Die Wirtschaft ortet im Biodiversitätsverlust eine grosse Gefahr, schiebt das Problem aber vor sich hin. André Hoffmann, Co-Leiter des Weltwirtschaftsforums WEF, schlägt vor, den wahren Wert der Natur in die Unternehmensbilanzen aufzunehmen. Ein Gespräch über Chancen und Hürden.
Interview: Nathalie Cadot und Rebecca Vermot
Was bedeutet für Sie Biodiversität?
Für mich ist Biodiversität das Leben auf unserem Planeten. Wenn wir sie so zerstören, dass sie sich nicht mehr erholen kann, verschwinden wir Menschen mit ihr. Die Biodiversität, das sind wir alle. Sie ist ein Allgemeingut, das wir gemeinsam bewahren müssen. Die Idee einer natürlichen Ressource, die Biodiversität heisst, und allen zur Verfügung steht, um daraus Geld zu machen, ist zu einfach. Sie hat ihren Wert und ihren Preis, denn sie erbringt für uns Dienstleistungen, und diese müssen wir einberechnen.
Weshalb sind Sie derart mit ihr verbunden?
Es ist meine Geschichte. Mein Vater war ein grosser Naturliebhaber und berühmter Ornithologe. Schon jung hatte ich die Möglichkeit, in diese Welt des Naturschutzes einzutauchen. Später dann in die Welt der Wirtschaft. Ich realisierte, dass wir alle im selben Teich schwimmen. Die Natur sollte uns vereinen, nicht trennen. Es gibt keine Umweltschützer auf der einen und Nutzerinnen auf der anderen Seite.
Welche Rolle sollte die Wirtschaft beim Schutz der Biodiversität einnehmen?
Die Wirtschaft hat der Gesellschaft Wohlstand gebracht. Sie hat aber auch negative Effekte, nicht nur auf die Biodiversität, sondern auch auf unser soziales Verhalten, auf unsere Beziehungen und auf unser Glück. Wenn wir eine nachhaltige Zukunft schaffen wollen, müssen wir unser aktuelles Wirtschaftsmodell ändern. Unternehmen müssen vernünftiger mit Ressourcen umgehen. Wir nutzen die Natur, weil sie «gratis» und unerschöpflich erscheint. Doch sie hat nicht nur einen Preis, sondern auch Limits. Für ein nachhaltiges Morgen müssen wir die planetaren Grenzen respektieren. Unternehmen sollten die Natur vollständig in ihre Gewinn- und Verlustrechnungen sowie in ihre Bilanzen integrieren, statt sie als vernachlässigbar abzutun.
Können Sie uns ein Beispiel geben?
In unserem Wirtschaftssystem berechnen wir den Wert eines Baumes nach dem Gewicht des Holzes, das wir verkaufen. Aber ein lebendiger Baum hat mehr Wert. Er ist Teil einer Gemeinschaft, in einem Wald, in dem ich mich erhole, er produziert Sauerstoff und beherbergt unzählige pflanzliche und tierische Arten. Es gibt eine ganze Reihe lebendiger Aspekte, denen das heutige Wirtschaftsmodell keinen Wert beimisst. Warum? Weil wir uns auf die Profitmaximierung konzentrieren. Sie ist blind für die Folgen auf den Planeten und Natur. Hier zeigen sich die Grenzen des Systems. Die Natur muss wieder Bestandteil der Wertschöpfung werden. Der Baum muss einen wahren Wert erhalten, um bei meinem Beispiel zu bleiben.
Wie können wir das aktuelle Wirtschaftsmodell denn ändern?
Heute bewertet die Wirtschaft die Natur eher als Kostenpunkt statt als Chance. Wir könnten das gesamte unternehmerische Instrumentarium nutzen, um in sie zu investieren und sie wieder zu beleben, statt sie für unmittelbaren Profit auszunutzen, ohne etwas zurückzugeben. Uns bleibt auch nichts anderes, als der Natur etwas zurückzugeben, denn wir haben sie schon zu sehr missbraucht. Jeder Investor weiss, dass ohne Reinvestitionen der Gewinn zurückgeht. Wichtig ist, wie wir die Natur in unseren Erfolgs- und Verlustrechnungen bewerten und ihren Wert beschreiben. Wie also in die Natur investieren, damit auch die Aktionäre und Aktionärinnen etwas davon haben? Das ist die grosse Frage. Wir machen Fortschritte, haben aber noch einen langen Weg vor uns.
Was macht denn diesen Weg derart lang?
Wir konzentrieren uns auf kurzfristige Profitmaximierung. Milton Friedman, er erhielt den Wirtschafts-Nobelpreis 1976, beschrieb die Aufgabe von Unternehmen so: Sie müssen Geld machen und es in Form von Löhnen und Steuern an die Gesellschaft weitergeben. Der Gesellschaft obliege die Aufgabe, die Probleme zu lösen, die Unternehmen mit ihrer Wertschöpfung geschaffen haben. Ganz ehrlich, das ist absurd. Aber in diesem Modell bewegen wir uns derzeit. Verwaltungsräte werden für steigende Profite entschädigt ohne Rücksicht auf die Auswirkungen dieser Profitmaximierung auf den Planeten, die Natur, die Biodiversität. Das zeigt die Grenzen des derzeitigen Systems auf. Nehmen wir die CO2-Zertifikate, mit denen sich Unternehmen das Recht erkaufen, zu tun, was sie nicht tun sollten. Sie kaufen sich das Recht, in Wälder zu investieren. Man sollte nie voreilig sein, aber meiner Meinung nach ist das nicht die Lösung. Wir müssen die Natur wieder ins Spiel bringen.
Wie also Unternehmen von einem nachhaltigeren Ansatz überzeugen?
Wir alle tragen dafür Verantwortung. Wir müssen Unternehmen klar machen, dass ihr Zweck nicht Gewinn ist, sondern, einen Beitrag an die Gesellschaft zu leisten. Damit können sich Unternehmen neu definieren. Und sie würden für das belohnt, was sie richtig machen und in die Nachhaltigkeit reinvestieren. Dann gibt es uns Bürgerinnen und Bürger, die wir alle Teil des Wirtschaftssystems sind. Warum tolerieren wir Sachen, von den wir wissen, dass sie nicht richtig sind? Es ist eine Frage von Werten. Als Bürger:innen haben wir die Wahl und auch Instrumente, die wir als Konsumenten und Wählerinnen einsetzen können. Wir müssen unsere Werte leben, und wir müssen unsere Werte auch in unseren Unternehmen leben.
Wie kann denn Greenwashing verhindert werden?
Als die Gesellschaft die weitreichenden Konsequenzen des unternehmerischen Handelns begriff, wurde zunächst die Corporate Social Responsibility – CSR – eingeführt, später die Nachhaltigkeitskriterien ESG, Environmenal, Social und Corporate Governance. Jetzt kommt die Idee auf, dass die Natur unsere nächste Investitionsquelle ist. Aber wir dürfen es uns noch nicht zu einfach machen und sie schon als Anlagemöglichkeit betrachten. Wir müssen spezifischer werden, kleinteiliger, wie es die Natur auch ist. Ziel ist es, dass Unternehmen aufgrund der richtigen Informationen geführt werden. Um die sechzig folgen bereits den Vorgaben des International Sustainability Standard Board (ISSB) für Wirkungsberichterstattung. Irgendwann werden wir einen Konsens finden. Aber zurück zum Greenwashing. In Davos haben wir viel über Nachhaltigkeit gesprochen. Man ist sich einig, dass der Biodiversitätsverlust und der Klimawandel die grössten Risiken der nächsten zehn Jahre sind. Aber zuerst will man sich um die Geopolitik kümmern. Ich bin nicht überzeugt, dass das die Lösung ist. Wir müssen langfristiger denken. Heutiges Risikomanagement ignoriert Klimaveränderungen und den Biodiversitätsverlust. Das ist nicht unternehmerisch, das ist kurzsichtig, gebastelt.
Können wir die Biodiversität im aktuellen kapitalistischen System retten?
Wie in der Natur gilt: Die Arten, die sich nicht anpassen, verschwinden. Wenn wir die Wirtschaft in die richtige Richtung leiten, ja, dann denke ich, können wir die Biodiversität retten. Wir steuern, was wir messen, und das sind derzeit überwiegend die finanziellen Konsequenzen. Wir müssen eine Wirkungsbilanz einführen, die prüft, welche Auswirkungen das unternehmerische Handeln auf Gesellschaft und Natur hat, und die gegenseitigen Abhängigkeiten und Folgen besser verstehen. Die eigentliche Frage lautet aber: Wie gelangen wir vom «Ich» zum «Wir», zum Gemeinwohl? Dafür müssen wir Erfolg neu definieren. Erfolg ist nicht der Ferrari, der Maserati, die Louis-Vuitton-Tasche, sondern die Fähigkeit, glücklich zu sein.
Wie bleiben Sie positiv?
Es sind die Begegnungen mit engagierten Menschen. Hier finden sich die Lösungen. Es sind Menschen, die den Unterschied machen – zusammen. Ich lebe aktiv Nächstenliebe, sage «Guten Tag» auf der Strasse, frage nach dem Wohlergehen. Diese Mikrogespräche dauern 30 Sekunden, aber sie verändern etwas, sie motivieren uns, weiterzugehen. 140 Jahre lang haben wir mit der Lüge gelebt, dass allein Materialismus zählt. Das ist schwer zu ändern. Ich möchte weniger Materielles, mehr «Wir».
André Hoffmann ist in der Camargue aufgewachsen, Vize-Präsident von Roche und Co-Präsident des Weltwirtschaftsforums WEF sowie engagierter Umweltschützer. In seinem Buch «Die neue Natur des Wirtschaftens. Auf dem Weg zu einem nachhaltigen Wohlstand» (NZZ Libro) verteidigt er mit Leidenschaft die positive Rolle von Unternehmen für das Gemeinwohl. André Hoffmann ist ausserdem Mitglied des Verwaltungsrats von SystemIQ, Präsident der W.A. de Vigier Stiftung und Vizepräsident des Verwaltungsrats der Venture Foundation. Er blickt auf eine lange Karriere im Bereich Naturschutz und Nachhaltigkeit zurück, ist Präsident der Fondation Tour du Valat, Vorsitzender der Capitals Coalition und Mitglied des Verwaltungsrats von B-Team, Peace Parks Foundation und der Fondation Givaudan. Darüber hinaus ist er Gründungsmitglied und Vorsitzender des Beirats des Hoffmann Global Institute in Business and Society an der Managementschule INSEAD.
Nathalie Cadot ist verantwortlich für Partnerschaften bei Helvetas.
