Nepal badet aus, was die Welt verbockt

Erhält das Land nun Unterstützung aus dem neuen UN-Fonds für Loss and Damage?
VON: Patrik Berlinger - 04. November 2026

 

Das Wichtigste in Kürze

  • Nepal fordert nach der verheerenden Sturzflut vom August 2026 Geld aus dem internationalen UN-Fonds für Schäden und Verluste (Loss and Damage Fund).
  • Das Land trägt kaum zum Klimawandel bei, ist aber stark von dessen Folgen betroffen. Es beruft sich deshalb auf das Prinzip der Klimagerechtigkeit.
  • Nepal beantragt die maximale Auszahlung von 20 Millionen US-Dollar, benötigt für den Wiederaufbau jedoch schätzungsweise 4 bis 5 Milliarden US-Dollar.
  • Obwohl bereits Anträge aus 119 Ländern vorliegen, hat der Fonds bislang noch keine reguläre Auszahlung vorgenommen.
  • Der Fall Nepal gilt als wichtiger Test dafür, ob der Loss and Damage-Fonds seinem Anspruch gerecht werden kann, besonders betroffene Länder bei klimabedingten Schäden zu unterstützen. 

 

Die Sturzflut in Nepal kam überraschend, aber eigentlich auch nicht. Die Schäden sind immens, das menschliche Leid ebenso. Die Regierung fordert nun Entschädigung aus dem neu geschaffenen UN-Fonds für Schäden und Verluste. Und verweist auf die Forderung nach Klimagerechtigkeit. 

Am 26. August 2026 hat eine schwere Sturzflut den Distrikt Rasuwa im Norden Nepals getroffen. Ganze Siedlungen wurden weggeschwemmt oder unter Geröll begraben. 1400 Menschen starben. Knapp 5000 Menschen werden noch vermisst. 17 Gemeinden sind betroffen. 19 Schulen, 80 Brücken, Elektrizitätswerke und viele Kilometer Strasse sind kaputt, viele Hektare landwirtschaftliches Land unter Schlamm begraben. 

Der weltweite Öl-, Gas- und Kohle-basierte Lebensstil hat die globalen Temperaturen so stark ansteigen lassen, dass Gletscher schmelzen, der Wasserhaushalt durcheinander gerät und Permafrost auftaut, was die Stabilität von Berghängen beeinträchtigt – sowohl in Nepal als auch in der Schweiz. 

Forderung nach Gerechtigkeit und Ausgleich 

Die Zerstörung im nördlichen Nepal ist gigantisch. Ebenso gewaltig ist die Herausforderung, die Region wieder aufzubauen und den Menschen vor Ort neue Perspektiven zu geben. Dafür fordert Nepals Regierung Entschädigungszahlungen aus dem internationalen Fonds für Schäden und Verluste. Also von den Ländern, die massgeblich zum Klimawandel beitragen, der für die Katastrophe mitverantwortlich ist. 

Für die nepalesische Regierung ist das nicht eine Bitte um Hilfe oder Wohltätigkeit. Es ist die Forderung nach Gerechtigkeit. Tatsächlich sind Nepals Treibhausgasemissionen praktisch vernachlässigbar. Gleichzeitig zahlt jetzt ausgerechnet die nepalesische Bevölkerung einen enormen Preis für eine globale Klimakrise, die das Land nicht verursacht. 

Konkret beantragt Nepal 20 Millionen US-Dollar aus dem multilateralen Loss and Damage Fonds, der an der UN-Klimakonferenz im Jahr 2022 eingerichtet wurde. Es ist die Höchstsumme pro Schadensereignis. Ein Tropfen auf den heissen Stein, denn Nepal wird schätzungsweise vier bis fünf Milliarden US-Dollar benötigen, um die Schäden der Sturzflut zu beheben – fast ein Zehntel der Wirtschaftsleistung des Landes. 

Bislang hat der Fonds-Vorstand trotz Anträgen aus 119 Ländern noch keine einzige Auszahlung getätigt. Das hat mit noch ungeklärten institutionellen Gouvernanz-Fragen zu tun. Aber auch schlicht mit der Tatsache, dass der Fonds mit den vielen Anfragen überfordert ist und der Vorstand sich für die nötige Sorgfalt bei der Prüfung der Anträge Zeit nehmen will. Immerhin, im Fall von Nepal will man eine Ausnahme machen und eine baldige Auszahlung ins Auge fassen. 

Ist der Fonds nur ein leeres Versprechen?  

Insgesamt summieren sich die laufenden Anträge auf 2,8 Milliarden US-Dollar. Die betroffenen Staaten fordern die Unterstützung etwa nach Sturzfluten, Hagelschäden und Murgängen ein, aber auch für den Aufbau von Küstenschutzmauern, damit die steigenden Meere das Land nicht verschlucken. Die reichen Länder haben jedoch erst etwas mehr als 820 Millionen US-Dollar für den Fonds «zugesagt». Tatsächlich eingegangen sind bislang noch weniger Mittel. Die grössten Zahler sind die Vereinigten Arabischen Emirate, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Spanien. Die USA zogen ihre Unterstützung für den Fonds im Jahr 2025 zurück. 

Bei den getätigten Zahlungen handelt es sich zudem grösstenteils um «Umwidmungen» aus bestehenden Budgets der internationalen Zusammenarbeit (IZA). Sie gehen damit auf Kosten der Armuts- und Hungerbekämpfung. Dabei müssten die Mittel zwingend zusätzlich zur Entwicklungshilfe bereitgestellt werden. Dafür braucht es angesichts von Staaten im Dauersparmodus neue, innovative Geldquellen. Sinnvoll und fair wären verursachergerechte Finanzierungsinstrumente, sodass tatsächlich jene für die negativen Auswirkungen des Klimawandels geradestehen, die durch ihr Handeln die globale Erhitzung massgeblich mitverursachen – z.B. die Zement- und Rohstoffbranche, die internationale Flugindustrie und Schifffahrt sowie Banken, die nach wie vor in fossile Projekte investieren, oder sehr reiche Menschen mit grossem Klima-Fussabdruck. 

Die Symbolik des Fonds für Verluste und Schäden

Nepal erhält grosszügige Soforthilfe aus vielen Ländern – so auch aus der Schweiz (darunter Helvetas). Zusätzliche Unterstützung aus dem Fonds für Verluste und Schäden ist unerlässlich. Weniger wegen der Summe, als vielmehr wegen der Symbolkraft. Der Kampf um diesen Fonds dauerte Jahre. Betroffene Länder hatten sich dafür eingesetzt, eine Art Klimafolgen-Entschädigung zu etablieren und diese von «Wohltätigkeit» und «Solidarität» abzugrenzen. 

Reiche Länder zeigen sich in vielen Fällen bereit, humanitäre Hilfe zu leisten. Sie sträuben sich aber dagegen, Mittel unter der Bezeichnung «Kompensation» bereitzustellen. Tunlichst möchten sie es vermeiden, «Verantwortung» und möglicherweise auch Haftung für den Klimawandel und die Erderhitzung zu übernehmen. Deshalb verlangten diese Länder bei der Einrichtung des Fonds, dass die Beiträge freiwillig sind und die Leistung eines Beitrags nicht als Anerkennung einer Haftung ausgelegt werden darf. 

Wie verhält sich die Schweiz? 

Auch die Schweizer Regierung zeigt Mühe mit der Forderung nach Kompensation. Dabei steht sie mit ihrem hohen Pro-Kopf-Ausstoss von Treibhausgasen auch in der Verantwortung. Nach wie vor treiben Schweizer Firmen wie Glencore fossile Projekte im grossen Stil voran. Auch der Finanzplatz mischt ganz vorne mit: Banken sind noch immer in Kohle- und Ölprojekte in Afrika und Südamerika investiert. 

Ausserdem verfügt die Schweiz als eines der wohlhabendsten Länder mit einer der geringsten Verschuldungsrate der Welt über die finanziellen Voraussetzungen für eine starke Beteiligung am Fonds. Doch noch immer steht eine finanzielle Zusage aus. Das schwächt die Glaubwürdigkeit und die Verhandlungsposition der Schweiz an der Klimakonferenz COP31. 

Zurecht fordert die Schweiz an der COP31 die anderen Regierungen auf, ihre nationalen Klimapläne umzusetzen und die höchstmögliche Ambition für den Klimaschutz zu verfolgen. Gerade die Schweiz profitiert stark davon, wenn es der Welt gelingt, wenigstens noch ein Plus von zwei Grad einhalten zu können – um zusätzliche Hitzetote, schmelzende Gletscher und bröckelnde Berge, Sturzfluten und Murgänge sowie zerstörte Infrastruktur und verformte Bahnschienen zu verringern. Stellt die Schweiz hohe Erwartungen an die internationale Staatengemeinschaft inklusive Entwicklungsländer, muss sie konsequenterweise selbst ihren angemessenen Teil an der globalen Klimaverantwortung wahrnehmen und das Pariser Abkommen einhalten. Das ist aber derzeit nicht der Fall. 

 

Kernaussage

Die verheerende Sturzflut in Nepal verdeutlicht die zentrale Idee des internationalen Loss and Damage-Fonds: Länder, die kaum zum Klimawandel beitragen, sollen Unterstützung erhalten, wenn sie besonders stark unter dessen Folgen leiden. Nepal beantragt nach den schweren Überschwemmungen von 2026 eine Auszahlung aus dem Fonds und beruft sich auf Klimagerechtigkeit. Der Fall gilt als wichtiger Test dafür, ob die internationale Gemeinschaft bereit ist, Verantwortung für klimabedingte Schäden zu übernehmen und ausreichende finanzielle Mittel bereitzustellen. 

 

Häufige Fragen zum Loss and Damage-Fonds

Der Loss and Damage-Fonds ist ein internationaler UN-Klimafonds. Er wurde 2022 geschaffen, um Länder zu unterstützen, die besonders stark unter den Folgen des Klimawandels leiden und entstandene Schäden nicht allein bewältigen können. 

Nepal argumentiert, dass die Sturzflut von 2026 durch klimabedingte Veränderungen wie Gletscherschmelze, auftauenden Permafrost und instabile Berghänge mitverursacht wurde. Das Land selbst trägt nur sehr wenig zu den globalen Treibhausgasemissionen bei. 

Nepal beantragt 20 Millionen US-Dollar. Dies entspricht der maximal möglichen Summe pro Schadensereignis aus dem Fonds. Die Kosten für Wiederaufbau und Schadensbehebung werden auf 4 bis 5 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die beantragte Summe deckt also nur einen kleinen Teil der entstandenen Schäden.

Zu den wichtigsten Geldgebern gehören die Vereinigten Arabischen Emirate, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Spanien. Die zugesagten Mittel reichen jedoch bisher nicht aus, um alle eingereichten Anträge zu finanzieren.

Die Schweiz fordert international ambitionierten Klimaschutz, hat bisher jedoch keine finanzielle Zusage für den Loss-and-Damage-Fonds gemacht. Dies wird von zivilgesellschaftlichen Organisationen kritisch beurteilt.

Patrik Berlinger | © Maurice K. Gruenig
Verantwortlicher Politische Kommunikation
Fish market Madagascar | © Patrick Rohr

Ernährungssicherheit stärken und damit Stabilität und Frieden fördern

Drei konkrete Handlungsempfehlungen für die Schweiz
© KEYSTONE/DPA/Florian Gaertner

Deutsche Nord-Süd Kommission

Kann sie die internationale Zusammenarbeit stärken?