© AP Photo/Martin Mejia

«Das Leid durch Corona kommt zur bestehenden Not hinzu»

Menschen in Entwicklungsländern sehen in der Coronakrise ihre Gesundheit ebenso gefährdet wie ihre Existenz, ihre Bürgerrechte, ihre Sicherheit. Annette Kolff, Ko-Leiterin Internationale Programme, erklärt, wie Helvetas viele Menschen erreicht und schon heute an die Herausforderungen der Zukunft denkt.
VON: Susanne Strässle, Rebecca Vermot – 18. Mai 2020
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Annette Kolff, können Sie uns beschreiben, wie die Situation in der Coronakrise jetzt konkret zum Beispiel für eine Familie in  Äthiopien aussieht? 

Das kann ich versuchen. Stellen Sie sich eine Familie auf dem Land vor. Ein Spital gibt es in der Nähe nicht. Sauberes Wasser muss die Mutter von weit weg holen. Sie leben von der Hand in den Mund, haben kaum mehr Möglichkeiten, Nahrung zu kaufen, geschweige denn einen Notvorrat anzulegen. Sie verkaufen ihren Ernteüberschuss normalerweise auf dem Markt, der jetzt vielleicht geschlossen ist. Und vergessen wir nicht, ihre Grundnahrungsmittel wie Hirse werden derzeit von Abermilliarden Heuschrecken weggefressen. In der Stadt leben die Menschen eng zusammen und können nicht Distanz halten. Der Zusammenbruch der Wirtschaft trifft Tagelöhner und Strassenverkäuferinnen, die normalerweise abends aus den Tageseinnahmen das Essen für die Familie kaufen. Kinder können nicht mehr zur Schule gehen, was ihre Perspektiven verschlechtert, denn Homeschooling gibt es nicht. Das sind nur einige Aspekte. Das Leid durch Corona kommt für sie zur bestehenden Not hinzu.

Was kann Helvetas jetzt in einer solchen Situation tun?

Wir befinden uns in einer Notsituation. Deshalb leisten wir Nothilfe, um die Gesundheit der Menschen zu schützen. In vielen laufenden Projekten haben wir die Gesundheitsprävention und Hygieneschulungen intensiviert. Wir unterstützen die Einrichtung von Handwaschstationen bei Märkten und Schulen: Wie in der Schweiz geht es um richtiges Händewaschen und, wo möglich, ums Abstandhalten. Wir verteilen auch Hygiene-Kits, etwa im Rohingya- Flüchtlingslager in Bangladesch.

Können denn Helvetas-Mitarbeitende überhaupt noch in die Projektgebiete reisen?

Das hängt von den Massnahmen ab, die die Regierungen verhängen. Wir haben Reisen vielerorts eingeschränkt, um Mitarbeitende und die Menschen in den Dörfern vor Ansteckung zu schützen. Unser starkes Netzwerk von langjährigen lokalen Partnerorganisationen erweist sich jetzt einmal mehr als äusserst wertvoll. Sie setzen die Massnahmen in ihrer Region um: Wir stärken Bauernverbände, Frauengruppen, Jugendorganisationen, die die wichtigen Verhaltensregeln verbreiten. Wir geben ihnen Instrumente in die Hand, ermöglichen ihnen, Plakate, Seife und Desinfektionsmittel zu verteilen. Vielerorts sind auch lokale Behörden unsere Partner. Wir unterstützen sie, Wege zu entwickeln, wie sie ihre Bürgerinnen und Bürger schützen können. In Benin und in anderen Ländern arbeiten wir mit Gemeinschaftsradios zusammen, um Menschen über Schutzmassnahmen aufzuklären. In Burkina Faso nutzen wir dafür Handys und SMS-Dienste. 

«Unser starkes Netzwerk von lokalen Partnerorganisationen erweist sich jetzt als äusserst wertvoll.»

Annette Kolff, Ko-Leiterin Internationale Programme bei Helvetas

Die Bevölkerung in Entwicklungsländern ist oft jung. Ist Corona deshalb dort weniger gefährlich? 

In Entwicklungsländern sind Gesundheitszustand und Konstitution ausschlaggebend für das Risiko und nicht nur das Alter. Mangelernährte Menschen sind stark gefährdet, und viele sind durch andere Krankheiten, Infektionen oder Durchfallerkrankungen geschwächt. Oft wissen sie gar nicht, ob sie Vorerkrankungen wie zum Beispiel Diabetes haben. Das erhöht ihr Risiko.

Trifft die Krise Frauen und Männer unterschiedlich? 

Ich befürchte, Frauen sind aus sozialen Gründen gefährdeter als Männer. Sie sind es, die Alte oder Kranke pflegen, sie kümmern sich um die Kinder, und wo Migranten, vielleicht infiziert, heimkehren, kümmern sich die Frauen auch um ihre Mahlzeiten. Es sind zudem meist die Frauen, die zum Brunnen gehen oder zum Markt fahren, um die Ernte zu verkaufen; sie sind dadurch stärker exponiert. Auch sind Frauen öfter unterernährt oder leiden an Blutarmut. Alles Risikofaktoren.

Drohen auch Hungerkrisen? Und sind Menschen in der Stadt oder auf dem Land da stärker gefährdet?

Tendenziell hat die Stadtbevölkerung vielleicht mehr Mühe, zu Nahrungsmitteln zu kommen, als die Landbevölkerung. Aber auch auf dem Land leben Landlose, die von Märkten abhängig sind. Zudem suchen jetzt viele Migrantinnen und Migranten und Wanderarbeiter Zuflucht in ihren Dörfern. Ihr Einkommen fehlt nun, und mehr Menschen müssen von den oft bereits sehr bescheidenen Vorräten leben. Der Druck auf die Landbevölkerung steigt. Ja, wir befürchten, dass der Hunger zunehmen wird. Mit dem Coronavirus zusammen wäre das ein tödliche Kombination. 

Eine grosse Sorge ist, dass autoritäre Regierungen unter dem Vorwand der Krisenbewältigung jetzt Macht an sich reissen – wie in Ungarn geschehen. Wie sieht es ausserhalb Europas aus? 

Ja, Regierungen schränken Bürgerrechte ein, verhängen Ausgangssperren und Verkaufsverbote, schliessen Landesgrenzen. Entscheidend ist, auf welcher Grundlage das passiert, und ob Massnahmen klar befristet sind. In diversen Ländern wurden auch Wahlen verschoben. Es gibt Länder, etwa Haiti, wo das ins Chaos führen kann. Aufgrund der Entwicklungen in Ungarn beobachten wir derzeit zudem sehr genau, was in anderen osteuropäischen Ländern passiert. Gleichzeitig besteht auch die Gefahr, dass gewisse Gruppierungen in fragilen Ländern die Kontrolle übernehmen könnten, ohne dafür legitimiert zu sein. Wir müssen uns auf viele Eventualitäten einstellen. 

Ihre Schilderungen machen irgendwie ratlos. Was kann denn getan werden, um das Schlimmste abzuwenden? 

Zuallererst können wir solidarisch sein und mit Spenden diesen Menschen in der ersten Not helfen. Helvetas leistet jetzt Soforthilfe. Wir denken auch bereits darüber nach, was die Menschen brauchen, wenn die erste grosse Welle vorbei ist. Damit sie etwa wirtschaftlich wieder Fuss fassen können. 1,5 Milliarden Kinder können zurzeit nicht zur Schule gehen. Wir müssen alles dafür tun, damit sie nicht abgehängt werden. Mit Berufsbildung schaffen wir Perspektiven für junge Menschen, damit sie bei der nächsten Krise nicht wieder als Tagelöhner vor dem Nichts stehen. Bei beidem, Schule und Berufsbildung, können digitale Angebote eine gute Strategie sein; die Pandemie beschleunigt die digitale Transformation ungemein. Wir prüfen bereits Möglichkeiten in Burkina Faso, Myanmar und Tansania. Es geht darum, neue Möglichkeiten zu eröffnen, aber auch neue Märkte für Handwerkerinnen und Bauern zu entwickeln, damit sie schnell wieder ein Einkommen haben. Wir unterstützen lokale Behörden, damit sie die Grundversorgung verbessern. Es geht darum, zusammen mit den Betroffenen Lösungen zu finden, vielleicht sogar bessere als früher. Dafür sind die Menschen aber auf globale Solidarität angewiesen. 


Annette Kolff ist Mitglied der Geschäftsleitung von Helvetas und ist seit 2011 Ko-Leiterin der Abteilung für Internationale Programme. Sie  ist Agronomin spezialisiert auf tropische Landwirtschaft und das Management natürlicher Ressourcen. Sie verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit  in Asien und Afrika.