlich genau die geschätzte Überbelegung in den 93 Gefängnissen Myanmars ausgeglichen. Einen Zusammenhang mit der Coronakrise hat er nicht hergestellt.

Wir alle müssen jetzt handeln ...

Schützen Sie jetzt die von Armut betroffenen Menschen vor der Ansteckung mit dem Coronavirus.
Ja, ich spende

Peru: Nahrungsmittel für Bauernfamilien, die nichts mehr verkaufen können

Von Kaspar Schmidt, Helvetas-Programm-Berater Peru

© Helvetas
© Helvetas

Soeben begann Woche acht des Notstandsregimes in Peru. Einkaufen ist nur noch mit Gesichtsmaske und Handschuhen erlaubt. Allmählich macht sich eine gewisse Notstandsroutine breit. Vor einigen Wochen noch improvisierte Massnahmen festigen sich allmählich. Alles Anzeichen dafür, dass uns Corona noch lange begleiten wird, dass es kein einfaches Zurück zu dem gibt, was vorher war. Eine Bank hier im Quartier liess zum Schlangenstehen blaue Ringe im Abstand von zwei Metern aufs Trottoir malen – «Eile mit Weile», dachte ich im Vorbeigehen.

Die Covid-19-Fallzahlen steigen weiter

Täglich schauen wir uns die Covid-19-Kurven an. Nach sieben Wochen Notstandsregime sollten die Fallzahlen doch allmählich abnehmen! Doch in den letzten Tagen haben sie nochmals zugenommen, jeden Tag. Wann kommt die ersehnte Wende?

Derweil passen wir die Helvetas-Projekte den neuen Gegebenheiten an. Gemeinsam mit Partnerorganisationen unterstützen wir Bauerngenossenschaften bei der Suche nach Lösungen für die Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte unter erschwerten Bedingungen. Seit April läuft die Kakaoernte. Die Kakaobauern im Departement Amazones stehen in Kontakt mit ihren üblichen Käufern. Doch die Abwicklung des Verkaufes ist schwierig. Es braucht spezielle Bewilligungen und negative Testresultate für anreisende Händler. In einigen Fällen werden die Bauernfamilien ihren Kakao wohl zu einem deutlich geringeren Preis auf dem lokalen Markt verkaufen müssen. Es herrscht grosse Unsicherheit, und kaum jemand ist bereit, durch ein festes Engagement oder die Nennung eines fixen Preises, Sicherheit zu schaffen.

Bauernfamilien können Erzeugnisse nicht verkaufen

Am Ostabhang der Anden im Department Junín schliessen die Partner und Mitarbeitenden von Helvetas diese Tage die Verteilung von Warenkörben mit Grundnahrungsmitteln und Hygieneprodukten an 600 bedürftige Familien ab. Die strikten Regeln des Notstandregimes und die Schliessung vieler Territorien verunmöglichen es diesen Bauernfamilien, ihre Erzeugnisse auf dem Markt zu verkaufen. Um einen Beitrag an ihre Ernährungssicherheit und Hygiene während der Zeit der physischen Isolation zu leisten, bat der Auftraggeber eines Kaffeeprojektes Helvetas, die Organisation und Verteilung der Warenkörbe zu übernehmen. Die Beschaffung der erforderlichen Fahrbewilligungen und der Produkte bei lokalen Lieferanten gestaltete sich aufwändig unter den aktuellen Restriktionen. Dank der Präsenz und der Kontakte von Helvetas vor Ort konnten die Projektmitarbeitenden die Listen der begünstigten Familien in Zusammenarbeit mit Gemeinden und lokalen Entscheidungsträgern schnell erstellen und die Warenkörbe innerhalb einer Woche an die Familien ausliefern.

Vorbereitend auf die Zeit nach dem Notstand, hat die peruanische Regierung Pläne zur Wiederaktivierung der Wirtschaft in vier Phasen von Mai bis August verabschiedet. Auch Helvetas bereitet sich vor, der Arbeit wieder vom Büro aus nachgehen zu können. Wann werden wir diesen Schritt wohl machen können?

Wir alle müssen jetzt handeln ...

Schützen Sie jetzt die von Armut betroffenen Menschen vor der Ansteckung mit dem Coronavirus.
Ja, ich spende