Gleiche statt verpasste Chancen

Das Potenzial von Frauen bleibt weltweit ungenutzt – mit Folgen für Wirtschaft, Ernährung und Frieden. Studien zeigen: Gleichberechtigte Teilhabe könnte Wachstum fördern, Hunger verringern und Konflikte nachhaltiger lösen.
VON: Agnieszka Kroskowska, Madlaina Lippuner - 26. Januar 2026

Warum Gleichstellung globale Stabilität schafft

Beim derzeitigen Tempo ist die Welt rund 123 Jahre von vollständiger Geschlechtergerechtigkeit entfernt. Noch immer haben Frauen weniger Mitsprache, Zugang zu Bildung, wirtschaftliche und politische Stellung. Ungenutztes Potenzial, wie die Forschung zeigt:

Wirtschaft

Von Frauen geführte Unternehmen entwickeln tendenziell mehr Produkte und Dienstleistungen, die sozial und ökologisch langfristiger zum Gemeinwohl beitragen. Gemischte Teams sind innovativer, krisenfester und profitabler. Trotzdem wird Frauen weniger zugetraut. Auf der Suche nach Investor:innen erhalten bei identischen Präsentationen in 70 Prozent der Fälle Männer den Zuschlag. Und nur zwei Prozent des Risikokapitals, das 2022 in Start-up-Unternehmen investiert wurde, floss in von Frauen gegründete Firmen. Mehr noch: Nur knapp ein Drittel aller Führungspositionen ist von Frauen besetzt, Tendenz sinkend. Das wirtschaftliche Defizit ist riesig: Könnten Frauen sich genauso in die Erwerbsarbeit einbringen wie Männer, wüchse die globale Wirtschaft bis zu 26 Prozent, um 28 Billionen US-Dollar. 

Ernährungssysteme

Auch in Ernährungssystemen sind Frauen untervertreten. Zwar arbeiten da mehr Frauen, aber sie besitzen weniger als 10 Prozent des produktiven Landes, selbst dort, wo das Gesetz ihnen dies zugesteht. Damit können sie weniger über Investitionen, klimaschonende Praktiken und Technologien entscheiden und haben weniger Zugang zu Weiterbildungen und Krediten. Obwohl belegt ist, dass Frauen nachhaltigere Entscheidungen treffen und so Mangelernährung signifikant reduzieren könnten – von der wiederum mehr Frauen und Mädchen betroffen sind als Männer. Hätten Frauen im Agrarsektor mehr Teilhabe, liesse sich die Produktivität um 30 Prozent steigern: Essen für 100 Millionen Menschen mehr weltweit.  

Politik

2023 wurden über 170 bewaffnete Konflikte registriert, die ihrerseits Unsummen kosten. Studien zeigen, dass von Frauen gestaltete Politik sozialer und integrativer ist und sie Ressourcen besser verwalten. Friedensabkommen, an denen Frauen beteiligt sind, haben nachweislich länger Bestand. Doch der Frauenanteil in Entscheidungsprozessen und Friedensverhandlungen liegt bei unter 25 Prozent, sofern sie überhaupt vertreten sind. 

Nasima Kabir  | © Zayed Siddik
Nasima Kabir muss im Wahlkampf in Bangladesch auch Männer überzeugen, sie zur Gemeinderätin zu wählen. © Zayed Siddik
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© Mauricio Panozo
«Ich möchte als Unternehmerin hier in meiner Stadt in einer eigenen Fabrik Solarpanels herstellen.» Fabiola Llanquipacha, 29, selbständige Solarinstallateurin, Bolivien © Mauricio Panozo
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«Ich wollte schon immer als Schlosserin bei der Eisenbahn arbeiten. Nun habe ich die Fähigkeiten und eine Stelle.» Sofia Afate Mucussete, Nacala, Mosambik © Faizal Ussene Emilio
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«Ein Kunde in Hanoi hat gerade zehn Kilo Heilkräuter bestellt. Jetzt, in der Nachsaison, kann ich sie für viel Geld verkaufen.» Linh Trang, Heilkräuterproduzentin, Vietnam © Helvetas Vietnam
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«Seit ich das erste Mal einen Taschenrechner in der Hand hatte, erledige ich für die Familie die Buchhaltung.» Sarmila Timalsina, Verantwortliche für Verkauf, Qualitätssicherung und Buchhaltung, Nepal © Simon B. Opladen
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Eine Gruppe von Frauen, die in Madagaskar getrocknete Bananen produziert. Als Mitglieder der lokalen Basisgemeinschaft haben sie auch zur Erhaltung von Mangroven beigetragen. © Franz Thiel
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Vier Milliarden Lösungen  

Die Liste lässt sich beliebig weiterführen. Derzeit werden mehr als 100 von 179 Ländern punkto Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, sozialem Zusammenhalt oder Klimarisiken als fragil bis sehr fragil eingestuft. Umso fataler ist es, das Potenzial von fast vier Milliarden Frauen auf dieser Welt – der Hälfte der Bevölkerung – nicht voll zu mobilisieren, sondern, im Gegenteil, Ihnen ihre Rechte und ihren Status in der Gesellschaft zu verweigern. Helvetas setzt sich dafür ein, dass Frauen und marginalisierte Bevölkerungsgruppen sich einbringen können; ihren Ideenreichtum, um innovative Lösungen auf globale Herausforderungen zu finden und ihren Wort- und Erfahrungsschatz, um ausgegrenzten Menschen eine Stimme zu geben. Und dass sie Entwicklungen anstossen können, die auch sie betreffen – jetzt, nicht erst in 123 Jahren. 

Quellen: Gender Gap Report 2025, WEF, UN Women, McKinsey

Gender & soziale Gerechtigkeit

Wir achten bei allen Aktivitäten darauf, dass Frauen und benachteiligte Gruppen miteinbezogen und unterstützt werden.