Auf der anderen Seite der 1,5 Grad-Schwelle

An dieser Klimakonferenz COP31 müssen die Länder aufeinander zugehen
VON: Patrik Berlinger - 01. Oktober 2026

 

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Welt wird die 1,5-Grad-Grenze voraussichtlich in den kommenden Jahren überschreiten. Entscheidend ist nun, Dauer und Ausmass dieser Überschreitung möglichst gering zu halten. 
  • An der Klimakonferenz COP31 müssen die Staaten trotz geopolitischer Spannungen aufeinander zugehen und ambitioniertere Klimamassnahmen beschliessen. 
  • Die Schweiz verfehlt ihre eigenen Klimaziele und sollte Emissionsreduktionen im Inland stärker vorantreiben, statt auf Auslandkompensationen zu setzen. 
  • Gleichzeitig muss die Schweiz ihre Beiträge zur internationalen Klimafinanzierung erhöhen und ärmere Länder bei Klimaschutz und Anpassung stärker unterstützen. 
  • Besonders grossen Einfluss hätte die Schweiz beim Finanzplatz und im Flugverkehr, wo heute noch erhebliche klimaschädliche Emissionen verursacht werden. 

 

Die sengende Hitze, die tobenden Waldbrände und die tödlichen Überschwemmungen dieses Sommers sind eine Botschaft aus der Zukunft, ein Hinweis darauf, was uns bevorsteht. Wir müssen dafür sorgen, dass die 1,5-Grad-Grenze nur minimal und nur vorübergehend überschritten wird. Das braucht Ehrgeiz ungeachtet aller Differenzen. Die Weltgemeinschaft muss zusammenrücken und klimapolitisch aufeinander zugehen. Im Interesse aller. 

Es ist einfach, zu kritisieren. Zum Beispiel, dass die jährlichen Klimakonferenzen ineffiziente Schwatzbuden sind, die kaum nennenswerte Resultate liefern. Unberücksichtigt bleibt dabei, wie komplex, herausfordernd und bisweilen auch anstrengend multilaterale Politikgestaltung ist. Tatsache ist: Der Weg der internationalen Klimapolitik ist steinig. Er ist aber auch immer wieder geprägt von handfesten Fortschritten und bahnbrechenden Übereinkommen wie jenem von Paris. 

Tatsache ist deshalb auch: Ohne die länderübergreifende Politikgestaltung unter dem Dach der UNO würde die Welt längst brennen. Noch vor zwölf Jahren, bevor das Pariser Klimaabkommen beschlossen wurde, befand sich die Weltgemeinschaft auf einem Pfad zu einem Temperaturanstieg von zerstörerischen und lebensfeindlichen plus 3,5 Grad. Heute, nur gerade zehn Jahre später, bewegen wir uns in Richtung plus 2,1 bis maximal 3,3 Grad Erhitzung gegenüber vorindustrieller Zeit. 

«Limiting Overshoot» 

Für Mensch und Umwelt ist auch das immer noch verheerend. Zudem ist das optimistische 2,1 Grad-Szenario immer weniger realistisch, angesichts untätiger Regierungen und dem Rückzug der USA aus dem Pariser Klimaabkommen sowie den vielen Kriegen und den Rückschritten bei den nachhaltigen Entwicklungszielen. Es erstaunt daher nicht, dass jüngst auch die UNO angesichts klimapolitischer Gleichgültigkeit vieler Regierungen eingestand, dass die Welt bereits in den nächsten Jahren die wichtige 1,5 Grad-Schwelle überschreitet, wodurch Klimarisiken immer gefährlicher werden. 

Längst hat ein UNO-Bericht (2018) veranschaulicht, wie sich bereits ab 1,5 Grad die Risiken und Auswirkungen mit jedem weiteren Bruchteil eines Grads verstärken: lebensgefährliche Wetterextreme und zerstörte Ökosysteme, versinkende Inselstaaten und überflutete Küstenstädte. Der aktuelle Bericht «Limiting Overshoot» (2026) plädiert nicht zuletzt auch wegen bedrohlicher Kipppunkte für einen Pfad aus «Überschreitung, Höchststand und Rückgang», um das Ausmass und die Dauer der Überschreitung zu minimieren und so schnell wie möglich wieder unter 1,5 Grad zu kommen. 

Das erfordert allerdings sofortige und entschlossene CO₂- und Methan-Reduktion sowie sorgfältige und erfolgreiche CO₂-Entfernung z.B. durch Waldschutz, Aufforstung und Humusaufbau in einer ökologischen Landwirtschaft. Gleichwohl kommen wir bereits jetzt nicht umhin, rasche, effektive und teure Anpassungsmassnahmen einzuleiten – auch wenn dies nur begrenzt möglich ist und irreversible Klimafolgen bereits unausweichlich sind.  

Alle können einen wertvollen Beitrag leisten 

Feuersbrünste, Sturzfluten und Rekordhitze: 2026 war der Sommer der sich häufenden Katastrophen. An der Klimakonferenz COP31 im November in der Türkei müssen sich deshalb alle Regierungen zusammenraufen, um die Welt auf Kurs hin zu einer «Just Transition», einem gerechten Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft, zu bringen. Ein solcher Wandel geht über den Energiesektor hinaus und umfasst Kreislaufwirtschaft, E-Mobilität und CO₂-arme Bauwirtschaft, ökologische Landwirtschaft und nachhaltige Ernährungssysteme sowie auch gewisse Anpassungen bei Lebensstil und Gewohnheiten. 

Dabei steht auch die Schweiz in der Pflicht. Denn auch sie verfehlt ihre Klimaziele. Und zwar erstaunlich deutlich. Das darf sich die Schweiz eigentlich nicht erlauben. Im Gegenteil: Sie sollte selbstbewusst und ambitioniert vorangehen. An internationalen Klimakonferenzen liegen die klimapolitischen Karten auf dem Tisch, kein Land bleibt unbeobachtet. Länder des globalen Südens schauen genau hin: Gehen Industrieländer wie die Schweiz auf ärmere Länder zu? Tut sie, was angesichts der finanziellen und technologischen Vorteile möglich ist? Oder verstecken sich die Regierungen hinter netten Worten und Absichtsbekundungen? 

Innovative, finanzstarke und vernetzte Länder wie die Schweiz können vorangehen und anderen den Weg weisen – im eigenen Interesse. Stichworte: Hitzesommer, Gletscherschwund und Hagelschäden. 

Wo die Schweiz einen Unterschied machen kann: Wende im Inland vorantreiben 

Das Pariser Abkommen gibt die Ziele vor: Die Emissionen müssen im Jahr 2030 mindestens um 50% tiefer sein als im Referenzjahr 1990. Gleichzeitig muss der Durchschnitt der Emissionen aus den Jahren 2021–2030 mindestens um 35% unter dem Niveau von 1990 liegen. Die Analyse der neuesten Daten zeigt jedoch: Entwickeln sich die Emissionen weiter wie bisher, werden beide Ziele verfehlt – und zwar deutlich. 

In der Schweiz hat das auch damit zu tun, dass der Bundesrat eine falsche Strategie verfolgt: Seit Jahren setzt er darauf, inländische Klimaversäumnisse im Ausland zu kompensieren, indem anderen Ländern Auslandszertifikate abgekauft werden. Doch viele der Projekte funktionieren nicht wie gewünscht. Und die Beschaffung hochwertiger Zertifikate gestaltet sich schwieriger als erhofft. Gerade mal 0,13% der benötigten Menge an Zertifikaten konnten bislang auf die Schweiz übertragen werden. Der eingeschlagene Weg entpuppt sich als Sackgasse – mit negativen Folgen für die Reputation der Schweiz. Und für das globale Klima. 

Höchste Zeit, das Ruder herumzureissen: Die Schweiz sollte klimaschädliche Subventionen im Verkehr zurückfahren, die Solar- und Windenergie vorantreiben und das Ernährungssystem nachhaltiger ausrichten, um weniger stark auf (zweifelhafte) Auslandkompensation in ärmeren Ländern setzen zu müssen.  

Wo die Schweiz einen Unterschied machen kann: Ärmere Länder unterstützen 

Die Klimakrise verursacht Kosten, sowohl für Massnahmen gegen den Ausstoss von CO₂, als auch bei der Anpassung an die Erwärmung und zur Deckung von Schäden. Die Länder des globalen Südens können diese Kosten unmöglich alleine stemmen. Deshalb wurde 2009 vereinbart, dass die Industrieländer ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar an «Klimafinanzierung» leisten sollten. Dieses Ziel wurde 2022 erreicht – wenn auch nur, indem die Gelder den bestehenden Entwicklungshilfe-Budgets entnommen werden. Doch das reicht nicht. Deshalb wurde an der Klimakonferenz 2024 in Baku vereinbart, die Klimafinanzierung per 2035 mindestens zu verdreifachen. In einem offenen Brief an den Bundesrat weist die Schweizer Wissenschaft darauf hin, dass selbst diese 300 Milliarden US-Dollar mindestens verdoppelt werden müssten. 

Die Schweiz kommt nicht umhin, ihre Beiträge an die internationale Klimafinanzierung zu erhöhen und am neuen globalen Finanzziel auszurichten. Dafür sollte sie sozial verträgliche und verursachergerechte Abgaben z.B. auf sehr hohe Vermögen, auf Gewinne im fossilen Rohstoffhandel, auf Finanztransaktionen in fossile Branchen oder auf private Flüge prüfen. Sie könnte sich auch offiziellen internationalen Initiativen anschliessen, die sich Klimagerechtigkeit auf die Fahne schreiben – etwa der «Global Solidarity Levies Task Force», die an der letzten Klimakonferenz ihre Vorschläge präsentierte. 

Wo die Schweiz einen Unterschied machen kann: Die «grossen Hebel» nutzen

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Schweiz bei zwei Themen einen besonders grossen Hebel hätte, um Klima und Menschen zu schützen: bei den Flügen und beim Finanzplatz. Doch ausgerechnet nach dem tödlichen Hitzesommer 2026 verkündete der Bundesrat diesen August, er lehne die Finanzplatz-Initiative ab – und zwar ohne Gegenvorschlag. Dabei bewegt sich die Finanzbranche laut Branchenkennern und Fachexperten weit ausserhalb der Klimaziele, während sich die Realwirtschaft langsam auf Netto Null zubewegt. Nach wie vor finanzieren und versichern hiesige Banken und Versicherungen Investitionen in Milliardenhöhe. Laut McKinsey ist der Schweizer Finanzplatz für bis zu 18 Mal mehr CO₂-Emissionen verantwortlich, als in der Schweiz CO₂ ausgestossen wird.   

Ausserhalb der Pariser Klimaziele agiert auch die Flugindustrie. Sie bleibt erstaunlich unterreguliert. Nie flogen mehr Menschen über Zürich wie in diesem Hitzesommer. Dabei dürfen wir uns nichts vormachen: Neuartiger Flugtreibstoff, sogenanntes Sustainable Aviation Fuel (SAF), wird uns nicht retten. Seine Produktion ist problembehaftet. Die beschlossene Beimischquote ist verschwindend gering und das Angebot wird die weltweite Nachfrage nie decken können. Das bedeutet: Nur tatsächliche Alternativen zur Fliegerei und staatliche Vorgaben können den grossen Klima-Hebel der Schweiz in Bewegung setzen. Aber davon sind wir derzeit noch weit entfernt. 

 

Kernaussage des Artikels

Die 1,5-Grad-Grenze wird überschritten. Um gefährliche Klimarisiken zu begrenzen, müssen Regierungen ihre Anstrengungen beim Klimaschutz, bei der Anpassung an die Klimakrise und bei der internationalen Klimafinanzierung deutlich verstärken. An der COP31 braucht es deshalb mehr internationale Zusammenarbeit statt Blockaden. Die Schweiz kann dabei einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie ihre Emissionen im Inland rascher reduziert, ärmere Länder finanziell stärker unterstützt und die Klimaauswirkungen ihres Finanzplatzes sowie des Flugverkehrs wirksamer begrenzt. 

 

Häufige Fragen zur bevorstehenden Klimakonferenz COP31

Je stärker sich die Erde erwärmt, desto häufiger und heftiger werden Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und andere Extremereignisse. Bereits über 1,5 Grad nehmen die Risiken für Menschen, Ökosysteme und Volkswirtschaften deutlich zu. 

«Limiting Overshoot» beschreibt einen Pfad, bei dem die Erderwärmung die 1,5-Grad-Grenze zwar vorübergehend überschreitet, anschliessend aber möglichst rasch wieder unter diese Schwelle gesenkt wird. Ziel ist es, Dauer und Ausmass der Überschreitung zu minimieren. 

Die COP31 ist die jährliche UNO-Klimakonferenz. Dort verhandeln Staaten über die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, neue Klimaziele, Klimafinanzierung sowie Massnahmen zur Anpassung an die zunehmenden Folgen der Klimakrise. 

Die Schweiz verfügt über hohe finanzielle und technologische Möglichkeiten. Gleichzeitig verfehlt sie ihre eigenen Klimaziele und verursacht über ihren Finanzplatz und ihren Konsum zusätzliche Klimabelastungen. Deshalb wird von ihr ein überdurchschnittlicher Beitrag zum Klimaschutz erwartet. 

Internationale Klimafinanzierung umfasst finanzielle Unterstützung für ärmere Länder, damit diese Treibhausgasemissionen reduzieren, sich an Klimafolgen anpassen und klimabedingte Schäden bewältigen können. Klimafinanzierung sollte zusätzlich zur Entwicklungszusammenarbeit geleistet werden. Dazu haben sich die wohlhabenden Länder verpflichtet. 

Besonders gross ist der Hebel beim Finanzplatz, bei der Energiewende, bei nachhaltigen Ernährungssystemen sowie bei der Reduktion der Emissionen aus dem Flugverkehr. 

Patrik Berlinger | © Maurice K. Gruenig
Verantwortlicher Politische Kommunikation

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