Kampagne 2021 Mosambik | © Ricardo Franco

Wo Wasser krank macht

Madina Muhuthage lebt in einem kleinen Dorf in Mosambik. Ihr Leben ist geprägt von nicht vorhandenen Chancen, aber auch von Zuversicht. Sie selber erzählt aus ihrem Leben.
TEXT: Cristiana Pereira – FOTOS / VIDEOS: Ricardo Franco – 15. November 2021
© Ricardo Franco

«Wenn ich mich abends schlafen lege, ist mein letzter Gedanke jeweils: Was werde ich meinen Kindern morgen zu essen geben? Ich lebe in Hurucune, einem kleinen Dorf im Distrikt Memba in Mosambik. Ich bin hier geboren wie schon meine Mutter, meine Grossmutter und meine Urgrossmutter. Wir alle wurden hier geboren. Wenn ich morgen aufwache, wird mein Tag genau so sein, wie er früher für sie war: Ich werde um vier Uhr aufstehen, mein <Capulana>, das traditionelle Tuch, um meine Hüfte und ein anderes Tuch um meinen Kopf wickeln. Ich werde zu meinen Eltern hinüber gehen und die täglichen Hausarbeiten in Angriff nehmen. Meine beiden Söhne kommen mit mir. Rafael ist vier Jahre alt, ein aufgestellter Bub. Er lernt gerade pfeifen und bringt alle zum Lachen. Egimilsone ist noch ein Baby, er ist gerade eins geworden.

Für faire Chancen

Zufällig wurde Madina Muhuthage an einem Ort geboren, wo sie keine Chance auf sauberes Wasser und ein gesundes Leben hatte. Ihre Spende ermöglicht faire Chancen für Menschen wie Madina.
JA, ICH SPENDE!

Bei meinen Eltern werde ich die Buben baden und anziehen und ihnen <Papinha>, einen Brei aus Mais oder Maniok, geben. Dann werde ich den Hof wischen und das Geschirr von gestern Abend abwaschen. Ich habe keinen Mann, deshalb lebe ich direkt neben meinen Eltern in einem kleinen Anbau. Ich wünschte ich hätte ein grosses Zuhause wie sie. Es ist wunderschön! Es ist mit Schilf umzäunt, hat einen schattigen Innenhof und in der Ecke steht eine Latrine. Wir wissen, wie wichtig <Oratta>, also Hygiene, für unsere Gesundheit ist. Aber viele Menschen in unserem Dorf haben keine Toilette, sie gehen einfach irgendwo nach draussen.

© Ricardo Franco
Frühstück für den kleinen Rafael. In der Trockenzeit ist der Speiseplan karg. © Ricardo Franco

Nach den morgendlichen Arbeiten nehme ich einen 20-Liter-Eimer und gehe zum Wasserloch, um Wasser zu holen. Das Wasser dort ist nicht gut. Es ist dreckig und macht Durchfall. Die Quelle ist ziemlich weit weg, und es ist anstrengend, die Eimer zu tragen. Aber früher war es noch schlimmer. Meine Mutter und meine Grossmutter mussten das Wasser von viel weiter weg holen. Es gab damals noch keine Plastikeimer, nur Tontöpfe oder 10-Liter-Büchsen. Leoparden, Hyänen und Schlangen machten den Weg sehr gefährlich, manchmal griffen sie die Menschen an. Eines Tages, das war, bevor ich geboren wurde, kam ein Medizinmann namens Namurumia und sagte, es gebe Wasser in Linhane nahe von Hurucune. Die Leute haben gegraben und Wasser gefunden. Dort gehen wir heute hin, um unser Wasser zu holen. 

© Ricardo Franco
Lange Warteschlange am Wasserloch bei Hurucune. Noch sind solche Wasserstellen die einzige Quelle fürs Dorf von Madina. © Ricardo Franco

Jetzt ist es an mir, meine Mutter zu unterstützen, so wie sie früher ihre Mutter unterstützt hat. Manchmal kommen meine Schwestern mit und wir alle tragen die Wassereimer heim. Es ist wirklich anstrengend, auch wenn wir es gewöhnt sind. Die Quelle ist ein grosses Loch im Boden und wir müssen uns hinkauern, um das Wasser zu schöpfen. Dafür benutzen wir einen Plastikbehälter, der an einem Stab festgebunden ist. Normalerweise bringen wir zehn Eimer Wasser nach Hause fürs Trinken, fürs Kochen. Um uns und unsere Kleider und das Geschirr zu waschen.

© Ricardo Franco
«Von all meinen Aufgaben ist Wasser holen die anstrengendste.»

Madina Muhuthage, Hurucune, Mosambik

Für unsere Felder nehmen wir Wasser von einer kleinen Quelle in der Nähe unserer <Horta>, unserem Garten. Dort bauen wir Maniok an, Mais, Erdnüsse, Tomaten und auch Auberginen. Während der Regenzeit ernten wir gut, aber in der Trockenzeit wächst kaum etwas. Den Maniok trocknen wir auf dem Wellblechdach und dann stampfen wir ihn im <Pilão>, dem grossen Mörser, zu Mehl. Das nennen wir <Caracata> und wir essen es jeden Tag.

Nach dem Wasser holen, mache ich ein Feuer und bereite den Teig für das Brot zu, das wir auf dem Markt verkaufen. Es ist ein ganz kleiner Markt in unserer Nähe. Dort kann man Plastikteller kaufen, Hühnerbouillon und ein bisschen Gemüse. Wir verkaufen kleine Brötchen für 5 Metical (CHF 0.07), und grössere Brötchen für das Doppelte. Wir verkaufen auch <Badjia>, Beignets. Mit dem Geld, das wir verdienen, kaufen wir Seife, Maismehl und Kleider für die Kinder. Meine Mutter sagt, es reiche kaum zum Überleben. Hätte sie mehr Geld, würde sie die Hälfte mit anderen Familien aus unserem Dorf teilen, damit es uns allen besser geht.

Das Brotbacken hat meine Mutter in Nacala-Porto gelernt. Nacala-Porto ist eine grosse Stadt in unserer Provinz. Mein Bruder Agi geht dort zur Schule. Er ist in der 10. Klasse. Wenn immer ich etwas Geld habe, schicke ich es ihm, damit er lernen kann. Die Leute dort haben Mobiltelefone und Fernseher. In unserer Familie hat nur mein Vater ein Handy. Er ist Fischer im Fluss da unten. Als meine Mutter zurückkam aus der Stadt, baute sie hier einen Holzofen aus Lehm und zeigte uns, wie das Brot backen geht. Ich liebe den Duft von Brot im Ofen. Wenn es gebacken ist, bereite ich das Mittagessen zu. Und dann kommt der schönste Teil des Tages – der Nachmittag. Dann habe ich Zeit, mich hinzusetzen und auszuruhen. Ich kann mit meinen Schwestern, meiner Mutter und den Tanten plaudern.

Bald schon werde ich meine Buben nochmals waschen und das Abendessen zubereiten. Dann gehe ich einmal mehr ins Bett, schliesse meine Augen und mache mir Gedanken darüber, was ich meinen Kindern morgen zu essen gebe.

© Ricardo Franco
Madina bei der Zubereitung der Brötchen, die sie auf dem Markt verkauft. © Ricardo Franco
1/3
© Ricardo Franco
Mit dem Verkauf der Brötchen verdient Madina auf dem Markt etwas Geld. Den Lehmofen hat ihre Mutter gebaut. © Ricardo Franco
2/3
© Ricardo Franco
Sauberes Trinkwasser, darauf freuen sich Madina und Rafael sehr. © Ricardo Franco
3/3

Als der Wirbelsturm kam

Als vor zwei Jahren der Wirbelsturm Kenneth kam, trat der Fluss über die Ufer und überschwemmte alles. Das Wasser stieg schnell. Als wir aufwachten stand es uns bis zu den Knöcheln. Die Quellen wurden alle zerstört. Drei Tage lange hatten wir kein Wasser, weder zum Trinken noch zum Kochen. Wir haben Glück, leben wir auf einem Plateau. Meine <Mpathani> Elsa, meine Freundin, und die anderen Leute unten am Fluss hatten kein Glück. Alles haben sie verloren. Kein einziges Haus hielt dem Hochwasser stand. Elsa zog hierher mit ihren drei Kindern. Viele Familien kamen in unser Dorf, jeden Tag werden neue Häuser gebaut.

Darum erhalten wir ein <Sistema>, eine neue Wasserversorgung (siehe Mosambik im Kontext weiter unten). Manchmal gehe ich mit Rafael zum grossen Turm mit der Pumpe und zeige ihm, woher das Wasser für die Brunnen kommen wird. Einer wird ganz nahe bei unserem Haus sein. Vielleicht erhalten wir sogar einen Wasserhahn. Wir freuen uns darauf, denn es wird unser Leben verändern. Sehr sogar, denn von all meinen täglichen Aufgaben ist das Wasser holen die anstrengendste für mich. Die Eimer sind schwer und es braucht so viel Zeit. Ich hoffe, meine Kinder leiden einmal nicht so wie ich. Mit gutem Wasser in der Nähe werden sie weniger krank werden. Sie werden Zeit haben für die Schule und weniger oft zur Krankenstation gehen müssen.

«Mit gutem Wasser in der Nähe werden meine Kinder weniger krank sein.»

Wer weiss, vielleicht bekommen wir sogar Strom. Vielleicht sogar eine Schule und eine eigene Krankenstation. Kannst du dir das vorstellen? Und ich wünsche mir eine Brücke über den Fluss, die uns mit Memba verbindet. Jedes Mal, wenn wir ins Spital müssen, müssen wir zum Mecuburi Fluss hinuntergehen und ihn überqueren. In der Trockenzeit ist das nicht schwierig. Aber in der Regenzeit, wenn der Fluss anschwillt, müssen wir das Boot nehmen. Meine beiden Buben kamen in der Regenzeit zur Welt. Rafael um die Mittagszeit. Ich erinnere mich genau. Ich hatte solche Angst, denn er war mein erstes Kind. Ich zitterte die ganze Zeit, bis ich endlich im Spital war. Es dauerte etwa eine Stunde. Zuerst mussten wir zu Fuss zum Fluss, dann ins Boot und wieder zu Fuss zum Spital. Mit Egimilsone war es anders, ich war entspannter. Er hatte es aber so eilig, dass wir es nicht rechtzeitig ins Spital schafften. Er kam auf dem Boot zur Welt, kurz bevor die Sonne aufging. Zum Glück waren meine Mutter und eine Hebamme bei mir.

Für faire Chancen

Zufällig wurde Madina Muhuthage an einem Ort geboren, wo sie keine Chance auf sauberes Wasser und ein gesundes Leben hatte. Ihre Spende ermöglicht faire Chancen für Menschen wie Madina.
JA, ICH SPENDE!

Wenn ich in Europa geboren wäre

Habe ich dir schon gesagt, dass ich 21 Jahre alt bin? Mich nimmt Wunder, wie Frauen in meinem Alter in Europa leben. Ich stelle mir vor, dass sie zur Schule gehen und eine Arbeit haben, damit sie für ihre Kinder sorgen können. Vielleicht sind sie Lehrerinnen oder Krankenpflegerinnen und leben in Häusern mit richtigen Mauern. Wenn sie nicht angestellt sind, dann haben sie vielleicht ein kleines Geschäft. Vielleicht backen sie Brot wie ich. Wenn sie frei haben, gehen sie in den Park und spielen mit ihren Kindern. Sie haben sicher fliessendes Wasser in ihren Häusern. Sie tragen schöne Kleider und ihr Essen ist gesund, zum Beispiel Spaghetti, Früchte, Reis, Karotten und köstliche Sachen wie Milch. Ob sie auch <Caracata> essen wie ich? Wäre ich in Europa geboren, ich wäre sicher zur Schule gegangen. Ich hätte Portugiesisch gelernt, damit ich mit den <Mucunhas>, den Fremden, die mein Dorf besuchen, reden könnte. Ich spreche nur Makwa, die Sprache der Provinz Nampula. Ich bin schon auch zur Schule gegangen, aber ich musste in der vierten Klasse aufhören, weil meine Eltern das Schulmaterial und die Uniform nicht bezahlen konnten. Ich kann nur meinen Namen schreiben. Die Schule war weit weg. Aber ich ging gerne hin.

Ich träumte davon, Krankenschwester oder Hebamme zu werden, oder auch Polizistin. Diese Träume sind nicht gestorben. Sie leben noch immer in mir drin. Sollte ich jemals eine Tochter haben, werde ich alles dafür tun, damit sie zur Schule geht. Sie soll ihre Träume verwirklichen können. Sie wird eine Arbeit haben und mir helfen, für mich zu sorgen. Und das werden meine Buben auch.

Ich heisse Madina und das ist meine Geschichte. Erzählst du mir deine?»

Mosambik im Kontext: Arm an Wasser trotz Wasserreichtum

Erfahren Sie hier mehr.

Wie wir Menschen in Mosambik unterstützen

Wasser ist rar in Mosambik. Helvetas fördert deshalb den Bau von Brunnen und Latrinen und unterstützt Kleinbauernfamilien bei der Produktion.