Baustelle von The Line Neom | © Neom  Youtube

NEOM: Vom Wüstenwunder zur wüsten Bauruine?

Die geplante Megastadt in Saudi-Arabien ist überdimensioniert und fordert zu viele Opfer
VON: Patrik Berlinger - 12. Februar 2026
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In Saudi-Arabien sollte eine futuristische Vorzeige-Megastadt entstehen. Inzwischen musste das Projekt in der Wüste stark redimensioniert werden. Während die Stadtplanung völlig unrealistisch ist, können die hohen Ansprüche in Bezug auf Nachhaltigkeit nicht eingehalten werden. Zudem sind die ausbeuterischen Arbeits- und Lebensbedingungen der meist asiatischen Wanderarbeiter:innen erschütternd.

In der saudischen Wüste will sich Kronprinz Mohammed bin Salman auf einem Gebiet der Grösse von Belgien sein eigenes Denkmal setzen. Das gigantische Entwicklungsgebiet mit dem Namen «Neom» soll dereinst 26’500 Quadratkilometer umfassen und vom Golf von Akaba, östlich von der ägyptischen Sinai-Halbinsel, bis zu den felsigen Steinformationen im Landesinneren reichen. «Neom» – ein Wortspiel aus neo und mustaqbal (Zukunft) – ist eines der grössten Bauprojekte in der Menschheitsgeschichte.

Das politisch nicht souveräne Entwicklungsgebiet ist als unabhängige Wirtschaftszone konzipiert, die über ein eigenes Rechts- und Steuersystem verfügt. Bis 2030 soll «Neom» ein globaler Hub für Business und Tourismus werden; mit internationalen Firmen, Jachthäfen, historischen Stätten und sogar einem Skiresort. Gleichzeitig soll Saudi-Arabien damit ein internationales Zentrum für Digitalisierung, Robotik und Entertainment mit Einkaufstempeln, Themenparks und Sportanlagen für olympische Spiele werden.

Im Zusammenhang mit dem Vorhaben wurden mindestens 6’000 Beduinen vertrieben. Wer bleiben wollte und die Entschädigung ablehnte, wurde verhaftet; manche kamen ins Gefängnis oder wurden zum Tode verurteilt. Es kam auch zu Tötungen durch die Polizei.

Die Kosten laufen aus dem Ruder

Die Investitionen für «Neom» wurden anfangs auf 500 Milliarden US-Dollar geschätzt. Damit wären die Kosten mehr als 30-mal höher als der 2016 eröffnete Gotthard-Basistunnel (12,2 Mrd. CHF), der mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt ist.

«Neom» ist Teil der Billionen-schweren «Vision 2030», die Mohammed bin Salman 2016 – er war damals noch Stellvertretender Kronprinz und Vizepremier – in Auftrag gegeben hatte. Der Mann, der den Tod des saudi-arabischen Journalisten Jamal Ahmad Khashoggi zu verantworten hat, will dem autokratischen Land ein modernes Image verpassen. Die Absicht hinter dem Vorhaben ist allerdings auch, Saudi-Arabien von der Abhängigkeit vom Erdöl loszulösen.

Doch die ultrakonservative Ölmonarchie scheint noch einen weiten Weg vor sich zu haben. Dies zeigt die Tatsache, dass 2024 immer noch Erdöl im Wert von etwa 217 Milliarden US-Dollar exportiert wurde. Das sind 90 Prozent der Gesamtexporte aus dem Wüstenstaat, und es sind etwa 70% der Staatseinnahmen. Immer stärker wird der unangefochtene Exportschlager auch im eigenen Land nachgefragt – weil die junge und wachsende Bevölkerung mehr Treibstoffe braucht, der Rohstoffbedarf für die petrochemische Industrie steigt und der fossile Energiebedarf für die Meerwasserentsalzung wächst und wächst.

Der Wunschtraum platzt

Bereits in ein paar Jahren sollten in «Neom» 9 Millionen Menschen leben. So jedenfalls verkündete es Mohammed bin Salman 2017 in einer Werbekampagne für die auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Metropole «The Line», dem Herzstück des Neom-Wunschtraums. Die futuristische Bandstadt hätte sich ursprünglich über 170 Kilometer von West nach Ost quer durch die Wüste erstrecken sollen, gesäumt von zwei 500 Meter hohen verspiegelten Mauern. Ein Hochgeschwindigkeitszug sollte die künftigen Bewohner:innen in 20 Minuten von einem Ende der Stadt zum anderen bringen.

Nun zeigt sich, dass «The Line» nicht in der vorgesehenen Dimension gebaut werden kann. Im September 2025 wurde der Bau vorerst eingestellt, nachdem man bereits 2024 die Länge von 170 km auf 2,5 Kilometer reduziert hatte und in der ersten Phase nur noch 300’000 statt 2 Millionen Menschen angesiedelt werden sollten. Überdimensionierte Wolkenkratzer auf sandigem Grund, gigantische verspiegelte Wände und ein in die Wüste gebauter Kanal für Frachtschiffe sind laut Ingenieur:innen schwierig umzusetzen.

Sandstürme und die gleissende Hitze erschweren die Umsetzung der Bauvorhaben zusätzlich. Schon heute können die Temperaturen auf bis zu 50 Grad steigen. Und das ist erst der Anfang: Trockenphasen werden immer länger, wodurch die Grundwasserreserven schwinden und der Druck auf die Wasserressourcen zunimmt. Starke Winde führen Sand und Staub mit sich und bilden Wolken, die die Sicht oft komplett verhindern und das Problem von Atemwegserkrankungen erhöhen. Die Stürme führen auch zur Ausbreitung der Wüsten, wodurch natürliche Lebensräume und Ernten zerstört, und Häuser und Wege beschädigt werden.

Hochqualifizierte Planer neben ausgebeuteten Wanderarbeitern

Auf den Baustellen sieht man hochqualifizierte Arbeitskräfte aus Ländern wie den USA, Spanien und Italien. Sie wohnen in Siedlungen, die aussehen wie Militärbasen. Wachleute und Gesichtserkennung sorgen dafür, dass keine unbefugten Menschen auf das Gelände kommen. In den Kantinen stehen internationale Gerichte im Angebot, und es gibt Swimmingpools und Fitnesscenter.

Beratungsunternehmen, internationale Architekturbüros und Stadtplaner ebenso wie Ingenieure und Baustellenleiter verdienen oft mehrere zehntausend Euro im Monat. Das steuerfreie Jahresgehalt von Führungskräften kann mehr als eine Million Euro betragen. Viele Arbeiter:innen bleiben für ein paar Jahre, verdienen sich dumm und dämlich, und verschwinden dann wieder.

Eine andere Realität erleben die Tausenden Wanderarbeiter:innen aus armen Ländern wie Pakistan, Bangladesch, den Philippinen und Nepal. Die ausländischen Arbeitskräfte, die in Saudi-Arabien über ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, arbeiten in Kantinen und der Müllabfuhr. Sie reinigen Gebäude und malochen in schier unerträglicher Hitze auf den staubigen Baustellen. Ihre Löhne sind sehr tief, und die Arbeitsbedingungen ausbeuterisch und gefährlich. Ähnliches kennt kann von den Baustellen für die Fussball-WM in Katar 2022.

Die Wanderarbeiter:innen hausen in informellen Lagern, während sie oft über 60 Stunden pro Woche schuften und auf die vereinbarten Ruhetage verzichten. Rassismus und Sexismus sind alltäglich, Unfälle ohne Versicherungsschutz oder Kompensation ebenfalls. Unabhängigen Schätzungen zufolge sind auf den Baustellen von «Neom» und «The Line» seit 2017 mehr als 20’000 ausländische Arbeitskräfte gestorben. Bestätigen mag die Regierung diese erschreckenden Zahlen allerding nicht.

Brutale Einwanderungsbehörde und rigorose Abschiebepraxis

Wer nicht – oder nicht mehr – gebraucht wird, bekommt es mit einer harten Einwanderungspolitik und Abschiebepraxis zu tun. Zudem lebt gefährlich, wer das Königshaus kritisiert: Gelegentlich «verschwinden» Menschen von einem Tag auf den anderen. Und an den Grenzen kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Folter und Morden.

Politischer Widerspruch gilt in Saudi-Arabien als terroristischer Akt, der mit der Todesstrafe geahndet werden kann. 2024 wurden 345 Hinrichtungen vollstreckt – so viele wie seit 30 Jahren nicht mehr. 2025 zeigte sich diese Realität erneut, als sogar Jugendliche hingerichtet wurden, unter Missachtung internationaler Rechtsnormen, öffentlicher Appelle, diplomatischer Interventionen und der vom Königreich selbst erklärten Verpflichtungen zum Schutz der Menschenrechte.

Dennoch meinen manche Kenner:innen der Region, das sei der Preis in einer rasanten Transformationsphase. Der Kronprinz Mohammed bin Salman sei eben ein autoritärer Reformer. Und es sei sein Verdienst, dass das alte wahhabitische System abgeschafft und ein moderner Nationalstaat aufgebaut werde, von dem alle profitieren würden. Doch auch jene Kenner:innen werden wohl grösstenteils anerkennen, dass Neom immer mehr zu einem urbanen Albtraum verkommt – und schlicht zu viele menschliche Opfer fordert.

Patrik Berlinger | © Maurice K. Gruenig
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