Martin Hunziker am Brunnen Wasserreservoir | © Oliver Padovan

Die verborgene Welt hinter dem Wasserhahn

Sicheres Trinkwasser ist für uns in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit. Doch hinter jedem Schluck Wasser steckt weit mehr Arbeit, als die meisten Menschen ahnen. Ein Rundgang mit Martin Hunziker, einem der unsichtbaren Hüter des Trinkwassers.
VON: Oliver Padovan - 24. Juli 2026
© Oliver Padovan

Es nieselt leicht, als Martin Hunziker in Muri bei Bern aus seinem Auto steigt. Neben dem Parkplatz steht ein grosses, graues Gebäude ohne Fenster. Hinter einem kleinen Waldstück ist die Aare zu hören. «Hier geht’s lang», sagt Martin Hunziker und zeigt auf einen schmalen Waldweg.

Der 58-Jährige ist Betriebsleiter bei der Wasserverbund Region Bern AG und sorgt mit seinem Team dafür, dass in und um Bern herum rund 300’000 Menschen jederzeit mit sicherem Trinkwasser versorgt werden. Nach wenigen Minuten endet der Weg vor einem umzäunten, unscheinbaren Häuschen, in dem sich eine verborgene Welt der Wasserversorgung eröffnet.

«Unter uns verlaufen fünf Filterröhren, die das Grundwasser aufnehmen», erklärt Hunziker, während er das Tor des Pumpwerks öffnet. Was sich hinter der Tür verbirgt, überrascht: Der Blick fällt auf ein tiefes Wasserbecken. Das Wasser darin ist so klar, dass die Oberfläche kaum zu erkennen ist. Rundherum blinken Lämpchen, Rohre verlaufen kreuz und quer durch den Raum.

Martin Hunziker im Wasserreservoir | © Oliver Padovan
Martin Hunziker in seinem verborgenen Reich der Trinkwasserversorgung. © Oliver Padovan

«Toxikologische Polizei»

Und dann steht da noch etwas völlig Unerwartetes: ein Aquarium. «Die Fische sind unsere toxikologische Polizei», sagt Hunziker. Sobald sich schädliche Stoffe im Wasser befänden, würden sie reagieren. Technisch wären die Fische heute nicht mehr zwingend nötig, denn moderne Messgeräte überwachen die Wasserqualität rund um die Uhr. Der Wasserverbund hält an den Fischen als zusätzliches Monitoring fest. «Sie wirken zudem vertrauensfördernd für Besuchende – und auch für mich», sagt Hunziker. Dann schmunzelt er und fügt an: «Jede Stunde bekommen die Fische 300 Liter Frischwasser. Das sollen andere Aquarianer:innen erst mal toppen.»

Neben dem Aquarium messen Sensoren Sauerstoffgehalt, Trübung, gelöste Kohlen-Wasserstoffe und zahlreiche weitere Werte. Ein Gerät zählt sogar, wie viele Zellen sich in einem Milliliter Wasser befinden. «Wasser ist voller Leben», erklärt Hunziker. Zudem wird es auf «Ewigkeitschemikalien» (PFAS) geprüft. Von den 40 untersuchten Substanzen konnten nur drei nachgewiesen werden, diese jedoch deutlich unterhalb der möglichen Grenzwerte (momentan in Vernehmlassung).

Wasserreservoir | © Oliver Padovan
Nach Sanierungsarbeiten muss jede Fläche in den Reservoirkammern gründlich geputzt und desinfiziert werden. Schliesslich darf nichts die Wasserqualität beeinträchtigen. © Oliver Padovan

Pro Minute fördern die fünf Filterröhren, die hier zusammenlaufen, rund 8000 Liter Rohwasser, das in einem grossen Wassertank zwischengespeichert und danach weiter ins Hauptpumpwerk geführt wird, da, wo Martin Hunzikers Auto steht. Hinter schweren Türen dröhnen Pumpen, dicke Leitungen durchkreuzen einen hohen Raum. Und ja: Auch hier schwimmen Fische in einem Aquarium. Die «toxikologische Polizei» hat offensichtlich mehrere Dienststellen.

Hier wird das Wasser mit UV-Licht behandelt, kontrolliert und anschliessend ins Leitungsnetz gepumpt. Sicherheit ist dabei oberstes Gebot. «Alle unsere Systeme sind redundant aufgebaut», erklärt Martin Hunziker. Fällt eine Anlage aus, übernimmt eine andere. Was viele nicht wissen: Aus denselben Leitungen, die Haushalte mit Trinkwasser versorgen, kommt in der Schweiz auch das Brauchwasser für Industrie und Gewerbe sowie das Löschwasser für die Feuerwehr.

Wasser Fakten

... Wasser verbraucht eine Person in der Schweiz jeden Tag allein im eigenen Haushalt.

... Wasser konsumiert ein Mensch in der Schweiz täglich durch importierte Lebens- und Genussmittel sowie Textilien.

... Wasser werden jährlich in der Schweiz verbraucht. Das ist 2× der Bielersee.

... stammt aus dem Grundwasser. Bei etwa der Hälfte handelt es sich um Quellwasser.

Filmkulisse oder Reservoir?

Die Wasserversorgung versteckt sich offenbar gern hinter unscheinbaren Gebäuden. Auch das nächste Ziel macht da keine Ausnahme. Nach einigen Minuten Fahrt durch den Wald hält Hunziker vor einer graffitiübersäten, fensterlosen Betonwand in einem Hügel. «Das hier ist das Wasserreservoir.»

Hinter der metallenen Tür ist die Luft kühl. Ein leichter Chlorgeruch liegt in der Luft. Nicht, weil das Berner Trinkwasser gechlort würde, sondern weil die beiden Reservoirkammern gerade saniert werden. Eine Treppe führt zu zwei riesigen Becken; der Anblick erinnert an die Kulisse eines Psychothrillers: Die hohen Wände sind mit weissen Kacheln verkleidet, die Decke wird von palmenförmigen Betonsäulen getragen. In eines der Becken fliesst bereits Wasser. Im anderen stehen zwei Männer in weissen Schutzanzügen und reinigen den Boden mit einer Spezialmaschine.

Jede Kammer fasst rund 2100 Kubikmeter Wasser; insgesamt betreibt die Wasserverbund Region Bern AG im Auftrag von über 20 Gemeinden 30 Reservoirs. Diese gleichen Verbrauchsschwankungen aus und dienen als Notfall-Reserve. «Zu Spitzenzeiten liefern wir 90’000 Kubikmeter Trinkwasser pro Tag», sagt Hunziker. Das entspricht rund 600’000 vollen Badewannen. Weil die Reservoirs hoch gelegen sind, können sie selbst bei einem Stromausfall Wasser liefern; dann übernimmt die Schwerkraft die Arbeit.

Wasserreservoir | © Oliver Padovan
Das Wasserreservoir © Oliver Padovan

Vernetzung gegen Wassermangel

Trotz zunehmend trockener Sommer sei die Region Bern vergleichsweise gut aufgestellt. «Auch bei Trockenheit haben wir eigentlich keine Einschränkungen. Der Grundwasserstand kann zwar saisonal schwanken, aber hier im Aaretal sind wir mit grossen Grundwasservorkommen gesegnet», sagt Hunziker. Anders sehe die Situation in Teilen des Mittellands aus. Deshalb sei es wichtig, dass die Wasserversorgungen miteinander verbunden sind.

Auf der Rückfahrt hält Martin Hunziker bei einem Brunnen an, um einen grossen Schluck Wasser zu trinken. «Das hier haben wir gefördert», sagt er zufrieden.

Für die meisten Menschen beginnt Trinkwasser mit einer Drehung am Wasserhahn. Tatsächlich ist es das Ergebnis von ausgeklügelter Infrastruktur, aufwendiger Arbeit und von Menschen, die meist im Verborgenen arbeiten.

Wasser

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