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Entwicklung im menschgemachten Zeitalter

Der neue Human Development Index ist um eine Dimension reicher
VON: Geert van Dok – 22. Januar 2021
© NOAA/SCIENCE PHOTO LIBRARY

Der neue Bericht über die menschliche Entwicklung der UNO stellt die menschgemachten ökologischen Schäden und die planetaren Grenzen ins Zentrum seiner Ausführungen. Der zugehörige Human Development Index wurde um eine entsprechende Komponente erweitert. Es wurde auch langsam Zeit.

Seit 30 Jahren veröffentlicht das Entwicklungsprogramm der UNO (UNDP) jährlich seinen Bericht über die menschliche Entwicklung (Human Development Report HDR). Der darin jeweils enthaltene Human Development Index (HDI) gilt seither als Flaggschiff aller Indizes und wichtiger Gradmesser für Entwicklung. Seit seiner Einführung wird er als alternativer Massstab zum einseitig ökonomischen Bruttoinlandprodukt gesehen. Keine länderspezifische entwicklungspolitische Analyse, in der nicht irgendwann auf den HDI-Wert des Landes hingewiesen wird.

Menschliche Entwicklung und planetare Grenzen

Die Jubiläumsausgabe des HDR 2020 hat den anspruchsvollen Titel «Menschliche Entwicklung und das Anthropozän», also das menschgemachte Zeitalter. Der Bericht ist nicht einfach eine Fortschreibung bisheriger Entwicklungsprozesse, sondern schaut neu auch auf den damit verbundenen ökologischen Preis, den die Menschheit dafür bezahlt. Kein Land habe eine sehr hohe menschliche Entwicklung erreicht, ohne den Planeten immens zu belasten, heisst es darin. Verwiesen wird exemplarisch auf die Klimakrise, den Verlust der Biodiversität und die Versauerung der Meere. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, so die Argumentation, forme nicht mehr der Planet die Menschen, sondern die Menschen bewusst den Planeten: die neue geologische Epoche des Anthropozän.

So begrüssenswert diese für den HDR neue Sichtweise ist, sie kommt reichlich spät. Denn die Erkenntnisse sind nicht nur besorgniserregend, sie sind auch nicht neu. Schon seit Rio 1992 und erst recht mit der UNO-Agenda 2030 von 2015 verweisen viele Akteure auf die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung, «die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können», wie der Brundtland-Bericht «Our Common Future» schon 1987 festhielt. Sicherlich ist der Spagat zwischen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, gesellschaftlicher Solidarität und ökologischer Verantwortung nicht einfach zu bewältigen. Doch wie immer die Antworten darauf aussehen, einschränkend gilt immer, dass zukunftsfähige Strategien eine Balance zwischen der sozialen Grundsicherung und den «planetaren Grenzen» finden müssen, um einen sicheren, gerechten und zukunftsfähigen Lebensraum zu erhalten.

Der HDI und die planetare Belastung

Der HDR vollzieht also, was in Fachkreisen längst bekannt ist. Die eigentliche Neuerung ist nun der Versuch, den mittlerweile 30-jährigen Index der menschlichen Entwicklung (HDI) um die Dimension der planetaren Belastung zu erweitern. Trotz vieler Einwände und Erweiterungsvorschläge war der Index über all die Jahre hinweg so beibehalten worden, wie er ursprünglich entworfen worden war, als Index mit den drei Indikatoren: Gesundheit/Langlebigkeit, Bildung und Einkommen/Lebensstandard. Wohl kamen mit der Zeit ergänzende Indizes hinzu (so der Inequality-adjusted HDI, der Gender Development Index und der Multi-dimensional Poverty Index), aber der HDI selbst wurde nie angepasst – und sei so «mit 30 Jahren gut gealtert», heisst es im HDR 2020.

Doch nun wird eine Neuausrichtung nötig, die den Bogen spannt zwischen Armut und Ungleichheit auf der einen sowie Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung auf der anderen Seite. So soll der HDI Grundlage werden für die notwendige gesellschaftliche Transformation, die es braucht, um die planetaren Belastungen und gleichzeitig die soziale Ungleichheit zu verringern. Im Bericht wird daher ein neuer Index eingeführt, mit dem etwas holprigen Namen «um planetarische Belastungen bereinigter Index der menschlichen Entwicklung» (Planetary pressures-adjusted Human Development Index PHDI). Dabei wird der HDI mit Daten zu Ressourcenverbrauch (Wasserverbrauch, Waldrodung, materiellem Fussabdruck) und Umweltbelastung (CO2-Ausstoss, Stickstoffeinsatz) ergänzt.

Noch allerdings handelt es sich, wie die Autorinnen und Autoren betonen, um ein Experiment. Es ist gut möglich, dass der neue PHDI in den kommenden Jahren weiter verfeinert wird. Zudem wird im HDR 2020 nicht deutlich, ob es sich um einen weiteren Index handelt, oder ob er in Zukunft den HDI ersetzen wird. Im aktuellen Bericht jedenfalls wird er als zusätzlicher Index dargestellt und die Werte dann mit dem klassischen HDI verglichen. Dass dabei zahlreiche reiche Staaten im Ranking deutlich nach unten rutschen, ist nicht erstaunlich: beispielsweise Luxemburg um 131 Plätze, Singapur um 92, Australien um 72, die USA um 45 und Norwegen um 15 Plätze. Gleiches gilt für die Golfstaaten (zwischen 33 und 87 Plätze). Die Schweiz hingegen bleibt im PHDI wie im eigentlichen HDI auf Rang 2.

PHDI-Zerrbilder zugunsten reicher Länder

Eine der Schwächen des neuen PHDI – und eine Erklärung, warum die Schweiz auch im neuen Index so gut abschneidet – ist die Berechnung der «vierten Dimension». So bezieht sich der Indikator für den Pro-Kopf-CO2-Ausstoss ausschliesslich auf die nationalen, produktionsbasierten Emissionen. Diese machen aber laut dem  Bundesamt für Statistik im Falle der Schweiz nur etwa einen Drittel der Gesamtemissionen aus. «Das zeichnet ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Umweltbelastung der Schweiz und vieler westlicher Länder, welche einen Grossteil ihrer ökologischen Kosten externalisieren», sagt Jürg Staudenmann, Experte für Klima- und Umweltpolitik bei Alliance Sud und ehemaliger UNDP-Mitarbeiter. Diese Länder haben einen Grossteil der Produktion ihrer Konsumgüter in Entwicklungs- und Schwellenländer ausgelagert. Die damit verbundenen Emissionen sind in ihrem jeweiligen nationalen Treibhausgas-Inventar, auf das der PHDI zurückgreift, nicht sichtbar.

Ähnliches gilt für den materiellen Fussabdruck, der den Ressourcenaufwand gemessen am Endkonsum erfassen will. Die Berechnung lautet: Rohstoff-Importe plus inländische Rohstoffförderung minus Rohstoffexporte. So kommen aber rohstoffarme Länder wie die Schweiz trotz sehr hohem Konsum zu gut weg, da die Verarbeitung von Rohstoffen zu Konsumgütern im Ausland erfolgt.

Diese Zerrbilder in der Berechnung machen deutlich, dass der PHDI tatsächlich noch experimentell ist und seine Verfeinerung und Weiterentwicklung noch einige Knackpunkte zu meistern hat. Denn er «darf die Schweiz und weitere westliche Länder mit weitgehend ausgelagerter Schwerindustrie nicht aus der Verantwortung entlassen. Diese Länder verursachen weiterhin einen Grossteil der globalen Probleme, denen wir als Menschheit heute gegenüberstehen», sagt Kristina Lanz, entwicklungspolitische Expertin bei Alliance Sud.

Trotz dieser Vorbehalte ist der im HDR 2020 vorgenommene Perspektivenwechsel mit der Weiterentwicklung des HDI begrüssenswert – und er ist alternativlos. In den Worten von UNDP-Chef Achim Steiner: «Der Mensch übt mehr Macht über den Planeten aus als jemals zuvor. Im Zuge von Corona, rekordverdächtigen Temperaturen und steigender Ungleichheit ist es an der Zeit, diese Macht zu nutzen, um neu zu definieren, was wir unter Fortschritt verstehen, bei dem unser CO2- und Konsum-Fussabdruck nicht länger verborgen bleibt.»

© Maurice K. Grünig / Helvetas
Koordinator politische Kommunikation