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Gulburak will hoch hinaus

Im südlichen Kirgistan hat sich in den letzten Jahren ein sanfter Tourismus entwickelt. Gulburak Begmataeva hat Fotojournalist Patrick Rohr ihren liebsten Einsatzort gezeigt.
TEXT: Patrick Rohr – FOTOS / VIDEOS: Patrick Rohr – 14. Mai 2021
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«Oh nein, er hat einen Hut!» Die 17-jährige Gulburak Begmataeva ist enttäuscht. Zu gerne hätte sie dem Besucher aus der Schweiz den Pik Lenin, den höchsten Berg in der Region, in seiner ganzen Pracht gezeigt. Jetzt ist der Gipfel in eine dicke Wolke gepackt. «Keine Sorge», sagt Helvetas-Mitarbeiter Imash Turkbaev, den Kopf zum Hintersitz gedreht, auf dem Gulburak bis vor kurzem geschlafen hat, «er wird sich schon noch zeigen.»

Es ist früher Morgen, kurz nach sieben. Eineinhalb Stunden sind wir mit dem Geländewagen nun schon in ausgetrockneten Bachbetten und auf Schotterwegen unterwegs zum Basislager des Pik Lenin. Es schüttelt und rüttelt. Ich staune, wie Gulburak den verpassten Schlaf auf dieser Strecke nachholen konnte.

Noch dauert es etwa zwanzig Minuten, bis wir im Basislager sind, doch schon von hier kann man den Pik Lenin sehen. Imposant ragt er mit seiner Höhe von 7134 Metern aus der schneebedeckten Bergkette heraus. Auf dem Gipfel scheint es heftig zu blasen, trotzdem hält sich der «Hut» hartnäckig.

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Warten auf die Rückkehr der Gäste

Das Basislager befindet sich auf 3800 Metern über Meer und liegt etwas oberhalb des langgestreckten Alay-Tals, einer ausladenden Hochebene inmitten des Pamirgebirges, das sich auf einer Höhe von 2200 bis über 3000 Metern durch das Grenzgebiet zwischen Kirgistan und Tadschikistan zieht. Vor Ausbruch der Corona-Pandemie schlugen hier in der kurzen Sommersaison bis zu 250 Reisende am Tag ihre Zelte auf. Im letzten Jahr blieb das Camp praktisch leer, und es ist ungewiss, ob diesen Sommer bereits wieder bergbegeisterte Touristinnen und Touristen ins Tal kommen können. Nötig hätten es die Menschen, denn das Alay-Tal ist eine der ärmsten Gegenden von Kirgistan, das wiederum zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Gulburak nutzt die Ruhe im Tal, um mit der Unterstützung von Helvetas an ihrer Ausbildung zur Tourenleiterin und Bergführerin zu arbeiten. «Helvetas engagiert sich im Tourismussektor, weil er hilft, die Armut der Menschen zu verringern», sagt Imash Turkbaev. 

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Patrick Rohr mit Imash Turkbaev und Gulburak Begmataeva. © Patrick Rohr

Es ist nicht lange her, da hat der 27-Jährige hier selber als Bergführer gearbeitet. Später hat er Wirtschaft und Sprachwissenschaften studiert, bevor er 2015 zu Helvetas kam, wo er heute für die Tourismusentwicklung verantwortlich ist. In dieser Funktion berät er Männer, Frauen und Familien, die sich im Tourismus engagieren, und unterstützt die lokale Bevölkerung im Aufbau einer touristischen Infrastruktur. Zu den Massnahmen gehört auch ein Grundkurs für angehende Bergführerinnen und -führer, für den sich Gulburak eingeschrieben hat. In diesem Kurs lernen die jungen Leute in einem theoretischen Teil unter anderem, wie sie mit den Gästen richtig kommunizieren, was sie auf ihren Touren an kulturellen Inhalten vermitteln können und wie sie Erste Hilfe leisten. Im praktischen Teil geht es etwa darum, einen idealen Zeltplatz zu finden und sicher einzurichten. Gulburak führt zwar bereits seit zwei Jahren selbstständig Besuchergruppen in die Berge und Täler um das Basislager, aber bisher waren das nur Tagestouren. Sie musste noch nie ein Biwak errichten oder bei Wind und Wetter eine warme Mahlzeit kochen.

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«Ich kann mir gar nichts anderes vorstellen, als den Sommer hier oben zu verbringen.»

Gulburak Begmataeva, angehende Bergführerin

Auf Helvetas aufmerksam geworden ist die Mittelschülerin im letzten Spätsommer, als sie bei einer grossen Aktion, die Helvetas unterstützt hatte, mitmachte. Das Ziel war, die Gegend um den Pik Lenin vom Abfall zu säubern, der sich seit der Erstbesteigung im Jahr 1923, als Kirgistan eine Sowjetrepublik war, angehäuft hatte. Während sechzehn Tagen sammelten 34 Helferinnen und Helfer insgesamt 6,8 Tonnen Abfall ein – ein Grosserfolg.

Aus Liebe zu den Bergen

Für Gulburak war es eine Selbstverständlichkeit, bei der Aufräumaktion dabei zu sein, denn die Gegend um das Pik Lenin-Basislager liegt ihr sehr am Herzen. Seit sie zehn Jahre alt ist, lebt sie mit ihren Eltern in den Sommermonaten hier oben in einer der Jurten, die sie aufstellen. Dank dem Tourismus, der in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist, hat Gulburaks Familie inzwischen so etwas wie ein geregeltes Einkommen. Früher haben sie, wie die meisten im Tal, von der Viehzucht gelebt. Jetzt kocht die Mutter im Sommer im Basislager Mahlzeiten für die Alpinisten, der Vater organisiert Dokumente für den Grenzübertritt oder bringt mit Pferden das Gepäck der Gäste ins nächsthöhergelegene Camp. So kam Gulburak schon früh mit Reisenden aus aller Welt in Kontakt. «Ich fand es sehr spannend, alle diese Menschen kennenzulernen, aber am Anfang konnte ich sie nicht verstehen», sagt sie. Mit der Zeit habe sie durch die Gespräche aber immer besser Englisch gelernt, und heute helfe sie den Eltern jeweils beim Übersetzen.

Politische Instabilität und grosse Armut

Kirgistan ist seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 eine unabhängige Republik. Politisch ist das Land höchst instabil. Die Armut ist gross; noch immer gibt es Menschen, vor allem in den abgelegenen Randregionen, die Hunger leiden. Von den sechs Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern arbeitet – je nach Quelle – bis zu einer Million im Ausland, vor allem in Russland. In den Bergen von Alay ist Viehhaltung das Rückgrat der Wirtschaft. Helvetas unterstützt dort im Rahmen eines Deza-Projekts auch Bauernfamilien dabei, in der Viehwirtschaft neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, denn mit Viehzucht allein können die 100’000 Einwohnerinnen und Einwohner der Region die Armut nicht überwinden. Die Einkommensmöglichkeiten werden diversifiziert: neben dem Tourismus auch mit Bienenhaltung und Kunsthandwerk.

Normalerweise besucht Gulburak in Osch, der mit 300’000 Einwohnerinnen und Einwohnern zweitgrössten Stadt Kirgistans, die Mittelschule. Im Sommer, wenn die Schule geschlossen ist und im Alay-Tal das kurze Tourismusfenster aufgeht, zieht es Gulburak in die Berge. «Ich kann mir gar nichts anderes vorstellen, als den Sommer hier oben im Basislager zu verbringen», sagt sie. Inzwischen ist sie hellwach.

Wir kommen an. Gulburak springt aus dem Auto und eilt davon. Ich probiere ihr zu folgen und komme bald ins Keuchen. Die Luft ist hier oben auf fast 4000 Metern ziemlich dünn. Bei einem runden Betonsockel bleibt Gulburak stehen: «Schau, hier stellen meine Eltern im Sommer jeweils die Gästejurte auf. Und da drüben steht die Küche, in der meine Mutter die Mahlzeiten für die Bergsteiger zubereitet.»

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Gulburak und Imash auf dem Grat, der zum Lager 1 des Pik Lenin führt. © Patrick Rohr
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Gulburak und Imash auf dem Weg zum Lager 1. © Patrick Rohr
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Bergsee im Tal des Basislagers umringt von Sechstausendern der Pamirkette. © Patrick Rohr
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Inzwischen hat auch Imash uns eingeholt, er trägt einen Rucksack auf dem Rücken und unter den Armen ein Zelt und eingerollte Matten. «Viele Gäste sind nur auf Durchreise und haben keine Bergausrüstung dabei. Für sie nehmen unsere Guides das Material mit.» Heute möchte Imash der angehenden Bergführerin zeigen, wie man ein Zelt so aufstellt, dass es auch den heftigen Windstürmen, die es hier oben immer wieder geben kann, standhält.

Ab diesem Sommer soll Gulburak mehrtägige Touren leiten, die hier im Basislager beginnen und dann entweder Richtung Westen oder Richtung Osten führen. Oder ins Lager Nummer 1, das nächste Camp auf dem Weg zum Gipfel, das etwa 1000 Höhenmeter weiter oben liegt. «Die Wanderung dauert sechs Stunden», sagt Gulburak und fasst mich am Arm. Bevor es ans Zeltaufstellen geht, möchte sie mir die Gegend zeigen. Zu dritt marschieren wir los, Gulburak voraus und Imash hintennach. Ich bleibe immer mal wieder zurück, um Fotos zu machen. Inzwischen steht die Sonne schon hoch am Himmel. Vor uns tut sich ein weites Tal mit zerklüfteten Felsen und wilden Bächen auf, es ist umringt von den weissen Sechstausendern der Pamirkette, die überragt werden von ihm, dem Pik Lenin. Und dem lupft es genau in diesem Moment den Hut. Wie von Geisterhand löst sich die hartnäckige Wolke auf und gibt den Blick auf den Gipfel frei. Gulburak strahlt.

«Komm, wir gehen weiter ins Tal hinein», sagt sie. «Siehst du diesen Weg, hier könnte man zum Wasserfall laufen. Und dort hinten geht es zum nächsten Lager, dorthin bringe ich manchmal Gäste mit dem Pferd.» Für solche Abenteuer ist es heute zu kalt, eine giftige Brise zieht uns um die Ohren. Wir entscheiden, ins Basislager zurückzukehren.

Erfolgsgeschichte Lokaltourismus

Helvetas und der kirgisische Tourismus – das ist eine über zwanzigjährige Erfolgsgeschichte. Ende der Neunzigerjahre, Kirgistan war noch nicht lange ein unabhängiges Land, kamen immer mehr Reisende aus dem Westen in die ehemalige zentralasiatische Sowjetrepublik. Weil es an einer touristischen Infrastruktur fehlte, unterstützte Helvetas Frauen, die in der kirgisischen Tradition für den Haushalt verantwortlich sind, darin, einzelne Zimmer ihrer Häuser an die Gäste aus dem Ausland zu vermieten. Aus diesem zunächst sehr kleinen und lokal beschränkten Projekt wuchs in nur wenigen Jahren die Organisation CBT, Community Based Tourism. Heute sind ihr im ganzen Land über 300 Familien angeschlossen. Sie vermieten nicht nur Betten, sondern kochen auch für Reisende, bringen sie von einem Ort zum nächsten oder führen sie in das lokale Brauchtum ein. Als CBT 2003 offiziell gegründet wurde, sollte die Organisation dereinst selbsttragend sein. Seit 2011 ist sie unabhängig, und die Tourismusspezialisten von Helvetas wie Imash Turkbaev beraten inzwischen im Auftrag der Deza die Organisation nur noch punktuell, so wie sie das auch bei anderen Tourismusanbietern tun (siehe roter Kasten).

Bei einheimischen Familien zu Gast

Die Homestay-Angebote sind auf der Website von Community Based Tourism (CBT) oder auf den internationalen Online-Buchungsplattformen zu finden. Ich habe im Tilek Guesthouse in Sary-Mogul genächtigt, das von Helvetas beraten wird. Es wird von Bunisa Termechikova und ihrem Sohn Nurtilek geführt. Auf Anraten von Helvetas hat die Familie zwei Sitz-Klos eingerichtet, statt dem üblichen Loch im Boden, und vegetarische Gerichte in den Speiseplan aufgenommen, was in Kirgistan nicht üblich ist. Auch gibt es WLAN und eine Banja, eine russische Sauna, in der mit einem Holzofen Wasser erhitzt wird. Auf Booking.com wird das Tilek Guesthouse von den Gästen mit 9,4 von 10 möglichen Punkten bewertet. 

Zur Website von CBT

Im Basislager haben Gulburak und Imash inzwischen das Zelt aufgestellt und eine Mahlzeit, bestehend aus weissem Brot und Fisch und Grüntee, zubereitet. Auf dem Rückweg ins Tal spreche ich Gulburak auf ihr hervorragendes Englisch an. Sie sagt, dass sie die Sprache inzwischen in einem Kurs vertiefe, neben der Schule. Sie wolle mit den Gästen auch anspruchsvolle Gespräche führen können. Und dann erzählt sie, nicht ohne Stolz, dass sie auch Japanisch lerne, weil immer mehr Touristen aus Japan ins Alay-Tal kämen. «Wie soll ich mich denn sonst mit ihnen unterhalten?», fragt sie mit einem Lächeln. Ich ziehe meinen Hut, der mich eben noch vor der gleissenden Sonne geschützt hat, vor Gulburak.

Patrick Rohr in Kirgistan

Der Schweizer Fotojournalist Patrick Rohr ist immer wieder für Helvetas im Einsatz. Für sein Buch «Die neue Seidenstrasse – Chinas Weg zur Weltmacht» (Orell Füssli Verlag) ist er von China nach Europa gereist. In Kirgistan hat er Projekte von Helvetas besucht, unter anderem das Tourismusprojekt im Alay-Tal.

Background Tours organisiert in Zusammenarbeit mit Helvetas eine Reise nach Kirgistan. Patrick Rohr wird die Reise führen. Mehr Infos unter: helvetas.org/reisen

Mitmachen und gewinnen

Gewinnen Sie eines von fünf Büchern «Die neue Seidenstrasse – Chinas Weg zur Weltmacht» von Patrick Rohr. Schreiben Sie ein Mail mit Betreff «Kirgistan» und Ihrem Absender an: redaktion@helvetas.org

Es gelten die Datenschutzrichtlinien von Helvetas: helvetas.org/datenschutz

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Helvetas hilft Bauern in Kirgistan, ihr Einkommen aufzubessern. Zudem engagieren wir uns in der Berufsbildung und der Verminderung von Wasserkonflikten.