Ernährungssicherheit stärken und damit Stabilität und Frieden fördern

Drei konkrete Handlungsempfehlungen für die Schweiz
VON: René Holenstein - 04. November 2026

 

Das Wichtigste in Kürze

  • Rund 645 Millionen Menschen leiden weltweit unter Hunger. Das entspricht etwa jedem zwölften Menschen.
  • Die wichtigsten Ursachen sind Armut, Konflikte, Klimawandel und wirtschaftliche Unsicherheit.
  • Der Welthunger-Index 2026, den Helvetas mitherausgibt, zeigt: Ernährungssicherheit ist eine Voraussetzung für Stabilität, Frieden und gesellschaftliche Entwicklung.
  • Investitionen in lokale Ernährungssysteme, agrarökologische Landwirtschaft und Friedensförderung können Hunger reduzieren. 
  • Die Schweiz kann dazu beitragen, indem sie die internationale Zusammenarbeit ausbaut, klimaresiliente Landwirtschaft und nachhaltige Ernährungssysteme fördert, und zivile Friedensförderung und diplomatische Instrumente zur Konfliktprävention stärkt. 

 

Nach erfolgreichen Jahren bei der Hungerbekämpfung verschärft sich das Problem der Unterernährung weltweit wieder. Hunger trifft ungefähr jeden zwölften Menschen auf der Welt. Dafür verantwortlich sind Armut, Konflikte und der Klimawandel. Auf drei Ebenen kann die Schweiz tätig werden – ganz konkret und mit nachhaltig positiven Impulsen für die weltweite Ernährungslage. 

Der Hunger nimmt wieder zu. Laut dem aktuellen Welthunger-Index 2026, den Helvetas gemeinsam mit der Welthungerhilfe und dem Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) herausgibt, leiden weltweit rund 645 Millionen Menschen an Hunger beziehungsweise an Unterernährung. Das entspricht ungefähr jedem zwölften Menschen weltweit. Frauen und Mädchen sind besonders stark betroffen. 

Im Vergleich zum Jahr 2000 bleibt die langfristige Verbesserung im Kampf gegen Hunger sichtbar, doch seit 2018 hat sich die Lage verschlechtert. In 44 Ländern ist die Lage ernst oder sehr ernst, darunter Madagaskar, Haiti und Niger – Länder, in denen auch Schweizer Entwicklungsorganisationen tätig sind. Wie konkrete Unterstützung aussehen kann, zeigt Haiti: Dort unterstützt Helvetas aktuell gemeinsam mit dem World Food Programme 9000 Haushalte mit Bargeldhilfen, damit die Familien Lebensmittel und andere lebenswichtige Güter kaufen können. 

Armut, Konflikte und die Klimakrise

Die Treiber des Hungers sind bekannt: Armut, Konflikte, geopolitische Spannungen, die Erderwärmung und wirtschaftliche Unsicherheit. Die Zahl staatlicher bewaffneter Konflikte hat den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht. Gleichzeitig ist die humanitäre und entwicklungspolitische Finanzierung des Ernährungssektors in Krisenkontexten auf den niedrigsten Stand seit 2016/2017 gefallen. 

Die Kernbotschaft des Welthunger-Index lautet deshalb: Keine Sicherheit ohne Ernährungssicherheit. Hunger ist nicht einfach auf eine zu geringe Lebensmittelproduktion zurückzuführen, sondern vor allem darauf, dass die Menschen nicht zuverlässig Zugang zu ausreichend gesunder Ernährung haben. Ernährungsunsicherheit kann ihrerseits Krisen und Instabilität verschärfen. 

Agrarökologie als Resilienz-Strategie

Anhaltende Fortschritte in Ländern wie Uganda, Togo und Nepal zeigen zugleich, dass Hunger verringert werden kann. Der Bericht führt diese Erfolge auf ein Zusammenspiel langfristiger Investitionen und politischer Massnahmen in Ernährung, Gesundheit, Bildung und sanitärer Versorgung zurück. 

Ein vielversprechender Ansatz ist die Agrarökologie. Sie fördert vielfältige und ressourcenschonende Anbaumethoden, nutzt lokales Wissen und stärkt so Ernährungssouveränität und Selbstbestimmung kleinbäuerlicher Familien. Genau das deckt sich mit einer der Handlungsempfehlungen des Welthunger-Index, langfristig in lokale und regionale Ernährungssysteme, klimaresistente Landwirtschaft, Infrastruktur und soziale Sicherheit zu investieren. 

Agrarökologie allein kann die Ernährungsprobleme eines Landes nicht lösen. Aber sie reduziert Hunger und wirkt über die Landwirtschaft hinaus: als politische Kraft für mehr Gerechtigkeit, ökologische Widerstandsfähigkeit und kulturelle Selbstbestimmung. 

Was die Schweiz beitragen kann

Die Herausgeber des Welthunger-Index empfehlen, ein menschenzentriertes Sicherheitsverständnis zu verfolgen und Ernährungssicherheit sowie das Recht auf angemessene Nahrung systematisch in der Friedens- und Sicherheitspolitik zu verankern. Vor diesem Hintergrund ergeben sich auch für die Schweiz konkrete Handlungsvorschläge: 

Erstens sollten Investitionen in wirksame, weltweite Hungerbekämpfung als strategische Sicherheitsinvestitionen im Bundeshaushalt verankert werden, mit verlässlicher Finanzierung und transparenten Kriterien auf der Grundlage nationaler Risikobewertungen. Für die Schweiz bedeutet dies, weitere Kürzungen bei der internationalen Zusammenarbeit zu vermeiden und flexible, mehrjährige und verlässliche Mittel bereitzustellen. Ernährungssicherheit ist nicht nur eine humanitäre Frage. Sie stärkt gesellschaftliche Stabilität und ist Voraussetzung für lokale Perspektiven und ein friedliches Zusammenleben. 

Zweitens sollte die Schweiz agrarökologische und klimaresiliente Landwirtschaft als Schwerpunkt der Entwicklungszusammenarbeit ausbauen und damit lokale und nachhaltige Ernährungssysteme gezielt stärken. Gerade in den besonders betroffenen Ländern, in denen Schweizer Hilfsorganisationen wie Helvetas, Swissaid oder Fastenaktion präsent sind. Der Bericht fordert, betroffene Gemeinschaften und die lokale Zivilgesellschaft verbindlich an Entscheidungen, Umsetzung und Kontrolle zu beteiligen. 

Drittens, Friedensförderung und Diplomatie. Da Konflikte ein zentraler Treiber von Hunger sind, sollte die Schweiz ihre Friedensförderung und humanitäre Diplomatie nutzen, um auf Waffenstillstände, die Einhaltung des humanitären Völkerrechts, den Schutz der Zivilbevölkerung und den ungehinderten Zugang zu humanitärer Hilfe hinzuwirken. Die Erfahrung zeigt: Entwicklungszusammenarbeit und diplomatisches Engagement tragen wesentlich dazu bei, konfliktbedingten Hunger zu verhindern. 

 

* René Holenstein ist promovierter Historiker und ehemaliger Botschafter. Seit 2020 ist er im Vorstand von Helvetas. Sein Artikel ist zuerst bei der Schweizerischen Gesellschaft für Aussenpolitik SGA erschienen. 

 

Kernaussage auf einen Blick

Der Welthunger-Index 2026 macht deutlich: Hunger entsteht nicht allein durch fehlende Lebensmittelproduktion, sondern vor allem durch mangelnden Zugang zu ausreichender und gesunder Nahrung. Konflikte, Armut und die Klimakrise verschärfen die Situation zusätzlich. Nachhaltige Verbesserungen gelingen dort, wo langfristig in lokale Ernährungssysteme, klimaresiliente Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit und Friedensförderung investiert wird. Für die Schweiz bedeutet dies, Ernährungssicherheit als Bestandteil ihrer Aussen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik zu verstehen und entsprechende Investitionen sowie diplomatische Anstrengungen auszubauen. 

 

FAQ: Ernährungssicherheit, Hunger und die Rolle der Schweiz

Mit ihrer internationalen Zusammenarbeit fördert die Schweiz ökologische Landwirtschaft und nachhaltige Ernährungssysteme. Ebenso treibt sie die zivile Friedensförderung in besonders betroffenen Ländern voran und verbessert damit die Ernährungssicherheit zusätzlich. 

Zu den wichtigsten Ursachen zählen bewaffnete Konflikte, Armut, die Folgen des Klimawandels, wirtschaftliche Krisen und sinkende Investitionen in Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe. 

Laut Welthunger-Index 2026, den Helvetas mitherausgibt, sind weltweit rund 645 Millionen Menschen von Hunger bzw. Unterernährung betroffen.

Hunger kann soziale Spannungen, politische Instabilität und Konflikte verschärfen. Umgekehrt erschweren Konflikte den Zugang zu Nahrung und zerstören lokale Ernährungssysteme. 

Agrarökologie ist ein Ansatz, der eine ökologische Landwirtschaft vorantreibt, die Menschen vor Ort stärkt und die Widerstandsfähigkeit von Ernährungssystemen gegenüber Klimarisiken verbessert. Agrarökologische Methoden fördern Bodengesundheit, Biodiversität und stabile Erträge. Dadurch können kleinbäuerliche Haushalte ihre Ernährung langfristig sichern.

Mitglied des Vorstands
Im Vorstand seit 2020
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