Lebanon | © Dalia Khamissy

Wenn das Essen zu teuer wird

Menschen, die den grössten Teil ihres hart verdienten Geldes für Lebensmittel ausgeben, sind von den steigenden Nahrungsmittelpreisen am stärksten betroffen. Der Umgang damit ist ganz unterschiedlich. Momentaufnahmen aus Guatemala, Bangladesch und Madagaskar
© Dalia Khamissy

Martha Velasquez aus Guatemala

Martha Velasquez ist Marktfrau in Tononicapan, einem Dorf in Guatemala: «Ich verkaufe schon seit vielen Jahren mein Gemüse und das von anderen Familien hier auf dem Markt. Vor zwei Monaten musste ich den Preis pro Kilo Erbsen erhöhen. Es kaufen auch weniger Menschen bei mir ein oder sie kaufen weniger grosse Mengen. Ich versuche ja auch nur über die Runden zu kommen. Und ich hoffe schwer, dass die Preise nicht noch mehr ansteigen.» In Guatemala werden die meisten Grundnahrungsmittel im Land selbst angebaut – Ölsamen, Reis, Weizen, Mais, Bohnen etc. Die Bauernfamilien sind dafür jedoch stark abhängig von Diesel, Dünger und Maschinen. Diesel ist im ersten Quartal dieses Jahres um 47 Prozent und Benzin um 30 Prozent teurer geworden.

«Beim Benzin ist der Preisanstieg am schlimmsten», sagt Bäuerin Rexna Amparo aus Chiquimula. «Denn weil wir abgelegen leben, muss fast alles transportiert werden.» Zusammen mit Helvetas hat ihre Gemeinde sichergestellt, dass jeder Haushalt neu über Latrinen verfügt. «Ich hoffe, wir können durch die bessere Hygiene in Zukunft Arztkosten sparen. Mit dem Ersparten können wir unseren Kindern hoffentlich eine ausgewogene Ernährung bieten.»

Von Dorothea Wawrinka

«Ich musste die Preise erhöhen.»

Martha Velasquez, Guatemala

Das Helvetas Programm in Guatemala fokussiert unter anderem auf die wirtschaftliche Stärkung von Frauen. In Zusammenarbeit mit Bauernorganisationen, Unternehmen und den lokalen Behörden wurden Frauengruppen und Vereinigungen von Bäuerinnen und Bauern darin unterstützt, sich zusammenzuschliessen und weiterzubilden. Dies mit dem Ziel, ihre Produktion zu verbessern und durch eine gemeinsame Vermarktung von Gemüse, Geflügel oder Kaffee mehr Einkommen zu erzielen.

Morium Khatun in Bangladesch

«Ich bin sehr besorgt und angespannt, denn die Preise für Lebensmittel sind sehr stark angestiegen. Gewisse Dinge wie Öl oder Mehl gibt es auf unserem Markt gar nicht mehr. Es ist schwierig, drei Mahlzeiten am Tag zuzubereiten und wir können nicht mehr regelmässig Früchte essen. Ich habe auch schon lange kein Fleisch mehr gegessen. Fisch auch nicht», erzählt Morium Khatun. Sie lebt in Cox’s Bazar, nahe des weltweit grössten Flüchtlingslagers, wo Hunderttausende Rohingya nach ihrer Flucht aus Myanmar unterkamen. Ihre Familie, ihr Mann, ihr Sohn, ihre Schwiegertochter und zwei Enkel, essen jetzt kleinere Portionen als früher. «Vor allem wir Frauen essen weniger. Und manchmal müssen wir bei den Nachbarn um Essen für unsere Familie bitten.» Morium kocht fast nur noch Gemüse. Proteine und Kohlenhydrate fallen meist weg. Das Gemüse aber wächst bei ihr im Garten. Im Rahmen eines Helvetas-Projekts für Rohingya im Flüchtlingslager, und ebenso für die lokale Bevölkerung ausserhalb des Lagers, hat sie gelernt, platzsparende und klimaresistente Gemüsepflanzen anzubauen: Kürbissorten, Okra, Stangenbohnen, Amaranth und einiges mehr. Sie weiss inzwischen, welche Gemüse sich nicht an salzigem Grundwasser stören; sie kann sie von Hand bestäuben und hat gelernt natürlichen Dünger herzustellen. Ausserdem kann sie ihren Ernteüberschuss verkaufen: Das von den Familien produzierte Gemüse wird regelmässig eingesammelt und für sie auf bestimmten Märkten verkauft. 

Ernährung ist für die Flüchtlinge und die Menschen in der Nähe des Flüchtlingslagers eine grosse Herausforderung. Darüber hinaus unterstützt Helvetas in den Dörfern der Hill Tracts ethnische Minderheiten, die an Mangelernährung leiden. Der Teufelskreis beginnt oft schon während der Schwangerschaft, weil die werdende Mutter zu wenig Nährstoffe aufnehmen kann oder verunreinigtes Wasser sie krank macht. Mit verbesserter Hygiene und dem Anbau nahrhafter Lebensmittel verbessern sie nun ihre Situation.

Von Jahangir Kabir

©  Jahangir Kabir
«Vor allem wir Frauen essen weniger. Und manchmal müssen wir bei den Nachbarn um Essen für unsere Familie bitten.»

Morium Khatun, Cox's Bazar in Bangladesch

Mehr als 730'000 Frauen, Kinder und Männer sind seit August 2017 vor der gegen sie gerichteten Gewalt in Myanmar nach Bangladesch geflohen. Mit knapp einer Million Rohingya-Flüchtlingen ist das Flüchtlingslager in der Region Cox's Bazar heute das grösste der Welt. Helvetas setzt sich seit Beginn der Krise aktiv für die Flüchtlinge ein und hilft, ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

Jaonah Ramamonjisoa aus Madagaskar

Jaonah Ramamonjisoa lebt in Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar und ist als Helvetas-Chauffeur viel in der Stadt, aber auch auf dem Land unterwegs. Was er derzeit beobachtet, bereitet ihm Sorgen. «Das Leben wird immer schwieriger», erzählt er auf der Fahrt durch abgelegene Projektdörfer. «Vor allem seit einigen Monaten. Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Öl, Mehl oder Reis sind enorm gestiegen. Früher kostete ein Kilo Reis 25 Rappen, seit Mai bereits 60 Rappen. Also mehr als das Doppelte. Bei uns in Madagaskar kommt Reis normalerweise drei Mal pro Tag auf den Tisch. Das liegt bei vielen Familien jedoch nicht mehr drin. Sie müssen sich stark einschränken. Und so gibt es an vielen Orten nur noch eine oder zwei Portionen Reis pro Tag. Augenfällig ist für ihn der Unterschied zwischen Stadt und Land. In der Stadt spüren die Menschen die Preiseerhöhungen bei jedem Einkauf. Auf dem Land können viele Familien auf selbst angebautes Gemüse zurückgreifen. Doch am meisten sorgt sich Jaonah um die ganz jungen Menschen. «Ich höre immer mehr Geschichten von Jugendlichen, die ihre Ausbildung abbrechen, um Geld zu verdienen. Sie sehen, wie die Eltern zu Hause ums Überleben kämpfen und wollen ihren Familien unter die Arme greifen. Aber dafür sind sie einfach zu jung!»

Helvetas ist seit 40 Jahren in Madagaskar tätig und unterstützt Kleinbauernfamilien, ihre Erträge zu steigern und zu diversifizieren. Das sichert die Ernährung. Derzeit fokussiert Helvetas verstärkt auf die Essgewohnheiten und rückt vergessene Gemüse und Wurzeln wie Maniok und seine Blätter oder Yams als Alternative zu Reis oder den immer populäreren, aber auch immer teureren Teigwaren ins Bewusstsein.

Von Daniela Reinhard

© Felana Rajaonarivelo
«Jugendliche brechen ihre Ausbildung ab»

Jaonah Ramamonjisoa, Madagaskar

Im Norden von Madagaskar unterstützt Helvetas die Anwohnerinnen und Anwohner eines Naturparks bei der Verbesserung ihrer Produkte wie Vanille, Kakao oder Kaffee. So erwirtschaften sie ein besseres Einkommen und sind nicht mehr gezwungen, den Wald stückweise zu roden und zu schwächen.

Äthiopien: Dürre und Hunger überstehen

Dürre, Krieg und hohe Preise belasten die Menschen - Reportage auf Englisch
© KEYSTONE/AFP/EDUARDO SOTERAS

Helvetas fordert entschiedenes Handeln in der Ernährungskrise

Informationspapier von Helvetas zu den Hintergründen und zur Lage in den Helvetas Partnerländern