Der Weg vom Dorf Birbir bis zum Fluss Diba dauert zwei Stunden und führt auf Trampelpfaden über hohe Berge und durch Täler. Zweimal täglich mussten die 31-jährige Emebet Mekonnen und andere Frauen aus dem Dorf früher diesen Weg bewältigen, um Wasser zu holen.
Acht Stunden – ein Arbeitstag zum eigentlichen Arbeitstag hinzu – waren die Frauen ausschliesslich mit Wasserholen beschäftigt.
Angst in der Nacht
Aufgebrochen seien sie jeweils nachts, erzählt Emebet. Jede Frau im Dorf, gleich nach dem Aufwachen, wenn es noch dunkel und kalt gewesen sei. Auf dem Weg hätten sie Giftschlangen und Wölfe angetroffen, nicht selten auch Wegelagerer. «Nachts haben uns Diebe unsere Schuhe und unseren Schmuck abgenommen. Wir hatten grosse Angst. Ich habe auch Freundinnen, die auf dem Weg zum Fluss vergewaltigt wurden.»
«Wir haben mit den Händen ein Loch in die Erde gegraben, wo sich das Flusswasser sammeln konnte und aus dem wir dann Wasser schöpfen konnten», erklärt Emebet. Bis zu 80 Frauen gleichzeitig hätten sich dann um diese Stelle am Fluss gedrängt, um einen guten Platz zum Wasserschöpfen zu ergattern. Sie habe oft lange anstehen müssen. «Es gab viel Streit», erinnert sie sich. Streit um das wenige Wasser.
«Wir haben uns geschämt»
«Und das Flusswasser war erst noch dreckig. Eigentlich zu dreckig zum Trinken. Aber wir hatten keine Wahl.» Wie um dies zu verdeutlichen, uriniert in dem Moment eine Kuh in den Fluss. Emebet, ihr Mann und ihre Kinder waren oft krank, hatten Würmer und Durchfall. «Und Hautausschläge. Wir haben oft gestunken – und uns unendlich geschämt dafür.»
Ein Brunnen verändert Leben
In Äthiopien ist die Kaffeezeremonie traditionell die Gelegenheit, um über Persönliches zu reden. So auch jetzt, zuhause: Emebet will vom neuen Brunnen im Dorf erzählen, während sie am dampfenden Tässchen nippt. Vom Brunnen, «der alles zum Guten gewendet hat».
Seit ein paar Jahren stehen Pumpbrunnen im Dorf, die den Menschen in Birbir sauberes Wasser liefern. Sie seien nun nicht mehr krank und dauernd müde, erzählt Emebet. Die Wunden am Arm sind verschwunden, weil sie sich nun richtig waschen könne. Auch die Scham ist weg.
Ganz aus der Welt waren die Probleme mit den neuen Brunnen allerdings nicht. In Äthiopien investieren die Regierung und internationale Organisationen beträchtliche Summen in den Bau von Wassersystemen. Doch nicht immer sind Betrieb und Unterhalt geregelt, oder es fehlt den Behörden an Mitteln, Kompetenzen und dem nötigen Engagement, um diese dauerhaft am Laufen zu halten.
Emebet Mekonnen
Zurück zum Fluss, «auf Feld 1» zu müssen, sei sehr schlimm gewesen, nachdem sie gewusst habe, wie das Leben mit einem Brunnen ist, sagt Emebet. Um das Wasserholen am Fluss endgültig zu beenden, hat Helvetas in Amhara ein Projekt ins Leben gerufen, das Trinkwasser dauerhaft verfügbar macht.
So wurden in Begleitung von Helvetas bisher bereits 150 Wasserkomitees gegründet. Das sind sieben- bis neunköpfige Gremien aus Einwohner:innen, die sich eigenverantwortlich um Angelegenheiten rund um den Brunnen kümmern: die Umzäunung, die Bewachung, die Zeiten, wer wann Wasser beziehen darf, aber auch die Wartung, Reparatur und deren Finanzierung.
Brunnenreparateurin mit Elan
Helvetas bildet junge Arbeitslose in Amhara zu Brunnenreparateuren und Jungunternehmerinnen aus und unterstützt sie, ihr Geschäft aufzubauen; mit Werkzeugen und Brunnen-Ersatzteilen, aber auch mit Wissen und handwerklichen Fertigkeiten. Neben dem praktischen Training schult Helvetas sie in der Unternehmungsführung, beim Finanzpläne erstellen und auch bei der mentalen Einstellung. «Als Arbeitslose hatten viele von ihnen keine geregelte Tagesstruktur. Oft sind sie unsicher und trauen sich nicht mehr viel zu», erklärt Belayneh Tilahun von Helvetas Äthiopien, der das Projekt betreut.
«Dass ich als Frau Brunnen repariere, ist eher noch unüblich. Aber man kann doch nicht aufgeben, nur weil etwas unüblich ist», sagt Hareg leise, aber überzeugt. «Ich lasse mich nicht aufhalten. Ich habe das Wissen und den Mut dazu.»
Emebet Mekonnen hat jetzt dank funktionierender Brunnen Zeit für andere, sinnvolle Tätigkeiten. Für die Tiere und für die Kinder. Und für die kleine «Besenbeiz» mit der sie ihr eigenes Geld verdient.
Seit Emebet wieder Zeit für anderes hat, schleichen sich neue Träume in ihre Gedanken: Sie möchte ein kleines Lebensmittelgeschäft eröffnen in Birbir und spart nun für das Startkapital. Und Emebet, die nie die Schule abschliessen konnte, weil ihre Eltern zu arm waren, will ihren Kindern eine Ausbildung ermöglichen. «Dafür tue ich alles», sagt sie, mit einem Blick, der erahnen lässt, was sie alles hinter sich gelassen hat.
In den Zonen North-Gondar und Wag Hemra der Amhara-Region in Äthiopien fehlen vielerorts Wasserversorgungssysteme, oder sie sind defekt. Es fehlt an Fachkräften, die bestehende Brunnen warten und reparieren können. Zugleich ist die Arbeitslosigkeit besonders bei Menschen unter 30 Jahren hoch. In Städten sind Jobs rarer, erst recht für Frauen, die oft nur kurz zur Schule gingen und Vorurteile im Berufsleben erfahren.
Helvetas bildet darum junge Arbeitslose in North-Gondar und Wag Hemra dafür aus, wasserbezogene Dienstleistungen anzubieten. Der Erfolg ist so gross, dass die Regierung Helvetas bat, das Projekt auf weitere Zonen auszuweiten. Seit Projektstart 2021 haben die lokalen Helvetas-Teams 13 Jungunternehmen unterstützt, die 440 Wasserversorgungssysteme unterhalten, die über 323'000 Menschen zugutekommen.
