Seeds Navdanya Farm | © KEYSTONE/LAIF/Kathrin Harms

Das Geschäft mit dem Saatgut

Vier Grosskonzerne kontrollieren die Nahrungsmittelversorgung
VON: Geert van Dok - 19. August 2022
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Vier Konzerne beherrschen den weltweiten Saatgutmarkt. Mit ihrer Monopolstellung bedrohen sie die Arten- und Nahrungsmittelvielfalt. Der stete Druck, nebst hybridem auch gentechnisch verändertes Saatgut im Markt durchzusetzen, gefährdet die Existenz von Millionen von Bauernfamilien. Gleichzeitig untergraben Patente und Sortenschutzregeln die eigenständige, bäuerliche Saatgutzüchtung.

In den Diskussionen über Störungen im globalen Ernährungssystem finden die Saatgutproduktion und Züchtung von Nutzpflanzen meistens wenig Beachtung, obwohl sie zentrale Grundlagen für jedes landwirtschaftliche System sind. Die Entwicklungen im Saatgutsektor wirken sich auf alle Stufen der Nahrungsmittelproduktion aus. «Es ist letztlich das Saatgut, das uns und die Tiere, die wir essen, ernährt», sagt Agrarsoziologe Jack Kloppenburg von der University of Wisconsin-Madison, Mitinitiant der Open Source Seed Initiative. «Die Kontrolle über das Saatgut bedeutet in vielerlei Hinsicht die Kontrolle über die Nahrungsmittelversorgung. Die Frage, wer neue Pflanzensorten produziert, ist absolut entscheidend für unser aller Zukunft.»

Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde Saatgut nicht als kommerzielles Gut gehandelt, da es sich von Natur aus selbst zu reproduzieren vermag. Dieses «samenfeste» Saatgut wurde von Bäuerinnen und Bauern von Pflanzen gewonnen und wieder ausgesät, untereinander getauscht und geteilt. In den 1960er Jahren folgte mit der grünen Revolution die Intensivierung der Landwirtschaft, um genügend Lebensmittel für eine wachsende Bevölkerung bereitzustellen. Es wurden einige wenige, einheitliche Hochertragssorten gezüchtet, die dank des massiven Einsatzes von Pestiziden und Düngemitteln besonders hohe Erträge erzielten. So wurden die Ernten zwar kurzfristig gesteigert, allerdings mit immensen Kosten für die ökologischen Systeme und genetische Vielfalt der Kulturpflanzen.

Die Dominanz weniger Saatgutkonzerne …

Mit der Entwicklung des nicht samenfesten hybriden Saatguts (der Kreuzung zweier unterschiedlicher Pflanzensorten mit deutlich erhöhtem Ertrag und einheitlicher Form, die nicht vermehrt werden kann) und des gentechnisch veränderten Saatguts in den 1990er Jahren und dessen patentrechtlichen Schutz ging die Vielfalt der Kulturpflanzen nochmals deutlich zurück. Von etwa 30’000 essbaren Pflanzenarten werden heute nur noch etwa 150 angebaut. Gerade einmal drei Arten liefern fast die Hälfte des globalen pflanzenbasierten Energiebedarfs: Reis, Weizen und Mais. Zugleich wurde damit die Saatgutfreiheit vieler Bäuerinnen und Bauern eingeschränkt. Am globalen Saatgutmarkt, dessen Handelswert 2021 bei gut 43 Milliarden US-Dollar lag und bis 2027 auf 49 Milliarden ansteigen dürfte, hat gentechnisch verändertes Saatgut mittlerweile einen Anteil von rund 30 Prozent.

Grund dafür ist das mit dem Aufkommen der Gentechnik einhergehende neue Geschäftsmodell der Chemie- und Pharmafirmen, Pestizid- und Saatgutverkäufe zu kombinieren. Ab Mitte der 1990er Jahre kauften sie kleinere Saatguthersteller auf, spalteten den Agrarbereich vom restlichen Geschäft ab und bildeten neue, spezialisierte Konzerne. Die Konsolidierung in der Saatgutindustrie führte zu gigantischen Monopolen, die seither die globale Nahrungsmittelversorgung dominieren – und die Preise bestimmen.

So übernahm der Chemiekonzern Bayer 2018 das US-Unternehmen Monsanto und verkaufte anschliessend Teile seines Geschäfts an das Chemieunternehmen BASF, das damit ins Saatgutgeschäft einstieg. Mit dem Verkauf an BASF sollten Bedenken der deutschen Wettbewerbshüter hinsichtlich einer zu grossen Marktmacht durch die mehr als 60 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme von Monsanto ausgeräumt werden. In den USA legten derweil 2019 Dow Chemicals und Dupont ihre Pestizid- und Saatgutgeschäfte in der Corteva Agriscience zusammen. Schon 2017 hatte das chinesische Staatsunternehmen ChemChina den Schweizer Agrarkonzern Syngenta übernommen, woraus dann 2020 die neue Syngenta Group entstand. In dieser wurden Syngenta, der israelische Pestizidhersteller Adama und die chinesische Sinochem vereint. Schliesslich zählt auch die französische Limagrain – Agrarkooperative und internationale Saatgutgruppe in einem – mit einem Umsatz von knapp zwei Milliarden Franken zu den weltweit grössten Saatgutunternehmen, besetzt aber mit ihrem Hauptfokus auf Gemüsesaatgut eher eine Marktnische.

Heute kontrollieren Bayer, Corteva, BASF und die Syngenta Group etwa 60 Prozent des weltweiten Saatguts – und 70 Prozent des Pestizidsektors. Der Konzentrationsprozess wird sich in naher Zukunft auch nicht abschwächen, sofern keine politischen Schritte unternommen werden. Denn angesichts der hohen wirtschaftlichen Eintrittsbarrieren (Investitionsbedarf, genetische Ressourcen, Knowhow, Erfahrungen) ist es unwahrscheinlich, dass neue Unternehmen in den Markt eintreten werden.

… mit Hilfe von der WTO

Zusätzlich werden die Konzerne von der Welthandelsorganisation (WTO) gestützt: Deren Mitgliedsstaaten müssen nämlich über gesetzliche Regelungen zum Schutz von Pflanzensorten verfügen. Konkret erwartet die WTO die Mitgliedschaft beim Internationalen Verband zum Schutz von Pflanzenzüchtungen (UPOV), der auf dem gleichlautenden Übereinkommen (UPOV91) fusst. Es beschränkt die freie Produktion, den freien Verkauf und den freien Austausch von Saatgut. Damit sollen Saatzuchtunternehmen ein zeitlich begrenztes Monopol für das Saatgut von neuen Pflanzensorten erhalten, die sie in dieser Zeit entwickeln – ohne Konkurrenz oder Wettbewerb.

Die UPOV-Kriterien setzen voraus, dass kommerzielles Saatgut genetisch einheitlich und stabil ist. Das schliesst samenfeste Sorten aus, die von Bäuerinnen und Bauern gezüchtet und über Generationen weitergegeben werden. Denn diese sind genetisch vielfältig, entwickeln sich ständig weiter und erfüllen somit die UPOV-Kriterien nicht. Daher erhalten Bäuerinnen und Bauern in den UPOV-Vertragsstaaten kein geistiges Eigentumsrecht an ihren selbstgezüchteten Pflanzensorten. Die Folge: Die industrielle Landwirtschaft wird letztlich auch jenen Regionen aufgezwungen, in denen Nahrungsmittel noch grossenteils von kleineren, nachhaltigeren Betrieben produziert werden. Gegen diesen UPOV91-Zwang kämpft unter anderem das globale zivilgesellschaftliche Netzwerk Aprebes an. Schon 2015 legte es einen alternativen Entwurf eines Sortenschutzsystems sui generis vor – bis heute ohne Resonanz bei der WTO.

Der Vormarsch der Gentechnik

Die Verschmelzung der beiden Geschäftsfelder Saatgut und Pestizide hat weltweite Folgen für das Produkteangebot. Denn Saatgutkonzerne haben damit ein direktes Interesse, dass beim Anbau der Saat auch ihre Agrarchemikalien verwendet werden. Folglich stehen neben der züchterischen Weiterentwicklung vor allem die gentechnische Veränderung weniger Kulturpflanzen mit grossen Absatzmärkten im Zentrum. Dabei geht es primär um Mais- und um Sojasaatgut, die zu einem erheblichen Teil für den Futtermittelanbau verwendet werden und zusammen knapp zwei Drittel des Saatgutmarkts ausmachen. Corteva erzielt damit 85 Prozent, Bayer 75 Prozent und Syngenta 55 Prozent seiner Umsätze.

Weizen hingegen gehört nicht zu den absatzstarken Saatgutsorten, obwohl er flächenmässig am meisten angebaut wird. Wahrscheinlich ist das Geschäft schlicht nicht lukrativ, da gentechnisch veränderter Weizen noch nirgends kommerziell angebaut wird. Das könnte sich aber aufgrund des Klimawandels und der zunehmenden Dürreperioden bald ändern: Seit 2020 wird trockentoleranter Gentechnik-Weizen (HB4-Weizen) in Argentinien versuchsweise ausgepflanzt und eine Markteinführung ist in Vorbereitung. Unter Trockenstress lieferte der HB4-Weizen 20 Prozent mehr Erträge als herkömmliche Sorten. Das Marktpotential wäre enorm: Argentinien exportiert 70 Prozent seiner Jahresproduktion von 20 Millionen Tonnen Weizen. Nachdem Brasilien Ende 2021 und kurz darauf Australien, Neuseeland und Kolumbien die Einfuhr von HB4-Weizen genehmigten, steht dem kommerziellen Anbau eigentlich nichts mehr im Wege. Zuvor waren Anbau und Import von Gentechnik-Weizen in keinem Land der Welt erlaubt.

Doch auch wenn schädlings- oder dürreresistentes Saatgut als adäquate Antwort auf die Folgen des Klimawandels erscheinen mag – gentechnisch verändertes Saatgut, das den Einsatz von Pestiziden und Dünger verlangt, ist keine Lösung. Denn Pestizide zerstören die Artenvielfalt und Dünger laugen die Böden aus, wie die derzeitige Ernährungskrise zeigt. Beides kann in die Schuldenfalle führen. Der Fokus muss vielmehr auf eine agrarökologische Landwirtschaft liegen, die altes Wissen mit neuen Technologien verknüpft, den Boden stärkt und künstliche Hilfsmittel auf das Allernotwendigste beschränkt.

Im Würgegriff der Patente

Um die Saatgutkonzentration einzudämmen, arbeitete die FAO 2001 ein internationales Abkommen zur Sicherstellung der Pflanzenvielfalt für Ernährung und Landwirtschaft aus. Damit erhalten eigentlich alle Akteure erleichterten Zugang zu pflanzengenetischen Ressourcen; die aus deren Nutzung hervorgehenden Vorteile sollen mit den Ursprungsländern geteilt werden. Doch das Vertragswerk weist erhebliche Schwächen auf: So fehlt etwa eine Kontrolle, ob widerrechtliche Patente erteilt werden.

Denn im Gegensatz zum gentechnisch veränderten Saatgut sind Patente auf konventionellem Saatgut eigentlich untersagt. Dennoch wurden im Bereich Pflanzenzucht und Landwirtschaft bereits zahlreiche und sehr unterschiedliche Patente erteilt, die die ganze Kette der Nahrungsmittelproduktion betreffen. Das Patentrecht wird seitens der Konzerne oft dazu missbraucht, die Kontrolle über die genetischen Ressourcen und die Lebensmittelherstellung zu erlangen und auszubauen. In Europa wurden schon über 2000 Patente auf Nutzpflanzen und ihr Saatgut erteilt – teils trotz Patentierungsverbot, wie ein Bericht von «No Patents on Seeds!» zeigt.

Die am Bericht beteiligten Organisationen fordern von der Politik wirksame Massnahmen gegen das «Patent-Dickicht» für die konventionelle Zucht von Pflanzen und Tiere. Dies wäre auch für die Praxis in Ländern des globalen Südens von grosser Bedeutung, sind die dortigen Bäuerinnen und Bauern doch existenziell darauf angewiesen, ihr Saatgut frei vermehren zu können. Auch der Bundesrat wird mit der Petition «Patente auf Saatgut stoppen!» aufgefordert, sich international dafür einzusetzen, dass zum Schutz von herkömmlich gezüchteten Sorten dem Missbrauch des Patentrechts entgegengetreten wird. Man darf gespannt sein.

© Maurice K. Grünig / Helvetas
Verantwortlicher Politische Kommunikation