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Von der Bäuerin zur Reis-Expertin

Mwamini Musa erntet heute mehr als doppelt so viel Reis wie früher. Mit dem Geld kann sie in ihren Reisanbau investieren und ihren Kindern eine Ausbildung ermöglichen.
TEXT: Rebecca Vermot – FOTOS / VIDEOS: Simon B. Opladen – 23. März 2022
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Wenn dieser Sumpf nicht wäre. Ein bedenklich wackeliger, aus losen Brettern zusammengezimmerter Steg führt darüber. Jederzeit kann ein Brett einbrechen; Lücken gibt es schon viele. Wegen diesem Sumpf mit seinem Lottersteg können keine Maschinen zu den Reisfeldern von Mwamini Musa und den anderen Reisbäuerinnen der Kilimo Kwanza Village Group fahren. Maschinen, das wissen sie alle, würden den Ertrag ihrer Arbeit vervielfachen. Kilimo Kwanza, übrigens, bedeutet: «Landwirtschaft zuerst».

Mwamini Musa, 42, lebt mit ihren vier Kindern und ihrem Mann, der als Maurer und Schreiner viel unterwegs ist, in der Nähe von Kilosa im tropischen Osten Tansanias. Ihr eigener kleiner Reisschopf platzt aus allen Nähten. Auch vor ihrem bescheidenen Haus stapeln sich Reissäcke, jeder um die 100 Kilo schwer. Wenn alles geerntet ist, kommen sie ins grosse Lagerhaus. «Ich habe dieses Jahr 30 Säcke Reis geerntet statt nur 13», erzählt Mwamini sichtlich stolz. 15 Säcke braucht sie, um ihre Familie ein Jahr lang zu ernähren. Den Rest verkauft sie. «Das Geld ist für die Familie. Ganz selten kaufe ich mir etwas. Vor kurzem ein neues Kleid. Vorher hätte ich mir das nie leisten können. Da lag das nicht drin.»

 

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Reisanbau ist harte Arbeit, die Reisähren werden mit Sicheln von Hand geerntet. © Simon B. Opladen

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Gesang auf den Reisfeldern

Die Trockenzeit hat gerade angefangen, aber noch hängen die Wolken tief. Es ist angenehme 22 Grad warm in dieser Gegend, wo Affenbrotbäume, die beeindruckenden Baobab, ihre Äste recken und strecken und Sisalplantagen den Blick einfangen. Ein riesiges Netz von Fusspfaden verbindet Felder und Weiler. Wer eins hat, nimmt ein Velo, wer es sich leisten kann, nimmt auf dem Rücksitz eines Pikipiki, eines Motorrads, Platz und brettert über die Wege und vielleicht auch den wackeligen Steg, um zu den Reisfeldern zu gelangen. Die letzten Meter balancieren die Reisbäuerinnen über die niedrigen Wälle zwischen den Reisfeldern, springen über Bewässerungsrinnen und gehen über Stoppelfelder, wo schon geerntet wurde.

Mwamini hilft heute auf dem Feld ihrer Freundin Tunu Mohamed aus. Sie ist nicht die einzige; die Bäuerinnen ihrer Kooperative, die gleichzeitig Spar- und Kreditgruppe ist, unterstützen sich gegenseitig. Sie arbeiten jeweils zusammen als Gruppe auf einem der Felder, das ist effizienter. Singend und rhythmisch ihre kleine Sichel schwingend, ernten sie die Reisähren in Büscheln. Die meisten stehen barfuss im Schlamm, das Reisstroh sticht in die Fusssohlen. Zwischen dem Schlamm blitzen hier und da lackierte Nägel. 

Der Erntezeitpunkt ist wichtig; genau 90 Tage nach dem Einpflanzen der Setzlinge. Die Ähren dürfen nicht zu grün sein, weil der Reis dann wegen der Feuchtigkeit zu fermentieren droht. Sie dürfen nicht zu trocken sein, damit keine Reiskörner auf dem Feld abfallen. Auch der Transport muss miteingerechnet werden, der vier bis fünf Tage nach der Ernte stattfindet. Drei Tage dauert es, um Tunus Feld abzuernten. Sie bezahlt den Helferinnen dafür 100’000 tansanische Shilling, 43 Franken. Diese teilen das Geld unter sich auf. Dieses Jahr gibt es viel zu tun; es ist ein gutes Reisjahr.

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Weitverzweigte Fusspfade verbinden Weiler und Reisfelder. Sie sind auch Velowege. © Simon B. Opladen
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Reis dreschen: Gemeinsam sind die Frauen effizienter – und Spass macht es auch viel mehr. © Simon B. Opladen
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Weg mit alten Gewohnheiten

Von Mwamini hat Tunu gelernt, worauf sie beim Anbau ihres Reises achten muss. Erstens sollten die Setzlinge maximal acht Tage alt sein, wenn sie verpflanzt werden. Zweitens müssen sie auf Schädlinge geprüft werden und drittens in geraden Linien gesetzt werden. Mit selbst hergestelltem Dünger werden die Setzlinge nach 14 und nach 45 Tagen genährt und gestärkt. Dank dem Biodünger sei der Reis auch gesund, wirft Mwamini nebenbei ein. Sie wurde von ihrer Kooperative zur technischen Leiterin ernannt und hat in dieser Funktion einen Kurs besucht, in dem sie die verbesserten Anbautechniken gelernt hat. Und gemerkt hat, dass sie gewisse alte Zöpfe abschneiden muss. Zum Beispiel, dass es nicht zwei Säcke Reis braucht, um ein Feld zu bestellen. Drei Kilogramm reichen aus, wenn die Samen richtig gezogen werden. Oder dass die Ähren nicht auf dem nackten Boden geschlagen werden sollten beim Dreschen, sondern auf einer Blache, und dass sie mehrmals gedrescht werden können. Damit holen die Frauen noch ein paar zusätzliche Kilo Reiskörner mehr aus ihrem Feld. So wurde Mwamini von der einfachen Bäuerin zur Reisanbauexpertin.

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Mwamini vor der Reisernte. Im Gegensatz zu früher hat sich diese mehr als verdoppelt. © Simon B. Opladen

Die Mitglieder ihrer Kooperative sind Mwamini dankbar für die Tipps, die sie wiederum Helvetas verdankt. Das Projektteam hat mit den Bäuerinnen und Bauern aus der Gegend den Reisanbau verbessert und – vor allem – die Ernte- und Nachernteverluste verringert. Eine Evaluation hat ergeben, dass alleine mit diesen Massnahmen der Ernteertrag um 50 Prozent zugenommen hat. Das schlägt sich im Einkommen nieder, denn wo früher nur für den Eigengebrauch Reis angebaut wurde, denken heute die Reisbäuerinnen an den Verkauf des Überschusses.

Ganz Geschäftsfrau, erzählt Mwamini: «Wir haben auch gelernt zu verhandeln.» Früher habe jede Frau einzeln mit Zwischenhändlern einen Preis abmachen müssen, heute als Gruppe seien sie stärker. «Wir haben mehr Macht», sagt sie. Ausserdem transportiert sie den Reis nach dem Trocknen in ein vom Projekt initiiertes Lagerhaus, wo Feuchtigkeit und Lagerung streng kontrolliert werden. So kann sie qualitativ guten Reis verkaufen, wenn die Nachfrage gross ist, und somit einen besseren Preis erzielen.

Tansania im Kontext

Tansania lag 2019 im Human Development Index auf Platz 163 von 189 Ländern und gehört damit zu einem der ärmsten Länder der Welt. Zwar werden fast alle Kinder eingeschult, die durchschnittliche Schulzeit beträgt aber lediglich sechs Jahre. Die Weltbank schätzt, dass in Tansania jährlich 850’000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt gelangen. Ihnen stehen 40’000 formelle Arbeitsstellen offen. Die Landwirtschaft macht ein Viertel des Bruttoinlandprodukts aus und beschäftigt zwei Drittel der Erwerbstätigen, meist informell, und die Produktivität ist niedrig. Reis ist nach Mais das zweitwichtigste Nahrungsmittel – sowohl für die tägliche Kalorienzufuhr als auch für die Schaffung von Einkommen – vor allem angesichts der steigenden nationalen und internationalen Nachfrage. Das Potenzial des Reissektors ist noch lange nicht ausgeschöpft, es braucht jedoch eine höhere Produktivität, weniger Nachernteverluste, bessere Lager und Verarbeitung, Zugang zu Krediten, Bankdienstleistungen und Märkten. Helvetas fokussiert in Tansania auf die landwirtschaftliche Entwicklung, die Ausbildung Jugendlicher und eine bessere Grundschulbildung.

Die Vorteile des Vorkochens

Noch mehr Geld bringt es, Parboiled Reis herzustellen und zu verkaufen, also vorgekochten Reis. Auch dies eine Neuerung, die Helvetas den Bauernfamilien vorgeschlagen hat. Parboiled Reis ist in Tansania ein Nischenprodukt; der Markt dafür ist klein, aber im Wachstum – wie die Mittelschicht, die den höheren Preis bezahlen kann. Sie zu erreichen ist allerdings noch schwierig wegen der weiten Transportwege zwischen Dorf und Städten. Auch der Dämpfprozess ist noch mühselig und zeitintensiv. Aber vorgekochter Reis ist gesünder als weisser Reis, denn im Parboiling-Prozess wandern viele wichtige Vitamine und Mineralstoffe vom Silberhäutchen ins Innere des Reiskorns. Mühselig ist der Vorgang, weil er drei Tage dauert und die holzsparenden Spezialöfen noch zu klein sind, um einen vollen Sack Reis aufs Mal zu verarbeiten. Das Ganze steckt noch in den Kinderschuhen, entwickelt sich aber stetig, denn klar ist: Wenn die Frauen den Aufwand nicht scheuen, liegt mehr Einkommen drin. Und zwar eigenes, das wissen sie.

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Mwamini und ihre Kolleginnen lagern ihren Reis in einer neuen Lagerhalle (nächstes Bild), wo er vor Ungeziefer, Feuchtigkeit und Diebstahl sicher ist. © Simon B. Opladen
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In der neuen Lagerhalle werden Feuchtigkeit und Lagerung streng kontrolliert. So kann qualitativ guter Reis verkauft werden. © Simon B. Opladen
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Ein Umdenken bei den Männern

Mwamini hat nicht viel Zeit. Sie fachsimpelt mit den anderen Frauen am Ofen, prüft die Temperatur des Wassers, wechselt ein Wort mit Frauen, die am nahen Pumpbrunnen Wasser holen. Mwamini bedeutet «Ich glaube an sie». Mit dem Projekt, mit ihrer Wahl zur technischen Leiterin und Reis-Expertin, mit den messbaren Ernteerfolgen, ist auch ihr Glaube an sich selbst gewachsen. Das war früher anders. Damals, als die Bäuerinnen noch mit massiven Nachernteverlusten leben mussten, und mit der Angst, ihre Familie nicht durchbringen zu können. «Früher hatten wir noch nicht einmal genügend Reis für uns selber. Wir konnten keinen verkaufen. Was wir hatten, reichte nicht für die Schule der Kinder. Und uns fehlte Geld, wenn wir krank wurden.» Heute schickt Mwamini ihren 19-jährigen Sohn in ein Berufsbildungszentrum, wo er eine Lehre als Schreiner und Zimmermann absolviert.

Ihr 15-Jähriger hingegen bereitet ihr etwas Sorgen. Er hat die Abschlussprüfungen nach der 7. Klasse nicht bestanden und kann nicht in die Sekundarschule übertreten. Der 10-Jährige hingegen fühlt sich in der Schule wohl. Und die kleine Mwavita lauscht derweil fasziniert dem Knacken der rohen Reiskörner in ihrem Mund. «Ein Geräusch, das alle mögen», sagt Mwamini und lacht.

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«In nur zwei Jahren hat bei den Männern ein Umdenken stattgefunden, manche haben sogar kochen gelernt.»

Mwamini Musa, Reisbäuerin

Wenn die engagierte Frau sich etwas wünschen dürfte, würde sie sich zuallererst ein besseres Haus bauen, eines, das nicht aus Lehm ist. Zweitens würde sie mehr Land kaufen, um noch mehr Reis anzupflanzen. Drittens einen eigenen diebstahl- und ungeziefersicheren Lagerraum bauen. Und dann ist da noch etwas, das ihr am Herzen liegt. Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern: «Früher mussten wir Frauen alles selbst erledigen. Den Haushalt, die Feldarbeit, Holz holen … Im Projekt haben wir gelernt, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Die Männer helfen jetzt viel mehr; wir teilen uns die täglichen Aufgaben auf, ernten zusammen. In nur zwei Jahren hat bei den Männern ein Umdenken stattgefunden, manche haben sogar kochen gelernt. Auch mein Mann hat gut zugehört und akzeptiert, dass wir gleichberechtigt sind.» Am liebsten hätte sie, wenn alle Frauen und Männer in ihrem Dorf, nicht nur die, die in der Kooperative sind, das hören und lernen könnten. «Das würde allen guttun.»

Bleiben noch der Sumpf und sein Lottersteg, der, würde er ausgebessert, noch reichere Ernten erlauben würde. Denn dann könnten die Frauen von einer weiteren Initiative profitieren: Bauern und Bäuerinnen, die Maschinen besitzen, haben sich im Lauf des Projekts spontan zusammengeschlossen und bieten heute in der Region ihre Dienste an. Aber das ist eine andere Erfolgsgeschichte.

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