Krisen, Kriege und der Klimawandel bremsen Erfolge in der Internationalen Zusammenarbeit. Umso wichtiger wäre es nun, das humanitäre Engagement und die nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz zu stärken – um den Ärmsten zu helfen, regionale Perspektiven zu verbessern, internationale Wertschöpfungsketten zu stabilisieren und Sicherheit und Reputation der Schweiz auszubauen.
Skeptiker und Gegnerinnen der Entwicklungszusammenarbeit monieren immer wieder, sie sei nicht wirksam. Diese Behauptung deckt sich weder mit wissenschaftlichen Erkenntnissen noch mit meinen persönlichen Erfahrungen als ehemaliger Präsident der Kommission für internationale Zusammenarbeit, die den Bundesrat berät.
Entwicklungszusammenarbeit bekämpft nachweislich erfolgreich Armut, Kindersterblichkeit und Hunger und beeinflusst die Lebenserwartung von Menschen positiv. Sie schafft wirtschaftliche Perspektiven und stärkt gute Regierungsführung. Krisen, Kriege und der Klimawandel bremsen diese positiven Erfolge derzeit aus. Doch statt das Engagement zugunsten der betroffenen Menschen und Länder zu verstärken, spart die Weltgemeinschaft. So auch die Schweiz, obwohl gemäss der neusten ETH-Sicherheitsstudie über die Hälfte der Schweizer Stimmbevölkerung mehr Entwicklungshilfe leisten will.
Bevölkerung möchte mehr Entwicklungszusammenarbeit
Es ist deshalb nicht verständlich, dass der Bundesrat erneut sparen will. Zum einen, indem das Schweizer Engagement in sechs Ländern beendet und 100 Stellen gestrichen werden sollen, was 113 Millionen Franken einspart. Zum anderen, indem Gelder von der langfristigen Armutsbekämpfung in die kurzfristige humanitäre Hilfe umgeschichtet werden, um Nachtragskredite bei ausserordentlichen Krisen zu vermeiden. Das bedeutet für die Entwicklungszusammenarbeit einen Abbau um weitere 23 Prozent.
Felix Gutzwiller
Entwicklungszusammenarbeit, wie sie beispielsweise Helvetas leistet, ist Präventionsarbeit – auch im Interesse der Schweiz. Warum? Weil sie stabilisierend wirkt. Die volatile Weltlage führt zu neuen Risiken. Während ich diese Zeilen schreibe, verunsichert ein Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo und in Uganda die Menschen vor Ort und Gesundheitsfachleute weltweit; der Krieg im Mittleren Osten destabilisiert die Weltwirtschaft und verstärkt Armut und Ungleichheit in vielen Ländern, vor allem des Globalen Südens.
Entwicklungszusammenarbeit ist Präventionsarbeit
Wo die Gesundheitsversorgung ausgedünnt ist, wo Menschen immer noch keinen Zugang zu sauberem Wasser und qualitativer Schulbildung haben, wo auf Sozialen Medien Hass geschürt wird, die Privatwirtschaft darbt und der Rechtsstaat ausgehöhlt ist, erarbeiten Organisationen wie Helvetas gemeinsam mit Betroffenen und Verantwortlichen Lösungen. Doch statt Perspektiven für junge Menschen in Ländern des Globalen Südens zu schaffen, damit auch sie eine Chance auf ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben haben, verhindern wir mit dem Rotstift hoffnungsvolle Fortschritte.
Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit sind nicht einfach Ausgaben, sondern eine Investition: Mit all ihren Erfahrungen und erwiesenermassen wirksamen Projekten und Programmen kann die Schweiz einen matchentscheidenden Beitrag zur Stabilisierung krisengeschüttelter Staaten und Gesellschaften leisten. Das ist in unserem ureigenen Interesse, weil Armutsbekämpfung, Friedensförderung, Rechtsstaatlichkeit und gute Regierungsführung langfristig Sicherheitsrisiken vor Ort reduzieren. Und damit auch für uns hier in der Schweiz.
* Felix Gutzwiller ist Präventivmediziner und Vorstandsmitglied von Helvetas. Er war National- und Ständerat für die FDP sowie Präsident der Kommission für internationale Zusammenarbeit (Entwicklungshilfe), die den Bundesrat berät.
