SheLeads Nepal | © Fabienne Tödtli

Gleichstellung für eine friedlichere Welt

Warum gleiche Chancen eine nachhaltige Wirtschaft und globale Stabilität fördern
VON: Patrik Berlinger, Agnieszka Kroskowska - 12. Februar 2026
© Fabienne Tödtli

Viel zu viel Potenzial von Frauen bleibt weltweit ungenutzt – mit Folgen für Wirtschaft, Ernährung und Frieden. Studien zeigen: Gleichberechtigte Teilhabe könnte nachhaltiges Wachstum fördern, Hunger verringern und Konflikte leichter beilegen. Mit einer neuen Aktionsagenda verleiht die UNO dem Thema neuen Schwung.

Der aktuelle UNO-Fortschrittsbericht zu Gleichstellung und Gendergerechtigkeit macht auf eine verstörende Tatsache aufmerksam: Immer häufiger werden Frauen und Mädchen in Konfliktgebieten Opfer sexueller Gewalt. Allein 2024 mussten über 4’600 von ihnen Misshandlungen erdulden, die als Kriegswaffe und politische Unterdrückung gegen sie eingesetzt wurden. Während Frauen und Mädchen 92 Prozent der Opfer ausmachten, sind auch Männer und Knaben, Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten betroffen. Zur körperlichen Gewalt hinzu kommen Stigmatisierung und zweifelhafte Reaktionen aus dem Umfeld. Sie treiben Überlebende und Kinder aus Vergewaltigungen während Kriegen in soziale und wirtschaftliche Isolation, und führen oft in erneute Zyklen von Trauma und Gewalt. Eigentlich gäbe es das humanitäre Völkerrecht, doch es wird von den Kriegsparteien immer öfter missachtet und auch von gewichtigen Regierungen verletzt.

Andere Aspekte mögen unmittelbar weniger bedrückend sein, sind aber gleichwohl problematisch. So zeigt der UNO-Bericht einmal mehr, dass Frauen weltweit zweieinhalbmal mehr unbezahlte Haushalts- und Care-Arbeit leisten – mit Folgen bis ins hohe Alter, wenn ihre Renten häufig nicht ausreichen, um ein selbstbestimmtes und würdiges Leben führen zu können. Derweil bleibt die Entscheidungsgewalt in den Händen von Männern, und zwar in allen Lebensbereichen und überall auf der Welt. So ist gerade mal rund ein Viertel der Sitze in den nationalen Parlamenten mit Frauen besetzt. Dabei wäre eine inklusive Vertretung in Politik, im öffentlichen Dienst und auch in der Justiz wichtig für eine faire, effektive und vertrauensvolle Regierungsführung.

Unsichere Ernährung und gesundheitliche Langzeitfolgen

Frauen besitzen weltweit weniger als 20% des Landes. In vielen Entwicklungsländern liegt der Anteil sogar deutlich niedriger, oft unter 10%. Dies gilt insbesondere für landwirtschaftliche Flächen, die für den Lebensunterhalt und die Ernährung zentral sind. Von den 690 Millionen Menschen weltweit, die an Hunger leiden, sind 60 Prozent Frauen und Mädchen. Erhielten Frauen in der Landwirtschaft und der Produktion von Nahrungsmitteln mehr Wertschätzung, finanzielle Unabhängigkeit und Zugang zu landwirtschaftlichen Geräten, könnte die Produktivität markant gesteigert werden, wodurch Millionen Menschen mehr ausreichend zu essen hätten.

Aufgrund von Anämie, also ernährungsbedingter Blutarmut, leiden Millionen von Frauen im gebärfähigen Alter unter Müdigkeit, Lethargie oder Atemnot. Die Symptome beeinträchtigen das Wohlbefinden und die Produktivität – mit Auswirkungen auf deren Familien und ganze Gesellschaften. Und sie beeinträchtigen auch die Entwicklung von Babys. Anämie ist in 40% aller Fälle weltweit für das niedrige Geburtsgewicht verantwortlich, beeinträchtigt also unwiederbringlich das Wachstum und die Lernfähigkeit von Kindern. Nicht nur die gesundheitlichen Probleme, sondern auch die wirtschaftlichen Folgen davon sind erschütternd: Allein in Südasien kostet Anämie jedes Jahr geschätzte 32,5 Milliarden US-Dollar. Dabei wäre die Erkrankung vermeid- und auch behandelbar, mittels einer eisen- und vitaminreichen Ernährung, angemessener sanitärer Einrichtungen und einer besseren Gesundheitsversorgung für Mütter. Eine schlechte Gesundheit führt zu mangelnder Bildung, was wiederum die langfristige soziale und wirtschaftliche Produktivität und Widerstandsfähigkeit untergräbt.

Vielfältige Chancen durch mehr Geschlechtergerechtigkeit

Der UNO-Bericht zeigt eindrücklich und auf erschreckende Art und Weise, wie stark Frauen nach wie vor benachteiligt, unterversorgt, ausgebeutet und misshandelt werden. Dabei sind nicht nur die gesundheitlichen und psychischen Folgen verheerend. Auch die politischen und wirtschaftlichen Implikationen sind nicht hinnehmbar. Die Weltgemeinschaft verschwendet unglaublich viel ungenutztes Potenzial, wie der Bericht und die Forschung zeigen:

  • Unternehmen, die von Frauen geführt werden, entwickeln eher Produkte und Dienstleistungen, die sozial und ökologisch langfristiger zum Gemeinwohl beitragen. Gemischte Teams sind innovativer, krisenfester und in aller Regel auch profitabler. Dennoch wird Frauen nach wie vor weniger zugetraut. Auf der Suche nach Investor:innen erhalten bei identischen Präsentationen in 70 Prozent der Fälle Männer den Zuschlag. Und nur zwei Prozent des Risikokapitals, das 2022 in Start-up-Unternehmen investiert wurde, floss in von Frauen gegründete Firmen. Mehr noch: Nur knapp ein Drittel aller Führungspositionen ist von Frauen besetzt, Tendenz sinkend. Der wirtschaftliche Ausfall ist riesig: Könnten Frauen sich genauso in die Erwerbsarbeit einbringen wie Männer, wüchse die globale Wirtschaft um bis zu ein Viertel.
  • Besässen Frauen mehr produktives Land, wie es ihnen eigentlich zustünde, könnten sie eigenständiger über nachhaltige Investitionen, wirksame Anbaumethoden und klimaschonende Praktiken entscheiden. Weltweit könnten sie dadurch Mangelernährung – von der deutlich mehr Frauen und Mädchen betroffen sind – markant reduzieren. Laut der Weltbank ist die Stärkung der Land- und Eigentumsrechte von Frauen ein zentraler Motor für eine inklusive, von den Ländern selbst gesteuerte und nachhaltige Transformation der Landwirtschaft. Die FAO erklärt, dass die Schliessung der geschlechtsspezifischen Lücke bei Agrar- und Ernährungssystemen das globale Bruttoinlandsprodukt um fast 1 Billion US-Dollar steigern und die Zahl der Menschen, die unter Ernährungsunsicherheit leiden, um 45 Millionen reduzieren würde.

  • Auch in der Streitbeilegung bringen Frauen einen Vorteil: Studien zeigen, dass von Frauen gestaltete Politik sozialer und integrativer ist. Sind Frauen zum Beispiel an Friedensabkomme beteiligt, haben diese nachweislich länger Bestand. Und dennoch liegt deren Beteiligung an Mediations- und Aushandlungsprozessen bei unter 25 Prozent, sofern Frauen denn überhaupt vertreten sind. Umso wichtiger wäre die Umsetzung der Resolution 1325 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, die schon vor 25 Jahren beschlossen wurde – nämlich, dass Frauen bei Konfliktlösungen, der Friedenskonsolidierung und beim Wiederaufbau nach Konflikten eine zentrale Rolle zugestanden werden muss. Nationale Aktionspläne zu Frauen, Frieden und Sicherheit bieten etwas Hoffnung auf Fortschritte. Bis Juni 2025 hatten 113 Länder solche Pläne verabschiedet, gegenüber nur 32 im Jahr 2011.

Treibende Kraft für nachhaltige Veränderungen

Im Rahmen der UNO verabschiedeten die Regierungen 1995 die Pekinger Aktionsplattform. Bis heute gilt sie als umfassendster globaler «Fahrplan» für Frauenrechte. Die Plattform benennt die kritischen Handlungsbereiche, in denen Staaten weltweit Gleichstellung verwirklichen sollten. Die Agenda 2030 aus dem Jahr 2015 baute auf diesem Fundament auf: Ohne Gleichstellung (SDG 5) und die Beseitigung von Armut (SDG 1) sind kaum Fortschritte in den übrigen Nachhaltigkeitszielen der UNO möglich.

30 Jahre nach der Verabschiedung der Pekinger Aktionsplattform zieht der vorliegende UN-Bericht Gender Snapshot 2025 eine ernüchternde Bilanz: Von echter Gleichstellung der Geschlechter sei die Welt noch weit entfernt. Es gebe zwar Fortschritte – doch sie kämen zu langsam, seien oftmals zu wenig gefestigt in den jeweiligen Gesellschaften, und es bestünden noch immer grosse regionale Unterschiede. Es ist zu hoffen, dass der laufende Pekinger Prozess +30 neuen Schwung verleiht und handfeste Fortschritte bringt – beim Abbau von Gewalt an Frauen, für gleiche Entscheidungsrechte und digitale Teilhabe sowie bei der Stärkung von Frauenorganisationen und im Bereich Frieden und Klimagerechtigkeit. Denn eines ist offensichtlich: Frauen tragen weltweit die Hauptlast von Armut, Gewalt und Klimakatastrophen. Gleichzeitig sind sie aber auch die treibende Kraft für nachhaltige Veränderungen.

Übrigens, wenn es um Gleichstellungsfragen geht, scheint auch die Schweiz einen grossen Nachholbedarf zu haben. Die Schweiz belegt den 17. Platz im Gleichstellungsindex des Weltwirtschaftsforums. In Europa liegt sie auf dem 12. Platz. Island führt die Rangliste zum 16. Mal in Folge an, gefolgt von Finnland und Norwegen. Der Global Gender Gap Report misst die Entwicklung der geschlechtsspezifischen Unterschiede in vier Bereichen: wirtschaftliche Teilhabe, Bildungsabschlüsse, Gesundheit und Lebenserwartung sowie politische Teilhabe. Er zeigt: In manchen Bereichen ist auch die Schweiz noch ein «Entwicklungsland».

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