2026: UNO-Jahr der Weiden und Hirten

Ob auf den Alpen, in den Steppen Zentralasiens oder in den Savannen Ostafrikas: Weideland sichert Lebensgrundlagen, Ernährung und fördert die Biodiversität.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) rückt mit diesem Thema eine Lebens- und Wirtschaftsform ins Zentrum, von der weltweit rund 200 Millionen Menschen abhängen. Die Haltung von Weidetieren zählt zu den ältesten Formen der Landwirtschaft und hat über Jahrtausende hinweg sehr unterschiedliche Weidelandschaften und Tierhaltungskulturen hervorgebracht. Rund zwei Drittel der globalen Landwirtschaftsfläche sind für den Anbau von Getreide oder Gemüse ungeeignet – dort wächst vor allem Gras. In solchen Regionen ist die Weidewirtschaft oft die einzige Möglichkeit, Nahrung zu produzieren, Einkommen zu sichern und ländliche Räume zu erhalten, häufig unter schwierigen klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen. Weiden sind dabei weit mehr als reine Futterflächen: Sie bieten Lebensraum für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten, speichern Kohlenstoff, schützen Böden und Wasserressourcen und tragen zur Biodiversität bei. Weidetiere fördern gesunde Böden, indem ihr Kot Mikroorganismen nährt, während ihr selektives Fressen und ihre Trittspuren zusätzliche Kleinstlebensräume schaffen. Hirten, Älpler:innen und Viehzüchter:innen leisten mit ihrem Wissen einen zentralen Beitrag zur nachhaltigen Nutzung und zum Schutz dieser wertvollen Ökosysteme.

Vieh als Nahrungs- und Einkommensquelle

Helvetas arbeitet in vielen Ländern mit Menschen zusammen, die von der Vieh- und Weidewirtschaft leben. Besonders in trockenen und abgelegenen Regionen sind die Tiere oft die wichtigste – manchmal die einzige – Nahrungs- und Einkommensquelle. Klimaschocks, Dürren und eingeschränkter Marktzugang setzen diese Lebensgrundlagen zunehmend unter Druck. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen hilft Helvetas, dass Böden und Wasser sorgsam genutzt werden, verbessert die Möglichkeiten, Produkte zu verkaufen, stärkt die Rolle von Frauen und unterstützt die Gemeinschaften dabei, sich besser gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen.

Weideland ernährt uns – eine gemeinsame Kampagne

Gemeinsam mit dem Schweizer Bauernverband, dem Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verband und der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete sensibilisiert Helvetas im UNO-Jahr für das Thema. Im Zentrum stehen die Menschen, die mit ihren Tieren das Weideland nutzen. Unter dem Motto «Weideland ernährt uns» berichten Hirten, Älplerinnen und Bauern regelmässig auf Social Media über ihren Alltag, ihre Arbeit und ihre Herausforderungen. So wird sichtbar, was Weidewirtschaft leistet – für Ernährungssicherheit, Kulturlandschaften und den Klimaschutz.

Erfahren Sie mehr über die Kampagne «Weideland ernährt uns»

Ob auf steilen Schweizer Alpweiden, in den Savannen Äthiopiens oder den Hochlagen der Anden: Wo kaum etwas anderes wächst, verwandeln Wiederkäuer wie Kühe, Schafe, Ziegen, Lamas und Alpakas Gras in wertvolle Nahrung. Dank ihrer spezialisierten Mägen können sie die Zellulose in Gras zersetzen und die darin gespeicherte Energie nutzen. So wird aus Gras Milch und Fleisch. Ohne diese Tiere blieben viele Weideflächen ungenutzt. 

Äthiopien – Loko Tume
Ziegenbäuerin und Unternehmerin

 

Loko Tume ist 20 Jahre alt – und trägt grosse Verantwortung. In Samaro, im Süden Äthiopiens, lebt sie mit ihrer schwer kranken Mutter und drei Kindern ihres Bruders in einer einfachen Rundhütte aus Lehm mit Strohdach. Der Vater ist früh gestorben. Heute sorgt Loko für die Familie.

Am frühen Morgen melkt sie ihre Ziegen. Es ist kalt, der Wind zieht durch die Savanne. Später bringt sie die Milch in die Stadt und verkauft sie über die lokale Milchkooperative. Zusätzlich handelt sie auf dem Markt mit Räucherwaren und einfachen Haushaltsartikeln. Ihr Mobiltelefon ist dabei ihr wichtigstes Arbeitsinstrument: Sie organisiert Lieferungen, verhandelt Preise, hält Kontakt zu Kund:innen.

Seit Kurzem hat sie den Platz ihrer Mutter in der Milchkooperative eingenommen. Früher verkauften die Frauen ihre Milch einzeln, ungekühlt und zu tiefen Preisen am Strassenrand. Heute betreiben sie gemeinsam ein eigenes Verkaufslokal in der nahen Kleinstadt. Täglich sammeln sie mehrere hundert Liter Kuh- und Ziegenmilch aus den umliegenden Dörfern, prüfen die Qualität und verkaufen die Milch zu guten Preisen. 

Sieben Ziegen und einige Jungtiere gehören zu Loko Tume’s Herde.
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Jeden Morgen und Abend melkt Loko Tume ihre sieben Ziegen.
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Loko Tume füllt die Ziegenmilch in ein traditionelles Gefäss, in dem es transportiert wird.
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Loko Tume ist stolzes Mitglied der Frauen-Milchkooperative; hier vor dem Verkaufslokal.
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Die Kundinnen bringen leere Pet-Flaschen mit für die Frischmilch, die sie kaufen.
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Das Verkaufslokal ist auch eine Milchbar und ein Treffpunkt.
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Auf dem Weg zum Markt, wo Loko Tume u.a. traditionelle Räucherwaren verkauft. Ihr zweites Standbein neben der Milchkooperative.
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Auf dem Markt. Zur Ausrüstung der Unternehmerin gehört ein (einfaches) Mobiltelefon.
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Loko Tume sorgt mit ihrem Einkommen für die ganze Familie – auch für die Kinder ihres Bruders.
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Die Kooperative wird vollständig von den Frauen selbst geführt. Sie führen Buch, sparen gemeinsam Geld und unterstützen sich gegenseitig mit kleinen Darlehen – ein solidarisches System, das in Zeiten von Dürre und Ernteausfällen überlebenswichtig ist. Helvetas hat die Kooperative mit Kühlgeräten und betriebswirtschaftlichen Grundkursen unterstützt.

Loko selbst besitzt sieben Ziegen und seit Kurzem ein eigenes Bankkonto. Rund 5’000 Birr (CHF 25; Stand Ende 2025) hat sie bereits gespart. Bald kann sie sich eine weitere Ziege leisten. Ihr Ziel ist es, wirtschaftlich unabhängig zu sein. Heiraten möchte sie irgendwann – aber nur, wenn ihre Selbständigkeit respektiert wird. «Wenn ich eigenes Geld und eigene Tiere habe», sagt sie, «bin ich in einer stärkeren Position.»

Obwohl sie nie zur Schule gehen konnte, ist Loko heute ein Vorbild für viele junge Frauen im Dorf. Sie zeigt, dass Weidewirtschaft und Unternehmergeist Hand in Hand gehen können – selbst unter schwierigsten Bedingungen.

Kirgistan - Baatyrbek Akmatov
Merinowolle und sanfter Tourismus

 

Baatyrbek Akmatov ist 51 Jahre alt, Vater von vier Kindern – zwei Söhnen und zwei Töchtern – und lebt mit seiner Familie im Dorf Kök-Sai im Naryn-Gebiet in Kirgistan. Die Weidewirtschaft prägt sein Leben seit Generationen: Schon sein Vater war zu Sowjetzeiten ein erfolgreicher Bauer und begann früh mit der Zucht von Merinoschafen. Dieses Erbe führt Baatyrbek Akmatov bis heute fort.

Die Akmatovs halten rund 400 Merinoschafe, 40 Pferde einer alten kirgisischen Rasse sowie 200 weisse Yaks, eine weltweit seltene Besonderheit. Die Schafe werden vor allem wegen ihrer Wolle gehalten. Ende Juni, zur Schur, wird diese lokal verkauft. In Handarbeit entstehen Hausschuhe, Mützen, Jacken, Socken oder Spielzeug – alles aus natürlicher Wolle. Um die Verarbeitung langfristig zu stärken, hat Baatyrbek Akmatov die Merino Wool Association mitgegründet, mit dem Ziel, die Wertschöpfung auszubauen und in Zukunft auch zu exportieren.

Die Yaks werden des Fleischs wegen gehalten. Es gilt als hochwertig und cholesterinarm.

Baatyrbek Akmatov aus Kirgistan mit seinen Merinoschafen

Neben der Viehzucht ist er auch ein Pionier des nachhaltigen Tourismus. Bereits 2001 war er Mitbegründer des sog. «Community Based Tourism» in Kirgistan – im Rahmen eines Projekts von Helvetas. Heute bieten seine und andere Familien in der Region insgesamt 13 Jurten für Übernachtung an. Den Tourist:innen wird auch einiges geboten: Einblick in die Verarbeitung von Merinowolle, den Alltag mit den Tieren und das Leben auf den Hochweiden. Die Akmatovs arbeiten auch mit zwei Reiseagenturen aus der Schweiz zusammen. Seit 2019 organisieren Baatyrbek Akmatov und seine Mitstreiter:innen das Jaichi Agro Festival, das inzwischen fester Bestandteil des nationalen Tourismuskalenders ist. Das Festival macht kirgisische Kultur sichtbar – von traditioneller Wollverarbeitung über Handwerk bis hin zu lokalen Bräuchen und Lebensweisen.

Die Einkommen aus dem Tourismus erlauben den Bauern auch eine nachhaltigere Nutzung der Weideflächen mit insgesamt weniger Tieren. Lange fehlte es an klaren gesetzlichen Grundlagen, um besonders sensible und übernutzte Flächen zu schützen. Gemeinsam mit anderen lokalen Viehhaltern initiierte Baatyrbek Akmatov deshalb 2019 die sogenannten «Micro Nature Reserves». Diese kleinräumigen Schutzgebiete sollen helfen, Weideland gezielt zu regenerieren.

Das Engagement von Baatyrbek Akmatov zeigt, wie Weidewirtschaft nicht nur Lebensgrundlage ist, sondern auch Biodiversität schützt, Einkommen schafft und kulturelles Erbe lebendig hält – selbst unter den rauen Bedingungen der kirgisischen Hochweiden.

Baatyrbek Akmatov vor einer Jurte