Das Wichtigste in Kürze
- Die Schweiz plant Kürzungen und eine Neuorganisation ihrer Entwicklungszusammenarbeit in Südosteuropa und im Südkaukasus.
- Entwicklungszusammenarbeit ist nicht nur Hilfe, sondern eine langfristige Investition in Stabilität, Demokratie, wirtschaftliche Entwicklung und gute Regierungsführung.
- Programme in Georgien, Kosovo, Moldau und Albanien zeigen, dass Schweizer Unterstützung dauerhafte Strukturen, Institutionen und wirtschaftliche Chancen schafft.
- Gerade in einer Zeit geopolitischer Spannungen und zunehmend autoritärer Tendenzen bleibt ein langfristiges Engagement strategisch wichtig.
- Die zentrale politische Frage lautet nicht nur, was Entwicklungsprogramme kosten, sondern auch, was verloren geht, wenn sich die Schweiz zu früh zurückzieht.
Die Schweiz reduziert und reorganisiert ihre Internationale Zusammenarbeit (IZA). Davon ist auch das Engagement in Südosteuropa und im Südkaukasus betroffen. Was dabei oft vergessen geht: Entwicklungszusammenarbeit ist nicht nur wohltätige Hilfe, sondern vor allem eine strategische Investition – eine weitsichtige und wertvolle Förderung von Stabilität, Demokratie, Marktwirtschaft und nachhaltiger Entwicklung.
Im Juni 2026 kündigte der Bundesrat eine Neuorganisation der internationalen Zusammenarbeit an: erneute Kürzungen, eine strikte Aufgabenteilung zwischen der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) sowie eine deutlich stärkere Gewichtung der kurzfristigen humanitären Hilfe. Die langfristige bilaterale Entwicklungszusammenarbeit soll finanziell hingegen bis 2030 um rund 23 Prozent reduziert werden. Gleichzeitig soll die Verantwortung für die EU, den Westbalkan und Teile Asiens von der DEZA an das SECO übergehen. Während sich die DEZA auf lokale Institutionen und gute Regierungsführung, zivilgesellschaftlichen Handlungsspielraum und demokratische Strukturen konzentriert, arbeitet das SECO vor allem in den Bereichen Privatsektor, Infrastruktur und Handel.
Mit den Kürzungen bei der Entwicklungszusammenarbeit und der institutionellen Verschiebung ergeben sich zwei strategische Fragen: Kann die Schweiz Verantwortung von der Deza auf das Seco übertragen, ohne die Beziehungen, das institutionelle Wissen und die Netzwerke zu verlieren, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden? Und kann die Schweiz zwischen einem erfolgreichen Rückzug und einem verfrühten Ausstieg unterscheiden? Und dabei jene Beziehungen und Kompetenzen bewahren, die gerade dann wertvoll bleiben, wenn Ost- und Südosteuropa sowie der Südkaukasus in eine Phase erneuter geopolitischer Konkurrenz geraten?
Eine Region in Bewegung
Putins Krieg gegen die Ukraine hat die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen in der Region verändert. Russland bleibt ein einflussreicher Akteur, während China, die Türkei und die Golfstaaten ihre wirtschaftliche und politische Präsenz ausgebaut haben. Ihr Engagement legt – im Gegensatz zu europäischer Unterstützung – oft wenig Wert auf inklusive, transparente Regierungsführung. Die Vereinigten Staaten haben 2025 ihre Demokratie- und Governance-Programme unter Präsident Trump weitgehend eingestellt, auch wenn sie in der Region selektiv wieder aktiv werden, wenn eigene Sicherheitsinteressen betroffen sind.
Zugleich hat die EU-Erweiterung im Westbalkan an Dynamik gewonnen; Moldau und die Ukraine treiben unter sehr schwierigen Bedingungen Reformen voran. Georgien und Armenien haben in ihrer Annäherung an die EU teilweise die Rollen getauscht, und der Südkaukasus bleibt volatil. Der zivilgesellschaftliche Handlungsspielraum schrumpft: Der CIVICUS Monitor stufte sowohl Georgien als auch Serbien in den Jahren 2024 bis 2025 in die Kategorie «repressed» (unterdrückt) zurück. Die meisten Länder schneiden im Index der Korruptionswahrnehmung von Transparency International schlecht ab. Die Reformpfade entwickeln sich auseinander, ungelöste Konflikte bestehen fort, und mit der Abwanderung verliert die Region Fachkräfte.
Von Brüssel oder Bern aus betrachtet ist das Geopolitik. Von Asureti, Chisinau oder Pristina aus ist es jedoch existenziell, ob ein Produzent Zugang zu einem neuen Markt erhält, ob eine Gemeinde öffentliche Mittel wirksam verwalten kann, oder ob ein Unternehmen europäische Standards erfüllt. Die Europäische Integration gelingt oder scheitert durch funktionierende Institutionen, erfolgreiche Unternehmen und freie lokale Akteure. Genau hier kommt Entwicklungszusammenarbeit ins Spiel – und genau hier überschneiden sich die Interessen der Schweiz mit jenen der Region.
Die Budgetfrage der Schweiz
Die Debatte über Entwicklungszusammenarbeit beginnt in Bern meist mit einer einfachen Frage: Warum weiterhin Geld im Ausland ausgeben, wenn die öffentlichen Finanzen im Inland unter Druck stehen? Angesichts konkurrierender Anforderungen in den Bereichen Verteidigung, Gesundheitswesen, Bildung und Infrastruktur erscheint die Entwicklungszusammenarbeit oft als einer der leichter zu kürzenden Budgetposten. Diese Debatte ist legitim. Allerding ist dabei wichtig, die Entwicklungszusammenarbeit nicht als jährliche Ausgabe zu betrachten, sondern als klugen und wertvollen Beitrag zu Stabilität, Demokratie und nachhaltiger Entwicklung.
Der grosse Wert langfristiger Entwicklungszusammenarbeit ist kumulativer Natur: transparente Verwaltungen und reibungslose institutionelle Abläufe entstehen über Jahre hinweg dank Vertrauensaufbau und wirken weit über das Ende eines einzelnen Programms hinaus. Wenn Gemeinden lernen, öffentliche Ressourcen effizienter zu verwalten, wenn Unternehmen Verbindungen zu neuen Märkten aufbauen, oder wenn staatliche Stellen dauerhafte Formen der Zusammenarbeit mit lokalen privatwirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Partnern entwickeln, funktionieren diese auch nach der letzten Projektunterstützung aus der Schweiz weiter.
Unter diesem Blickwinkel sind Entwicklungsausgaben Investitionen in bessere Jobaussichten, effizientere Verwaltungen, funktionierende Märkte und regionalen Frieden. In eine freiere, stabilere und wohlhabendere europäische Nachbarschaft, an der die Schweiz ebenfalls ein direktes Interesse hat. Die entscheidende Frage für Bundesrat und Parlament lautet daher nicht nur, was ein Programm kostet, sondern auch, was verloren ginge, wenn es verschwände.
Was die Schweiz mitaufbauen kann
Antworten liefern von der Schweiz unterstützte Programme in der Region. Mittels lokaler Wirtschaftsförderung verfügen Weinproduzenten in Georgien heute über eine gemeinsame Handelsplattform. Neun lokal ausgebildete Berater bieten Dienstleistungen an, die jährlich 20 bis 30 Winzer erreichen. Gleichzeitig hat eine regionale Weinunion das Interesse von rund 70 Produzent:innen geweckt. Wichtiger als die Zahlen ist jedoch die Struktur, die bestehen bleibt: ein Mechanismus zum Austausch von Informationen, zur Interessenvertretung sowie für das kollektive Zusammenwirken mit Käufer:innen und öffentlichen Institutionen.
Im Kosovo hat die jahrelange Unterstützung des DEMOS-Programms – kofinanziert von der Schweiz, Schweden und der EU – den Gemeinden geholfen, Mechanismen der öffentlichen Finanzierung zu verbessern. Der Ansatz fördert lokale Selbstverwaltung und gibt Bürger:innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen eine klare Rolle bei der Kontrolle kommunaler Dienstleistungen. Allein im Rahmen der Governance-Arbeit von Helvetas in der Region erhielten im Jahr 2025 insgesamt 577'887 Menschen dank mehr als 600 Partnerinstitutionen Zugang zu verbesserten öffentlichen Dienstleistungen.
In Moldau verbessert sich für kleine Unternehmen der Zugang zu europäischen Märkten. Das von der Schweiz unterstützte OPTIM-Programm arbeitet mit Wirtschaftsverbänden und Finanzdienstleistern zusammen, und fördert die Einhaltung von Standards und Zertifizierungen. Dazu gehört auch die gruppenbasierte GlobalG.A.P.-Zertifizierung, die europäische Labels für kleinere Produzenten erschwinglicher macht. Seit 2023 wurden 388 Unternehmen dabei unterstützt, höherwertige Märkte zu erschliessen, und ihr kumulierter Umsatz ist um 45 Prozent gestiegen.
Albanien liefert schliesslich das deutlichste Beispiel dafür, wohin der Prozess gemeinsamer Entwicklungszusammenarbeit führt: RisiAlbania, ein zwölfjähriges Schweizer Programm zur Förderung der Jugendbeschäftigung, wurde 2025 nicht abgeschlossen, weil die Finanzierung endete, sondern weil seine zentrale Idee inzwischen ohne externe Unterstützung funktioniert: Exporteure kaufen heute Zertifizierungsberatung bei lokalen Beratungsfirmen ein; Unternehmen und junge Arbeitssuchende nutzen routinemässig die neu entwickelte digitale Plattform der Nationalen Arbeitsagentur; und Gemeinden und Universitäten haben Berufsberatungsdienste in ihre regulären Strukturen übernommen.
Georgischer Wein, kosovarische Gemeinden, moldauische Zertifizierungssysteme und albanische Arbeitsvermittlungsdienste mögen wie voneinander unabhängige Entwicklungsgeschichten erscheinen. Tatsächlich verdeutlichen sie aber dasselbe Prinzip: Das wertvollste Ergebnis ist nicht die vom Geldgeber finanzierte Aktivität, sondern die Kapazität, die aufgebaut und bestehen bleibt, wenn der Geber einmal geht. Die Anzahl von Projekten und jährlichen Ausgaben zeigen, was die Schweiz investiert. Der Blick auf das, was danach bestehen bleibt, zeigt, was die Schweiz nachhaltig mitaufgebaut hat.
Der Wert des Bleibens – und des richtigen Zeitpunkts für den Ausstieg
Hinsichtlich des Umfangs ihrer Finanzierung kann die Schweiz weder mit der EU noch mit China konkurrieren – und muss das auch nicht. Ihre Vorteile lagen bislang in technischer Expertise und Effizienz, in Glaubwürdigkeit und politischer Neutralität sowie in über lange Zeit aufgebauten Beziehungen zu Regierungen, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen.
In gerade mal zwei Jahren sollen nun die Governance- und Zivilgesellschafts-Programme der DEZA in der Region eingestellt werden – also genau jene Programme, die am schwierigsten auf das wirtschaftlich orientierte SECO übertragbar sind. Mit Folgen, denn die Anzeichen von autoritären Entwicklungen werden immer sichtbarer: demokratische Rückschritte und ein schrumpfender zivilgesellschaftlicher Handlungsspielraum. Die geduldige Arbeit an verlässlichen und transparenten Institutionen und guter Regierungsführung ist gerade jetzt wichtig, bevor ein schleichender Verfall zur Krise wird.
Weltweit reduzieren oder restrukturieren wichtige Geberländer ihr Engagement unter dem Druck nationaler Haushalte und veränderter politischer Prioritäten. Dort jedoch, wo sich westliches Engagement zurückzieht, weiten andere Akteure ihren Einfluss aus – nicht nur indem sie Finanzierungslücken schliessen, sondern auch, indem sie Eliten weniger in die Pflicht nehmen und Institutionen und Reformprozesse in andere, weniger erwünschte Richtungen lenken.
Selbstverständlich ist die Weiterfinanzierung kein Selbstzweck. Einige Programme müssen beendet werden. RisiAlbania zeigt, dass sich gute Entwicklungszusammenarbeit selbst überflüssig machen kann. Die zentrale Frage, die sich Bundesrat und Parlament stellen sollten, lautet daher, ob die Schweiz zwischen einem erfolgreichen Ausstieg und einem verfrühten Rückzug unterscheiden kann. Zu gehen, wenn eine Institution eigenständig bestehen kann, ist ein Erfolg. Zu gehen, während sie noch auf wackeligen Füssen steht, während konkurrierende Mächte bereitstehen, kann hingegen eine scheinbare finanzielle Einsparung in einen strategischen und folgenreichen Verlust verwandeln.
Dieser «Polit-Sichten»-Artikel ist eine gekürzte Version des ausführlichen Blogs auf Englisch, When Development Cooperation Becomes Strategic | Helvetas
Kernaussage des Artikels
Die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Südosteuropa und im Südkaukasus ist mehr als internationale Hilfe: Sie ist eine langfristige Investition in stabile Institutionen, funktionierende Märkte, demokratische Strukturen und regionale Sicherheit. Beispiele aus Georgien, Kosovo, Moldau und Albanien zeigen, dass Schweizer Programme nachhaltige Kapazitäten schaffen, die auch nach Projektende weiterwirken. Angesichts wachsender geopolitischer Konkurrenz und demokratischer Rückschritte sollte die Schweiz deshalb sorgfältig zwischen einem erfolgreichen Ausstieg und einem verfrühten Rückzug unterscheiden.
Häufige Fragen zum Schweizer Engagement in der Region
Die Schweiz unterstützt die Region, um Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung, gute Regierungsführung und demokratische Strukturen zu stärken. Davon profitieren sowohl die Partnerländer als auch die Schweiz durch eine stabile europäische Nachbarschaft.
Langfristige Entwicklungszusammenarbeit schafft Institutionen, Kompetenzen und Netzwerke, die über einzelne Projekte hinaus bestehen bleiben. Dadurch können Unternehmen, Behörden und Gemeinden nachhaltige Entwicklung eigenständig vorantreiben.
Die Region steht im Spannungsfeld zwischen verschiedenen internationalen Akteuren wie der EU, Russland, China und der Türkei. Gleichzeitig laufen wichtige Reform- und Integrationsprozesse, die für Stabilität und Sicherheit in Europa relevant sind.
Schweizer Programme haben unter anderem die lokale Wirtschaftsförderung in Georgien gestärkt, die kommunale Governance im Kosovo verbessert, den Marktzugang für Unternehmen in Moldau erleichtert und die Jugendbeschäftigung in Albanien gefördert.
Ein Ausstieg ist dann erfolgreich, wenn lokale Institutionen und Partner ihre Aufgaben dauerhaft selbständig erfüllen können. Problematisch wird ein Rückzug, wenn Reformen noch nicht gefestigt sind oder wichtige Strukturen gefährdet werden.
Starke Institutionen, transparente Regierungsführung und ein aktiver zivilgesellschaftlicher Raum fördern politische Stabilität, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftliche Entwicklung. Sie bilden wichtige Voraussetzungen für nachhaltigen Fortschritt.
