Der Bundesrat will die Landwirtschafts- und Ernährungspolitik der Schweiz effizienter und nachhaltiger machen. So steht es im Aussprachepapier, das die zentralen Eckpfeiler der Agrarpolitik ab 2030 (AP30+) enthält. Ob die neue Vision für den angekündigten «Paradigmenwechsel» reicht? Heisse Eisen jedenfalls umschifft der Bundesrat.
Im Dezember 2020 legte das Parlament nach langen und kontroversen Diskussionen die Neuausrichtung der Agrarpolitik (AP22+) auf Eis. Daraufhin machte sich der Bundesrat daran, die Agrarpolitik wenigstens langfristig im Sinne eines ganzheitlichen und nachhaltigen «Ernährungssystem»-Ansatzes weiterzuentwickeln. Er versicherte, vermehrt alle Beteiligten miteinzubeziehen und in die Pflicht zu nehmen – von den Landwirt:innen über die verarbeitenden Betriebe und den Detailhandel bis hin zu den Konsument:innen. Und er versprach: Ab 2030 würden tiefgreifende Anpassungen für eine umweltverträgliche, klimafreundliche und soziale Land- und Ernährungswirtschaft vorgenommen.
Der Bundesrat startet einen neuen Anlauf
Am 18. Februar 2026 stellte der Bundesrat nun seine Vision der Agrarpolitik ab dem Jahr 2030 (AP30+) vor. Die Vernehmlassung soll im Herbst stattfinden, das Parlament wird sich ab 2027 mit der AP30+ beschäftigen. Mit der vorliegenden Vision hat der Bundesrat die zentralen Eckpfeiler bekannt gegeben: Zunächst soll die Agrarpolitik schlanker werden: Der Bund will den administrativen Aufwand reduzieren und Landwirt:innen weniger Vorgaben machen, z.B. in Bezug auf Pflanzenschutzmittel oder das Güllen. Indem Direktzahlungen «ergebnisorientiert» ausgerichtet werden, will der Bundesrat den Handlungsspielraum von Landwirt:innen erhöhen und ihre Eigenverantwortung stärken. Zweitens soll die Position der Landwirtschaftsbetriebe am Markt verbessert werden: Um die Wertschöpfung zu erhöhen und die soziale Situation von Landwirt:innen zu verbessern, will der Bund etwa die Milchpreisstützung ausbauen und verkäste Milch mehr subventionieren.
Drittens sollen Ressourcen effizienter genutzt werden, indem nachhaltige Technologien gestärkt und «pflanzliche Kulturen für die menschliche Ernährung» gefördert werden. Der Bund setzt dafür auf breite Sensibilisierung und Info-Kampagnen, auf nationale Monitoring-Plattformen und Sichtbarmachung von sogenannten «Pionierbetrieben» sowie auf Beratungen zu Biodiversität und Klimaanpassung. Um das gesamte Ernährungssystem nachhaltiger auszugestalten, sollen viertens Lebensmittelverluste verringert und die «Vorzüge einer ausgewogenen Ernährung mit Schweizer Qualitätsprodukten» schmackhaft gemacht werden. Erreichen will der Bund dies mittels «Zielvereinbarungen mit dem Detailhandel» und der Förderung «informierter Kaufentscheide».
Ob das für den angekündigten «Paradigmenwechsel» reicht?
Dem Bund ist bewusst, dass die Schweiz vor ernsthaften Herausforderungen steht: Die Werte für Ammoniak sind wegen der Gülle im gesamten Mittelland kritisch hoch. Und obwohl Pestizidrückstände Flüsse und das Grundwasser bereits stark belasten, weicht das Parlament in der Frühjahrssession 2026 den Gewässerschutz auf. Landwirt:innen importieren zudem immer mehr Futtermittel wegen der intensiven Nutztierhaltung aufgrund des stabil hohen Fleischverzehrs. Mit den genannten vier Eckpfeilern will der Bundesrat nun «einen substanziellen Schritt zur Umsetzung» seiner im Jahr 2022 verabschiedeten Vision «Zukünftige Ausrichtung der Agrarpolitik» bis 2050 gehen. Fraglich ist allerdings, ob der Schritt ausreicht, um tatsächlich einen agrarpolitischen «Paradigmenwechsel» in Richtung «Ernährungssicherheit durch Nachhaltigkeit von der Produktion bis zum Konsum» einläuten zu können.
Was an der Vision vom Februar jedenfalls gleich auffällt: Wie so oft setzt der Bund in erster Linie auf Freiwilligkeit, so etwa bei der «Zielvereinbarung mit dem Detailhandel». Ob das genügt, um nachhaltige inländische Pflanzenprodukte für unsere Ernährung zu fördern? Wird der Detailhandel tatsächlich freiwillig auf Aktionen für tierische Produkte verzichten? Wird er freiwillig auf mehr Transparenz und bessere Produktbeschreibungen bezüglich Umweltwirkung und Tierwohl setzen, um informierte Konsumentscheide zu fördern? Und wird er freiwillig Produkte so platzieren, dass sie entsprechend ihrer positiven Umwelt-, Gesundheits- und Klimawirkung im Vordergrund stehen?
Kostenwahrheit: gezielte, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Anreize setzen
Das Agrarsystem schafft sinnstiftende Jobs; es trägt zur Ernährungssicherheit bei und sorgt für die wichtige Pflege der Kulturlandschaften. Gleichzeitig verursacht das Ernährungssystem aber auch hohe «externe Kosten», z.B. wegen stark gezuckerter Nahrungsmittel und fetthaltigen Fertigprodukten sowie aufgrund schädlicher Stickstoff- und Treibhausgasemissionen, für die die konventionelle Landwirtschaft und die industrielle Schweine- und Geflügelproduktion im Mittelland grossteils verantwortlich sind. Insgesamt belaufen sich die externen Kosten schätzungsweise auf das Zehnfache der Bundesausgaben für Landwirtschaft und Ernährung.
Offensichtlich ist daher: Um die richtigen Anreize zu setzen, müsste sich das Schweizer Ernährungssystem der «Kostenwahrheit» verpflichten, damit gesunde und nachhaltige Produkte preislich attraktiver werden. Nun droht aber ausgerechnet die vom Bundesrat gewünschte Lockerung bei Vorgaben für Bäuer:innen zulasten von Umwelt und Klima zu gehen: Warum verzichtet der Bundesrat auf Lenkungsabgaben auf Kraftfutter und Pestizide, obwohl dies vor wenigen Jahren in seiner langfristigen Vision noch ein zentrales Thema war?
Um Kaufentscheide in Richtung mehr Nachhaltigkeit zu bewegen, könnte beispielsweise die Mehrwertsteuer kostenneutral angepasst werden, indem umwelt- und bodenschonende Bio-Produkte tiefer und ungesunde und klimaschädliche Lebensmittel höher besteuert würden. Die Absatzförderung könnte verstärkt auf (inländische) pflanzliche Produkte und Label-Produkte ausgerichtet werden und Subventionen gezielt für gesunde Mahlzeiten an Schulen oder für «Gemüse-» oder «Bio-Abos» eingesetzt werden, um einkommensschwache Haushalte und Familien zu unterstützen.
Klimaanpassung: eine standortgerechte Landwirtschaft vorantreiben
Will der Bundesrat tatsächlich das Ziel einer ressourceneffizienten Lebensmittelproduktion verfolgen, so sollte er konsequent auf eine «standortangepasste Landwirtschaft» setzen. Dazu gehört der Biolandbau und regenerative Produktionsweisen, welche die Bodeneigenschaften verbessern und die Bodengesundheit fördern. Mittels Anfangsinvestitionen und technischer Beratung könnten «Agroforstwirtschaft» und «Agrarökologie» stärker unterstützt werden. Agroforst – die Kombination von Bäumen mit Ackerbau und/oder Tierhaltung – wirkt sich nachweislich positiv auf den Wasserhaushalt, die Bodenfruchtbarkeit und den Erosionsschutz aus. Wassersparende, humus-aufbauende und agrarökologische Prinzipen wiederum helfen, die Folgen des Klimawandels abzufedern und Treibhausgase zu verringern.
Ebenfalls zu einer standortangepassten Landwirtschaft zählt die grasland- und weidebasierte Rindviehhaltung, bei der die Schweiz im internationalen Vergleich bereits recht gut aufgestellt ist. Die Fütterung mit hohem Wiesen- und Weidefutteranteil ist zentral, damit der Fleischverzehr nachhaltiger werden kann.
Im UNO-Jahr der Weiden und Hirten einen gemeinsamen Schritt wagen
2026 rückt die die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) mit dem Thema «Weiden und Hirten» eine Lebens- und Wirtschaftsform ins Zentrum, von der weltweit rund 200 Millionen Menschen leben: Rund zwei Drittel der globalen Landwirtschaftsfläche sind für den Anbau von Getreide oder Gemüse ungeeignet – dort wächst vor allem Gras. In solchen Regionen ist die Weidewirtschaft oft die einzige Möglichkeit, Nahrung zu produzieren, Einkommen zu sichern und ländliche Räume zu erhalten, häufig unter schwierigen klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen.
Weiden bieten Lebensraum für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten, speichern Kohlenstoff und schützen Böden und das Wasser. Weidetiere fördern gesunde Böden, indem ihr Kot Mikroorganismen nährt, während ihr selektives Fressen und ihre Trittspuren zusätzliche Kleinstlebensräume schaffen. Hirten und Viehzüchtende leisten mit ihrem Wissen einen zentralen Beitrag zur nachhaltigen Nutzung und zum Schutz dieser wertvollen Ökosysteme. Will der Bundesrat mit der künftigen Ausrichtung der Agrarpolitik tatsächlich für einen «Paradigmenwechsel» sorgen, sollte er diesem Aspekt die nötige Aufmerksamkeit zukommen lassen – und darüber hinaus heisse Eisen wie Kostenwahrheit, pflanzenbasierte Ernährung und standortangepasste Landwirtschaft klar in den Fokus rücken.
Helvetas arbeitet in vielen Ländern mit Menschen zusammen, die von der Vieh- und Weidewirtschaft leben. Klimaschocks und Dürren setzen ihre Lebensgrundlagen zunehmend unter Druck. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen sorgt die Entwicklungsorganisation dafür, dass Böden und Wasser sorgsam genutzt werden, der Marktzugang verbessert und die Rolle von Frauen gestärkt wird. Unter dem Motto «Weideland ernährt uns» sensibilisiert Helvetas gemeinsam mit dem Schweizer Bauernverband im UNO-Jahr für das Thema. So wird sichtbar, was Weidewirtschaft in der Schweiz und anderswo leistet – für Ernährungssicherheit, Kulturlandschaften und den Klimaschutz.
Am 25. September 2026 findet im Wallis eine Tagung mit internationaler Beteiligung zum UNO-Jahr der Weiden und Hirten statt. Ziel ist es, Zukunftsstrategien für die Alp- und Weidewirtschaft zu diskutieren. Mit einer gemeinsamen Deklaration zuhanden des Bundesrats wollen die Teilnehmenden ihre Erwartungen verdeutlichen. Es ist zu hoffen, dass die Forderungen dereinst auch in die Botschaft zur AP30+ einfliessen und den parlamentarischen Prozess prägen. Denn eine auf soziale und nachhaltige Aspekte ausgerichtete Ernährungswirtschaft steht im Einklang mit dem globalen Entwicklungsziel (SDG 2 zu Hunger) der UNO und mit der Vision der künftigen Ausrichtung der Agrarpolitik des Bundes bis 2050.
