Bereit zum Durchstarten

Gipserin Yeshimebet Gashaw und Schneiderin Sahilemariam Shebabaw aus Äthiopien packen ihre Chance.
TEXT: Susanne Strässle – FOTOS / VIDEOS: Simon B. Opladen – 21. November 2019

Yeshimebet Gashaws Eltern waren entsetzt, als ihre Tochter mit der Idee nach Hause kam, Gipserin zu werden: Welches Mädchen geht denn auf den Bau? Viel zu anstrengend! Sie waren strikt dagegen. Aber Yeshimebet wusste aus dem Fernsehen, dass sie als Gipserin nicht primär Kraft, sondern Kreativität brauchen würde. «Man kann wunderbare Sachen mit Gips machen. Es geht ums Gestalten und Dekorieren. Dafür habe ich ein Flair.»

Während sie erzählt, lärmt draussen im Hof eine Metallfräse. An der Tafel im Schulungsraum der Lehrwerkstatt sind noch Kreidespuren von Konstruktionsskizzen zu sehen. Yeshimebet steckt in einem braunen Overall. Ihre Hände sind rundum weiss bis zu den Handgelenken. Gips. Für sie tatsächlich der Stoff, aus dem ihre Träume sind. Sie taucht ihre Hände gern in diese wandelbare Materie. Jetzt lacht sie. «Ich bin die einzige Frau im Kurs. Aber alle Kollegen akzeptieren mich.» Gleich wird sie hinauseilen, denn auf keinen Fall möchte sie draussen, wo lange Werkbänke unter einem Blechdach stehen, die Praxislektion verpassen.

© Helvetas / Simon B. Opladen
«Diese Ausbildung eröffnet mir Möglichkeiten, die ich mir nicht hätte träumen lassen.»

Yeshimebet Gashaw, 23, in Ausbildung zur Gipserin

Familie in Not

So bleibt uns Zeit, Yeshimebets Geschichte zu verdauen. Denn so glücklich wie jetzt war Yeshimebet eigentlich nie in ihrem bisherigen Leben. Sie hat uns geschildert, wie sie zwei Jahre in einer privaten Klinik geputzt hatte, nachdem sie, wie viele in Äthiopien, beim Schulabschlussexamen gescheitert war. «Bei der Arbeit wurde ich von allen gedemütigt, wir Putzhilfen wurden tagtäglich erniedrigt und beschimpft.» sagte sie bitter. «Der Chef behandelte uns wie Dreck, man nutzte uns aus, und wir verdienten kaum etwas.»

Hatte man eben noch geglaubt, eine unbeschwerte junge Frau vor sich zu haben, wurde die 23-Jährige beim Erzählen immer ernster. Obwohl sie litt, harrte sie in ihrem Job aus. Weil sie wusste, wie glücklich ihre Eltern waren, wenn sie den kleinen Lohn nach Hause brachte – und wie stolz, wenn sie sagen konnten: «Yeshimebet ist nicht da, sie ist bei der Arbeit.» Doch schliesslich waren es Vater und Mutter, die sie drängten, die Stelle aufzugeben. Sie war immer magerer, immer kränker geworden; die Gesundheit der Tochter ging vor. Auch wenn das bedeutete, dass der Vater wieder allein die Familie durchbringen musste.

Der Vater, der mit einem Pferdekarren am Strassenrand darauf wartet, Baumaterial zu transportieren. Nicht selten wartet er vergeblich. «Dann gehen wir hungrig zu Bett und stehen hungrig wieder auf. Wenn der Vater nichts verdient, kommt er manchmal nicht heim, weil er es nicht erträgt, uns Kinder leiden zu sehen», hat Yeshimebet erzählt. Und mit Nachdruck angefügt: «Er würde sein Leben für uns geben.»

Ein Stoff mit Zukunft: Innendekorationen in Gips sind gefragt in Bahir Dar.

Alle Hoffnung auf der Jugend

Das ist Yeshimebets Geschichte, doch gleichzeitig ist es die Geschichte vieler junger Menschen in der äthiopischen Stadt Bahir Dar. Das sagt sie auch selbst. Jugendarbeitslosigkeit ist eines der drängendsten Probleme, denn täglich zieht die Armut mehr Junge vom Land in die Stadt. Ihnen fehlt es an Qualifikationen, um Arbeit zu finden. Und doch lastet auf den jungen Schultern oft die Hoffnung ganzer Familien.

Im Hof der Lehrwerkstatt werden verschiedene Bauberufe unterrichtet, während die Alutechniker mit ihren Maschinen gehörig Lärm machen, ist Gipsen ein stilles Geschäft. Die Gruppe lernt heute von ihrem Ausbildner Melkamu Lakew, wie man aus gerillten Gipsplatten einen Säulenschaft formt. Mit Holzschablonen kreieren die Lernenden kunstvolle Säulenfüsse im griechischen Stil, wie sie bei noblen Geschäften und Hotels und den Häusern wohlhabender Familien in Bahir Dar beliebt sind.

Yeshimebet ist die einzige Frau im Gipserkurs. Sie ist überzeugt, dass ihr gestalterisches Flair sie weit bringen kann.
1/2
2/2

Yeshimebet ist eine der Lernenden in einem Berufsbildungsprojekt von Helvetas, das einem innovativen Ansatz folgt. Angeboten wird eine Vielzahl von Ausbildungen in auf dem Arbeitsmarkt gefragten Berufen – kompakte, praxisorientierte Berufskurse für benachteiligte Jugendliche.

Helvetas arbeitet mit lokalen privaten und öffentlichen Lehrinstituten zusammen. Speziell ist, dass diese die volle Entschädigung für die Ausbildung erst erhalten, wenn die Absolventinnen und Absolventen tatsächlich erfolgreich den Einstieg ins Berufsleben geschafft haben, sei es mit einer Anstellung oder als Selbständige. Das bedeutet, dass die Lehrstätten die Lernenden aktiv auf diesem Weg unterstützen.

Ja, ich spende Glück!

Mit meiner Unterstützung ermögliche ich einem jungen Menschen eine Ausbildung und damit den Start in ein besseres Leben.
Jeder Betrag hilft

Vielen Dank, dass Sie mit Ihrer Spende jungen Menschen wie Sahilemariam und Yeshimebet eine Chance geben!

Yeshimebet lebt mit ihrer Familie in prekären Verhältnissen. Die Mutter hofft, dass ihre Älteste bald ein sicheres Einkommen hat.
1/3
2/3
3/3

Helvetas stärkt die Berufsbildung in afrikanischen Ländern, weil es akut an Ausbildungsplätzen und Jobs für junge Menschen mangelt. In Äthiopien haben in den letzten vier Jahren dank Helvetas rund 3'000 Jugendliche eine Ausbildung absolviert. Über drei Viertel von ihnen fanden einen Job oder machten sich erfolgreich selbständig. Doch die Initiative reicht weit darüber hinaus: Die Regionalbehörden von Amhara waren so angetan von den Kompaktlehren, dass nun 150 staatliche und private Berufsschulen die mit Helvetas entwickelten Lehrpläne anwenden. So wurden bereits über 240’000 weitere junge Menschen ausgebildet.

Ob angehende Köche, Coiffeusen, Schneider, Plattenleger oder Automechanikerinnen – sie alle lernen auch, wie sie ein Geschäft gründen und einen Businessplan erstellen können. Sie werden in Kommunikation und Marketing unterrichtet. Und am Anfang des Lehrgangs erfahren sie, wie man überzeugend auftritt und sein Selbstvertrauen stärkt. Diese sozialen Kompetenzen gehören mit zum Wichtigsten, beteuern Ausbildende und Lernende gleichermassen.

Yeshimebets Selbstvertrauen ist bereits gewachsen. Früher, sagt sie, hätte sie kaum noch Bekannte getroffen. Weil jede achtlose Bemerkung bessergestellter Jugendlicher sie verletzt habe. Einen Beruf erlernen bedeutet für sie nicht nur Einkommen, sondern auch Anschluss und Akzeptanz. Und die Eltern? Yeshimebet lächelt. «Sie wissen, wie schlecht es mir vorher ging – und sehen, wie glücklich ich jedes Mal bin, wenn ich aus dem Trainingscenter komme. Das überzeugt mehr als alle Argumente.»

Yeshimebets Zuhause liegt in der Nähe der Werkstatt. Sie lebt mit den Eltern und den drei jüngeren Geschwistern in einem langen, einfachen Lehmhaus mit mehreren Türen – hinter jeder wohnt eine ganze Familie in einem dunklen, winzigen Raum. Gekocht und gewaschen wird im Hof. Nachdem Yeshimebet ihrer Mutter bei der Wäsche geholfen und T-Shirts und Hosen an die Leine gehängt hat, gesteht sie mit entwaffnender Offenheit, dass sie sich früher oft gewünscht habe, sie wäre nicht in dieses Elend hineingeboren worden.

Für sie ist klar, dass sie so arm sind, weil ihre Eltern nie etwas lernen durften. Natürlich stand zur Diskussion, ob nicht auch sie am besten heiraten sollte, als nach der Schule Endstation war. Doch das kam für sie nicht in Frage: «Ich sehe, wie abhängig meine Mutter ist. Ich will einem Mann auf Augenhöhe begegnen können, weil ich die Familie miternähren kann. Ich will auf keinen Fall, dass meine Kinder einmal dieselbe Not erleben wie wir.»

Auf ihr als Ältester ruhen grosse Hoffnungen. Die Eltern zählen darauf, dass sie die Armut der Familie überwinden helfen wird. Manchmal hadere sie mit dieser grossen Verantwortung, sagt sie. «Ich bin doch bloss ein junger Mensch! Aber dann wieder spornt es mich an.» Nun sieht sie erstmals einen konkreten Weg, den sie gehen kann: «Diese Ausbildung eröffnet mir Möglichkeiten, die ich mir nicht hätte träumen lassen.»

Alter: 20, Beruf: Geschäftsführerin

Sahilemariam schloss die Helvetas-Ausbildung zur Schneiderin vor gut zwei Jahren ab, damals war sie 18, heute ist sie 20 und führt zusammen mit Fitfite Mulualem, 24, einer Freundin, die mit ihr im Kurs war, einen wachsenden lokalen Schneiderbetrieb. So erfolgreich, dass sogar das lokale Fernsehen über sie berichtete. Wer in ihren Produktionsräumen jedoch TV-Glamour oder Jungunternehmerinnen-Ruhm sucht, wird enttäuscht. Man würde denken, dies sei ein Rohbau, lägen nicht Stoffreste im Hof und wäre da nicht ein Banner, auf dem in grossen Lettern steht «Sahilemariam & Fitfite Men and Women Modern Tailoring Shop». Die Stadt Bahir Dar stellt Absolventinnen und Absolventen der Helvetas-Kurse hier Räume für den Start in die Selbständigkeit zur Verfügung.

Drinnen dienen weisse Plastikplanen als Wände. Dahinter plärrt ein Radio laut äthiopische Songs – dort ist eine andere Jungfirma am Werk. Das Herz des Betriebs sind 16 in Reihen aufgestellte Nähmaschinen. Einziger Schmuck sind ein paar Schaufensterpuppen, nicht mehr die jüngsten, aber sie blicken immer noch stolz und lässig aus ihren geschminkten Augen. Sie tragen die aktuellen Modelle, die die Mitarbeitenden für einen Grosshändler nähen. Im Moment scheinen Pullis in Tarnfarben gefragt zu sein. Aber es sind auch kunstvoll besticke traditionelle Gewänder ausgestellt.

© Helvetas / Simon B. Opladen
«Was wäre mein ganzes Wissen wert, wenn ich es nicht weitergeben könnte.»

Sahilemariam Shebabaw, 20, Schneiderin und Geschäftsführerin

Was ist dein Traum für die Zukunft, Sahilemariam? «Ich habe keinen Traum. Ich habe einen Plan: Bis in drei Jahren wollen wir die Kredite für die Nähmaschinen abbezahlt haben und einen eigenen kleinen Laden auf dem Markt eröffnen.» Sie hat erkannt, dass die einzeln angefertigten weiten weissen äthiopischen Gewänder mit ihren Stickereien viel mehr einbringen als Aufträge von Grosshändlern. Traditionelles boomt, selbst bei den Jungen. Deshalb haben die beiden Frauen jetzt auch schlichte Webstühle zimmern lassen und Stickerinnen unter Vertrag genommen. Sahilemariam selbst bildet sich in Textildesign weiter.

Vom Glück, sein Wissen weiterzugeben

So viel sie auch schon erreicht haben, ihr Betrieb soll weiterwachsen, sind sich Sahilemariam und Fitfite einig. Nicht nur für sie selber, sondern um viele Frauen anstellen zu können.

© Helvetas / Simon B. Opladen
Neben Näharbeiten, Buchhaltung und Kundenakquise gehört auch die Wartung der Maschinen zu den Aufgaben, die Sahile- mariam selber in die Hand nimmt. © Helvetas / Simon B. Opladen
1/3
© Helvetas / Simon B. Opladen
Sahilemariam (r.) und Fitfite haben als Geschäftsparnerinnen die Rollen so verteilt, dass ihre Stärken zum Zug kommen. © Helvetas / Simon B. Opladen
2/3
© Helvetas / Simon B. Opladen
Sahilemariam mit dem Plakatsujet von Helvetas, das sie als 18-Jährige mit ihrer Mutter und Grossmutter zeigt. © Helvetas / Simon B. Opladen
3/3

«Viele Junge gehen ins Ausland, weil sie nicht mehr daran glauben, dass man im eigenen Land etwas aufbauen kann», sagt sie. Das mache sie traurig. Sie ist überzeugt: «Niemand würde in der Fremde leben wie ein Sklave, wenn er hier eine Chance hätte.» Chancen, wie sie eine bekam, und wie sie sie nun anderen eröffnet. Denn ihr Betrieb ist nicht nur eine Produktionsstätte, sondern bereits auch ein Lehrbetrieb. Sahilemariam und Fitfite haben sich qualifiziert, selber Lernende im Helvetas- Programm auszubilden, schon über 40 von ihnen haben sie geschult; auch staatliche Berufsschulen schicken Klassen für Praktika zu ihnen. «Was wäre mein ganzes Wissen wert, wenn ich es nicht weitergeben könnte», sagt Sahilemariam.

Vor ihrer Ausbildung hatten die beiden Frauen noch nie an einer Nähmaschine gesessen. Nach dem Abschluss traten sie erstmal eine Stelle an. Aber sie begannen bald zu rechnen und erkannten: Da liegt mehr drin. Sie gründeten ihre Firma und mieteten eine erste Maschine. Der unternehmerische Mut sollte sich bald auszahlen.

Sahilemariam ist froh, muss sie ihrer verwitweten Mutter finanziell nicht mehr zur Last fallen. Die Mutter hatte mit 13 ihr erstes Kind geboren und mit 25 schon alle ihre sechs Kinder zur Welt gebracht. Nach dem frühen Tod ihres Mannes musste sie die Kinder allein durchbringen.

Auf den TV-Beitrag angesprochen, winkt Sahilemariam ab. Es gebe heute auch andere erfolgreiche Frauen in Äthiopiens Geschäftswelt. «Aber», fügt sie sachlich hinzu, «niemand sonst war so jung und hat ganz bei Null angefangen wie wir.» Bisweilen hielten Kunden sie für eine Angestellte, weil sie sich nicht vorstellen könnten, dass dies ihre Firma sei. Das amüsiert sie, die in sich die typisch amharische Bescheidenheit und jugendliche Scheu mit dem unaufgeregten Selbstbewusstsein einer aufstrebenden Geschäftsfrau vereint.

«Sahilemariam Shebabaw, Manager», steht auf einem Dokument an der Wand im Produktionsraum. Doch die Jung-Managerin winkt erneut ab, das sei Formsache. Wenn es viel Arbeit gebe, dann sitze sie wie alle anderen lange Stunden an der Nähmaschine. Im Moment läuft wenig wegen der vorösterlichen Fastenzeit. Dennoch kann die junge Firma bereits fünf Festangestellte knapp über die Runden bringen. Die anderen arbeiten saisonal zu fairen Bedingungen hier.

Blicken die Näherinnen und Näher des «Sahilemariam & Fitfite Men and Women Modern Tailoring Shop» von ihren Maschinen auf, lesen sie in grossen Lettern an der Wand: «Eines Tages wirst du es schaffen!» Ein Schild, ein Spruch nur. Aber sie wissen, es ist mehr als das. Ihre junge Chefin lebt es ihnen Tag für Tag vor.

Ja, ich spende Glück!

Mit meiner Unterstützung ermögliche ich einem jungen Menschen eine Ausbildung und damit den Start in ein besseres Leben.
Jeder Betrag hilft

Vielen Dank, dass Sie mit Ihrer Spende jungen Menschen wie Sahilemariam und Yeshimebet eine Chance geben.

 

Wie wir Menschen in Äthiopien unterstützen

Helvetas unterstützt in Äthiopien die Bauernfamilien dabei, mit dem Klimawandel umzugehen. Zudem engagiert sie sich in der Bildung.

Multimedia-Reportage: Yezina trotzt allen Widerständen

Die Äthiopierin Yezina lässt sich nicht von ihrer Behinderung abhalten. Sie will eine erfolgreiche Schneiderin werden, die ihr Leben selbst bestimmt.