© Franca Roiatti | Helvetas

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 4

Während in der Schweiz die stufenweise Aufhebung des Lockdowns anläuft, stehen die Entwicklungsländer vor enormen Herausforderungen. Drei Helvetas-Mitarbeitende aus drei Kontinenten berichten regelmässig, wie Covid-19 den Alltag der Menschen in Myanmar, Burkina Faso und Peru verändert. Teil vier dieses aussergewöhnlichen Tagebuchs.
21. April 2020
© Franca Roiatti | Helvetas

Myanmar: Rigoroser Lockdown würde Hunger bedeuten für tausende Taglöhner

Von Peter Schmidt, Direktor Helvetas Myanmar

Myanmar Corona  migrants returning from Thailand | © Nyan Seik | Helvetas
© Nyan Seik | Helvetas

Jede Schweizer Berggemeinde, die etwas auf sich hält, leistet sich einen Mehrzwecksaal. Ich habe jetzt auch einen: mein Wohnzimmer im dritten Stock in Yangon ist Büro, Essraum und Turnhalle in einem. Seit zehn Tagen habe ich keinen Menschen von Angesicht zu Angesicht gesprochen. Aber wem sage ich das, das ist nichts anderes als die kollektive Erfahrung weltweit. Nur dass ich privilegiert bin: Die hellgrüne Plastikbox ist noch immer randvoll gefüllt mit Nahrungsmitteln, der Trinkwasservorrat reicht noch für zehn Wochen, und wer, hier in Myanmars Hauptstadt, verfügt schon über so viel Platz wie ich!

Helvetas informiert mit Comicvideos und Aktionen über die Gefahr

Letztes Wochenende (19.4.) überschritt die Anzahl bestätigter Infektionen mit dem Coronavirus die Hundertermarke in Myanmar. Die Behörden, die internationale Gemeinschaft, die Zivilgesellschaft: Alle bereiten sich vor und tun, was sie können. Helvetas hat mit ihren Geldgebern innerhalb von wenigen Tagen 150'000 Franken freigestellt, um die Bevölkerung auch in abgelegenen Gebieten auf die Gefahr aufmerksam zu machen – unter anderem mit Comicvideos auf Facebook, mit Plakaten in den Dörfern und mit Informationskampagnen in den Teefabriken, die wir unterstützen.

Die Regierung steht vor einem vielschichtigen Dilemma: Ein rigoroser Lockdown wäre die beste Prävention, insbesondere angesichts eines Gesundheitssystems mit beschränkten Möglichkeiten. Und gleichzeitig würde er den Totalausfall der Einnahmen bedeuten für all die tausenden Taglöhner, die von der Hand in den Mund leben. Hungrige Leute, gerade in einer Millionenstadt wie Yangon, könnten für soziale Unruhen sorgen. Die Regierung lässt Reis, Speiseöl und ein Säckchen Hülsenfrüchte verteilen: Ein Tropfen auf den heissen Stein.

Die Regierung wird keinen Ausnahmezustand ausrufen

Inspiriert von anderen Ländern, wird die heimische Wirtschaft gestützt: 70 Millionen Dollar für zinsgünstige Kredite sind bereitgestellt. Der vergleichbare Betrag in der Schweiz ist rund eintausendmal höher bei einer Bevölkerung, die gerademal ein Sechstel derjenigen Myanmars ausmacht. Während der letzten zehn Tage, dem Wasserfestival, dem burmesischen Neujahr, hat die Regierung alle Menschen aufgerufen, freiwillig zuhause zu bleiben. Quartiere, in denen Coronafälle entdeckt wurden, sind abgesperrt. Und seit Anfang dieser Woche gilt ein Versammlungsverbot für mehr als vier Personen – ausser, man ist auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum Arzt. So bleiben die Einschränkungen vage, variieren von Ort zu Ort. Die neu angeordnete Ausgangssperre in der Nacht allerdings wird strikt umgesetzt.

Die demokratisch gewählte Regierung wird sich hüten, einen allgemeinen Ausnahmezustand auszurufen. Denn wie ein Damoklesschwert hängt Verfassungsartikel 40b über dem Dilemma: Im Notfall, wenn Leben und Eigentum der Bürgerinnen Myanmars bedroht sind, steht der Armee das Recht zu, die Macht zu übernehmen. (geschrieben am 18.4.2020)

© REUTERS ATTENTION EDITORS

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 1

Lesen Sie hier den ersten Teil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 9. März.
© AFP/PHYO MAUNG MAUNG

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 2

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 19. März.

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 3

Lesen Sie hier den dritten Teil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 1. April.
© Keystone/AP Photo/Rodrigo Abd

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 5

Lesen Sie hier den fünften Teil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 5. Mai.

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 6

Lesen Sie hier den sechsten Teil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 20.5.
© MPP

Corona – aus einem etwas anderen Blickwinkel Teil 7

Lesen Sie hier den siebten Teil des Tagebuchs aus Myanmar, Burkina Faso und Peru vom 9. Juni

Burkina Faso: Kreative und innovative Lösungen sind gefragt

Von Franca Roiatti, Helvetas-Kommunikationsverantwortliche für Westafrika

Public Fountain in Ouagadougou, Burkina Faso | © Franca Roiatti
© Franca Roiatti

Sechs Wochen, nachdem die ersten Covid-19-Fälle in Ouagadougou entdeckt wurden, schwankt die Situation zwischen Notfallmanagement und dem Versuch, vorsichtig zur Normalität zurückzukehren. Gruppen junger Freiwilliger führen Sensibilisierungskampagnen durch, Informationen über Präventivmassnahmen verbreiten sich – manchmal auf recht unkonventionelle Weise. Ein Beispiel sind die Markierungen auf Motorradfahrbahnen. Sie erinnern die Motorradfahrer daran, Abstand zu halten, während diese an Ampeln warten. Ab 27. April ist das Tragen von Masken Pflicht. Da es schwierig ist, sie zu importieren, hat die Regierung beschlossen, auf lokale Kräfte zurückzugreifen. Weberinnen und Weber im ganzen Land – meistens Frauen – stellen den traditionellen Stoff «Faso Danfani» aus einem speziellen Baumwollfaden her, um wiederverwendbare Masken zu kreieren.

4 Kinder an einem Pult – wie kann man Abstand halten?

Die Regierung hat die Ausgangssperre verkürzt, den zentralen Markt in Ouagadougou wieder geöffnet und bereitet die Wiedereröffnung der Schulen unter einer Reihe von Bedingungen vor: Verfügbarkeit von Handwaschgeräten, Verpflichtung für Lehrer und Schüler, Masken zu tragen, die vom Staat zur Verfügung gestellt werden. «Es wird nicht leicht sein. Viele Klassenzimmer vor allem in ländlichen Gegenden sind überfüllt. Wie kann man sozialen Abstand halten, wenn vier Kinder an einem Pult sitzen?», fragt Lehrer Paul Ilboudo. Dennoch seien andere Lösungen, wie das von Privatschulen angebotene Online-Lernen, in Gegenden ohne Elektrizität und ohne Zugang zum Internet schlicht unmöglich.

Es wurde ein Plan ausgearbeitet, der Unternehmen, informellen Verkäufern und gefährdeten Haushalten helfen soll, mit den wirtschaftlichen Folgen von Corona fertig zu werden. Der Staat hat zum Beispiel die Steuerzahlungen ausgesetzt, übernimmt die Mieten kleiner Geschäfte, die zur Schliessung gezwungen wurden, und zahlt bestimmte Strom- und Wasserrechnungen. Wasser aus öffentlichen Brunnen soll ebenfalls kostenlos sein. Das Massnahmenpaket ist mehr als 631 Millionen Schweizer Franken wert, eine enorme Summe für ein Land, dessen Jahresbudget die Hälfte des Budgets der Stadt Zürich beträgt. Diese Massnahmen sind lobenswert, doch erinnern sie auch an die Ungleichheit, die im Land besteht: Viele Familien sind gar nicht an das Stromnetz angeschlossen und haben zuhause auch kein fliessendes Wasser – ihnen nützt es nichts, dass die Regierung die Rechnungen bezahlen würde. Ausserdem führen die öffentlichen Brunnen in der Trockenzeit oft (fast) kein Wasser.

Helvetas hilft Seife herzustellen und Wasserstellen zu sanieren

Noch schwieriger werden die Bedingungen in den Dörfern, die Binnenvertriebene aufnehmen, die vor der Gewalt bewaffneter Gruppen geflohen sind. Bestehende Brunnen und Pumpen, die kaum den Bedarf der Bewohner decken, müssen nun auf die steigende Nachfrage nach Wasser reagieren. Darum saniert Helvetas mit dem Nothilfeprojekt WASHPRO zehn Wasserstellen, die mindestens 3000 Menschen mit Wasser versorgen werden. Helvetas organisiert zudem Schulungen zur Seifenherstellung. Damit verfolgen wir eine doppelte Absicht: die Verfügbarkeit von Seife in den Dörfern zu erhöhen und es den Frauen zu ermöglichen, durch den Verkauf der Seife etwas Geld zu verdienen.

Die Solidarität im ganzen Land ist bemerkenswert, Einzelpersonen, Organisationen und Unternehmen spenden Nahrungsmittel, Hygiene-Kits, sowie Geld für die Schwächsten. Aber der Bedarf ist enorm. Schätzungen zufolge werden in diesem Jahr mindestens 1,6 Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe benötigen, das Vierfache des entsprechenden Zeitraums von 2019. Eine Zahl, die bis August zwei Millionen überschreiten könnte. Der Hauptgrund ist die Verschlechterung der Sicherheitslage im Land. Ein Problem, das noch schwieriger zu bewältigen ist als die Corona-Krise. (geschrieben am 20.4.2020)

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Peru: Mehrere Hundert Meter Schlange vor den Supermärkten

Von Kaspar Schmidt, Helvetas-Programm-Berater Peru

Municipalidad Provincial de Huánuco continúa repartiendo víveres de primera necesidad a familias de la zona de Aparicio Pomares.  | © ANDINA/Municipalidad de Huánuco
© ANDINA/Municipalidad de Huánuco

Woche fünf des bereits zweimal verlängerten Notstandsregimes in Peru geht zu Ende: Meine Familie war seit Mitte März nicht mehr ausser Haus. Zum Fahrradfahren gehen wir mit den Kindern in die Tiefgarage. Vor Märkten und Supermärkten hier in Lima bilden sich Schlangen, die sich oft mehrere Hundert Meter durch die Quartiere winden. Die Wirtschaft steht weitgehend still. Privatverkehr ist fast überall verboten. Die Folgen des Stillstandes spüren die Menschen, die im informellen Sektor als Tagelöhner arbeiten, als Erste und in voller Härte.

Aus Not: Zu Fuss zurück in die Heimatorte

Aus Mangel an Einkünften, um Essen und Unterkunft zu bezahlen, haben sich über die letzten Tage mehrere Gruppen von Hunderten von Frauen und Männern, die aus ländlichen Gebieten auf der Suche nach Ausbildung und Einkommen nach Lima gekommen waren, zu Fuss in ihre Heimatorte aufgemacht. Diese liegen teilweise mehrere Hundert Kilometer von Lima entfernt. Eine eigentliche Rückwanderungsbewegung hat eingesetzt. Sicherheitskräfte haben einige dieser Rückwanderungszüge unterwegs gestoppt und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Quarantäne gesetzt. Aus Angst vor Infektionen heissen nicht alle Gemeinden die Rückwandernden aus Lima willkommen.

Indigene suchen Schutz in den Wäldern des Amazonasbeckens

In den Anden und in Wäldern des Amazonasbeckens haben sich zahlreiche indigene Gemeinschaften isoliert, um sich vor dem Virus zu schützen. Mit der einsetzenden Erntezeit wichtiger Produkte wie Kartoffeln oder Quinoa in den Anden oder Kakao im Tiefland, stellt sich aber die Frage, wie lokale Bauernfamilien ihre Produkte an externe Käufer verkaufen können – eine schwierige Balance zwischen Isolation zum Selbstschutz und Kontakt mit der Aussenwelt, um essentielles Einkommen zu sichern.

Hilfe für den sicheren Verkauf von Landwirtschaftsprodukten

Die von Helvetas umgesetzten Projekte in den Wertschöpfungsketten von Kakao und anderer landwirtschaftlicher Produkte können jetzt einen Beitrag leisten an die Entwicklung und Anwendung von Massnahmen zur sicheren Abwicklung solcher Verkäufe. Ja, wir werden uns alle immer deutlicher bewusst, wie schwerwiegend die vielfältigen Folgen dieser Pandemie und Krise sein werden. Und wie lange diese uns in unseren Projekten in Lateinamerika wohl noch beschäftigen werden. (geschrieben am 19.4.)

 

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