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Vier Mythen über die informelle Wirtschaft

Zur Dynamik und Flexibilität des informellen Sektors in Entwicklungsländern
VON: Zenebe B. Uraguchi, Geert van Dok – 05. Juli 2019
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Die in den meisten Entwicklungsländern vorherrschende informelle Wirtschaft gilt gemeinhin als ein wesentliches Hindernis für Wachstum. Dabei sind deren Unternehmen dynamisch, kreativ und flexibel. Sie mittels staatlicher Regulierung und Kontrolle «formalisieren» zu wollen, ist kein erfolgversprechender Ansatz. Vielmehr muss die Wechselwirkung zwischen informellem und formellem Sektor gestärkt und damit die Produktivität und Qualität verbessert werden.

Zur informellen Wirtschaft (auch: informeller Sektor) gehören jene wirtschaftlichen Aktivitäten, die nicht staatlich registriert und kontrolliert sind, aber damit auch nicht über staatlichen Schutz oder Unterstützung verfügen. In vielen Entwicklungsländern ist sie Einkommensquelle für über 50% der arbeitenden Bevölkerung. Zu den Tätigkeiten gehören zum Beispiel das Herstellen und Verkaufen eigener Produkte und Dienstleistungen, das Durchführen von Reparaturen oder auch Strassenverkauf und Transport. Der informelle Sektor ist komplex, dynamisch und belastbar. Er existiert in enger Wechselwirkung mit dem formellen Sektor.

Diskussionen über die Bedeutung und das Verhältnis von informeller und formeller Wirtschaft stützen sich oft auf Mythen, die einer kritischen Überprüfung nicht standhalten, insbesondere: (i) die informelle Wirtschaft sei schlecht für das Wachstum, (ii) es gebe nur eine Art informellen Wirtschaftens, (iii) Wachstum bringe den informellen Sektor zum Verschwinden und (iv) die Zugehörigkeit zum formellen Sektor sei, wenn einmal erreicht, dauerhaft.

Mythos 1: Die informelle Wirtschaft sei illegal und schlecht für das Wachstum.

Menschen, die im informellen Sektor beschäftigt sind, sind nicht automatisch arm, und ihre Geschäfte sind auch nicht illegal. Zahlreiche Kleinunternehmen und Beschäftigte in Afrika, Asien und Osteuropa sind zwar ausserhalb des regulatorischen Rahmens des formellen Sektors tätig, halten aber die gegebenen Vorschriften des Arbeits- und Produktmarkts ein.

Der Vorwurf, der informelle Sektor schwäche die Produktivität, untergrabe das finanzielle Gerüst einer Volkswirtschaft und sei schlecht für das Wachstum, ist nicht aufrechtzuerhalten. Wohl kann der Zugang zu Technologien, öffentlichen Dienstleistungen oder Sozialschutz im informellen Sektor erschwert sein. Seine positiven Aspekte überwiegen jedoch: Er ist ein Reservoir an unternehmerischer Energie. Unternehmen und Arbeitnehmende in der informellen Wirtschaft sind flexibel und kreativ. Die Menschen sichern sich eine Existenz, oft mit anspruchsvollen und qualifizierten Handwerksarbeiten. Vor allem in Entwicklungs- und Transformationsländern ist der informelle Sektor der dynamischere Teil der Wirtschaft und schafft zahlreiche Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten.

Mythos 2: Es gebe nur eine Art von informeller Wirtschaft.

Der informelle Sektor ist vielfältig und allgegenwärtig. Er unterscheidet sich je nach Land und Region in Bezug auf seine Akteure, Aktivitäten und Grössenordnungen erheblich. Anzahl und Komplexität der Unternehmen im informellen Sektor variieren je nach Wirtschaftszweig, sei es in der Landwirtschaft, der Informationstechnologie, bei Dienstleistungen oder im Tourismus. Viele Akteure der informellen Wirtschaft sind Kleinstunternehmen, andere erreichen eine beachtliche Grösse oder sind Teil nationaler oder gar internationaler Netzwerke. Einige haben die Merkmale sowohl des formellen als auch des informellen Sektors. Sie sind registriert, beschäftigen aber gleichzeitig einen Teil ihrer Belegschaft ohne schriftliche Verträge, was eine Unterscheidung zwischen formal und informal schwierig macht: sowohl als auch statt entweder oder.

Informelle Beschäftigungen reichen von der Mitarbeit auf eigene Rechnung bis hin zu Gelegenheitsarbeiten und Leiharbeit. Auffallend ist die enge Verknüpfung von Geschlecht und informeller Beschäftigung: Der stete, komplexe, dynamische und bisweilen unvorhersehbare Wandel der Arbeitsformen hat zur Folge, dass Frauen oft nur für niedrig qualifizierte und produktive Jobs des informellen Sektors eingestellt werden.

Mythos 3: Wachstum bringe den informellen Sektor zum Verschwinden.

Wachstum führt wohl vielerorts dazu, dass der informelle Sektor schrumpft, aber nicht, dass er verschwindet, wie folgenden Zahlen belegen. So liegt der Anteil des informellen Sektors in den OECD-Volkswirtschaften bei 13%, für die Schweiz sind es laut Internationalem Währungsfonds 7%. Nach Schätzungen arbeiten in Grossbritannien über zwei Millionen Menschen im informellen Sektor. Vielerorts stagniert der Anteil der informellen Wirtschaft oder hat sich sogar noch erhöht, meist aus einer Notwendigkeit heraus: durch Ausschluss aus dem formellen Sektor oder aufgrund hoher Arbeitslosigkeit finden sich viele Menschen im informellen Sektor wieder. Die Internationale Arbeitsorganisation geht davon aus, dass 2016 weltweit zwei Milliarden Menschen im informellen Sektor einschliesslich der Landwirtschaft tätig waren. Das sind gut 60 Prozent der globalen Erwerbsbevölkerung. In Afrika lag der Anteil bei über 85 Prozent.

Mythos 4: Die Zugehörigkeit zum formellen Sektor sei dauerhaft.

Es herrscht die Vorstellung vor, der formelle und der informelle Sektor seien weitgehend voneinander getrennt. Tatsächlich aber sind beide von der Produktion bis zum Konsum eng miteinander verflochten. Dabei verschiebt sich auch der Status von Unternehmen und Beschäftigten immer wieder, in der Regel in Richtung der formellen Wirtschaft. Der informelle Sektor erbringt Dienstleistungen für Akteure des formellen Sektors und bietet einen flexiblen Arbeitsmarkt zur Aufnahme überschüssiger Arbeitskräfte. Zudem stellen, wie oben erwähnt, Unternehmen des formellen Sektors auch Mitarbeiter ohne formale Anerkennung ein. Menschen, die in die formelle Wirtschaft wechseln, haben keine Gewähr, dort dauerhaft bleiben zu können.

Fazit: Auf Produktivität und Qualität fokussieren, nicht auf Formalisierung

Der informelle Sektor ist gerade in Entwicklungsländern ein wesentlicher Bestandteil der Volkswirtschaft. Ihn zu romantisieren ist ebenso verfehlt, wie ihn zu dämonisieren. Entscheidend ist vielmehr, die Heterogenität in der informellen Wirtschaft zu verstehen und die verschiedenen Faktoren zu erfassen, welche die Entscheidungen von Personen und Unternehmen beeinflussen, in die informelle Wirtschaft zu gehen. Davon ausgehend sollten ökonomische und politische Interventionen darauf zielen, eine Verhaltensänderung der Akteure – öffentlich und privat, formal und informal – zu stimulieren, damit diese besser in der Lage und motiviert sind, wichtige Funktionen effektiv zu erfüllen. Auf die informelle Wirtschaft bezogen bedeutet dies, sie weder zu fördern noch zu unterdrücken, sondern vielmehr, Hindernisse für alle Unternehmen abzubauen und die Produktivität und Qualität der Arbeitnehmenden zu steigern.

© Maurice K. Grünig / Helvetas
Koordinator politische Kommunikation

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