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Schaffen wir es, den Naturschatz Amazonas zu retten?

Die UN-Klimakonferenz muss den Amazonien-Fonds stärken
VON: Patrik Berlinger - 28. August 2025
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Ohne gemeinsame Anstrengungen im Klimaschutz und für den Erhalt zentraler Ökosysteme läuft die Welt Gefahr, einen lebensnotwendigen Naturschatz zu verlieren – den Amazonas. Im eigenen Interesse müssen die Länder am Klimagipfel im brasilianischen Belém liefern: Die Amazonasländer selbst, aber auch Staaten wie die Schweiz.

Im November findet die nächste UN-Klimakonferenz statt; dieses Jahr in Brasilien, genauer gesagt in Belém. Die Stadt befindet sich im riesigen Amazonasgebiet. Im Regenwald von weltweiter Bedeutung sind seit 1985 mehr als 50 Millionen Hektar Natur verlorengegangen – eine Fläche grösser als Spanien. Alle wichtigen brasilianischen Ökosysteme zusammengenommen, ging sogar eine Fläche so gross wie Deutschland und Frankreich zusammen verloren.

Beim Blick auf die vergangenen fünfhundert Jahre zeigt sich, dass in Brasilien beinahe die Hälfte der heute für Landwirtschaft und Bergbau, Städte und Infrastruktur genutzten Fläche in den letzten vier Jahrzehnten (von 1985 bis 2024) umgewandelt wurde. Am meisten Wald ging zwischen 1995 und 2004 verloren. Und danach erneut in den zehn Jahren bis heute – durch Feuer, gezielte landwirtschaftliche Expansion und klimabedingte Degradation.

Im Cerrado, Brasiliens Feuchtsavannen im Südosten, wurden in den vier vergangenen Jahrzehnten rund 40 Millionen Hektar Vegetation abgeholzt – ein Rückgang um beinahe ein Drittel. Im Pantanal, dem grössten Süsswasser-Feuchtgebiet der Welt, haben sich die Überschwemmungszyklen mit jedem Jahrzehnt verringert. 2024 war für die Region das trockenste Jahr der letzten 40 Jahre, was verheerende Waldbrände begünstigte.

Dass Teile des Amazonas in Flammen aufgehen, ist trauriger Alltag. Meistens werden die Feuer gelegt, vorsätzlich, von Viehzüchtern oder Bauern. So hat sich Brasilien in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Agrargrossmacht entwickelt. Nirgendwo auf der Welt wächst heute mehr Soja, und längst gibt es mehr Rinder im Land als Menschen: Brasilien ist der weltgrösste Rindfleisch-Exporteur.

Ein ehrgeiziges Ziel bis 2030

Ab 2003 begann die damals linksgerichtete Regierung unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und später unter dessen Nachfolgerin Dilma Rousseff, den Kahlschlag zu bekämpfen. Die Abholzung ging zurück, bis 2019 die Abholzung unter Jair Bolsonaro wieder sehr stark anstieg. Die mächtige Agrarlobby hatte den rechtsextremen Politiker mit an die Macht gebracht. Kaum im Amt, bedankte er sich bei ihr, indem er Umweltgesetze aushöhlte, die Mittel für den Waldschutz zusammenstrich und Fachleute entliess.

2022 gewann abermals eine linke Regierung. Noch vor seinem Amtsantritt versprach der erneute Staatschef Lula da Silva eine Kehrtwende in der Umweltpolitik: «Null Abholzung bis 2030». Die abgeschafften Behörden wurden wieder eingesetzt und neue Schutzprojekte gestartet. Die Abholzung sank und die Welt atmete auf – wortwörtlich: Der Amazonas, entscheidend für die Bekämpfung der globalen Erderhitzung, schien gerettet.

Rasch trat allerdings Ernüchterung ein. Denn 2024 schienen die Feuer zu eskalieren. Eine Rekorddürre führte dazu, dass sich sonst mächtige Flüsse im Amazonas-Regenwald in traurige Rinnsale verwandelten oder ganz austrockneten. Auch die Cerrado-Savanne im Südosten Brasiliens stand erneut in Flammen, ebenso wie das riesige Feuchtgebiet Pantanal im Süden des Landes. Nicht besser schaut es aus für dieses Jahr.

Klimaschonende Lösungen stehen bereit

Bereits heute verursachen Teile des Amazonasgebiets wegen Abholzung und Bränden mehr CO2 als sie aufnehmen – ein gefährlicher Wendepunkt: Expert:innen warnen, dass grosse Teile des Amazonasgebiets zur Savanne werden könnten, wenn die Abholzung 20 bis 25 Prozent der Gesamtfläche überschreitet. Schätzungen zufolge sind bereits um die 17 Prozent verloren gegangen.

Die Lage ist ernst. Aber sie ist noch nicht hoffnungslos, denn Lösungen stehen bereit: Global gesehen bleibt natürlich ein griffiger und ambitionierter Klimaschutz inklusive nachhaltiger und verantwortungsvoller Investitionen in eine klimaschonende Wirtschaft zentral. Dazu gehört auch, dass in internationalen Lieferketten Wälder besser geschützt werden. Für die Situation vor Ort bieten Agroforstwirtschaft und regenerative Landwirtschaft Alternativen zu zerstörerischen Landnutzungspraktiken. Dabei müssen Eigentumsrechte und Verwaltungsbefugnisse auch an indigene Völker und lokale Gemeinschaften übertragen werden, da dies nachweislich zu einer deutlichen Verringerung der Abholzung führt.

Den Amazonien-Fonds unterstützen

Da der langsame Zusammenbruch des Amazonas jedoch nicht nur eine lokale Krise, sondern vielmehr ein globaler Notfall ist, benötigen Brasilien und die anderen Amazonasländer wie Kolumbien und Bolivien für Schutzmassnahmen und Wiederaufforstung internationale Unterstützung. Dafür bietet die anstehende Klimakonferenz COP30 die Chance, dass sich die Länder gemeinsam mit Brasilien verpflichten, der Abholzung im Amazonasgebiet bis 2030 ein Ende zu bereiten.

Um die überlebenswichtigen Ökosysteme zu bewahren und wiederherzustellen, braucht es mehr und gezielte Finanzmittel, die in den 2008 gegründeten Amazonien-Fonds fliessen. Mit diesem Geld müssen die biologische Vielfalt erhalten sowie die Rechte und Lebensgrundlagen der indigenen Völker geschützt und deren Ernährungssituation verbessert werden.

Die wichtigsten Unterstützer des Finanzierungs- und Kooperationsinstruments sind bislang Norwegen, Deutschland und das Vereinigte Königreich. Seit 2023 sind neue Geberländer wie die Schweiz dazu gestossen. Kritiker:innen monieren jedoch, dass der Schweizer Beitrag im Vergleich zu der Dringlichkeit der Situation sehr bescheiden ausfällt.

«Urwald-Diplomatie» vorantreiben

Der Amazonien-Fonds ist ein wichtiges Element zum Ziel von Brasiliens Präsident Lula da Silva, die Abholzung bis 2030 zu stoppen. Ein weiteres Element ist die «Urwald-Diplomatie»: Bereits 2023 lud der Präsident die acht Anrainerstaaten in Belém zu einer gemeinsamen Konferenz zum Schutz des Amazonas ein. Am Ende unterzeichneten die Teilnehmenden eine Abschlusserklärung, in der unter anderem die Gründung einer Amazonas-Allianz zur Bekämpfung der Abholzung, ein gemeinsames Kontrollsystem gegen die illegale Forstwirtschaft und das organisierte Verbrechen sowie eine bessere Zusammenarbeit im Bereich der Wissenschaft, Finanzen und Menschenrechte vereinbart wurde.

Wir alle müssen uns bewusst sein: Der Amazonas-Regenwald ist nicht nur eine ferne Wildnis – er ist ein (über)lebenswichtiges Ökosystem, das das Leben auf der Erde sichert. Bricht es zusammen, verlieren wir mehr als einfach Bäume. Die Folge: Das Klima verändert sich noch schneller und unsere gemeinsame Zukunft würde akut gefährdet. Es liegt also im ureigenen Interesse aller Länder, am Klimagipfel in Brasilien zu liefern, statt zu lamentieren, auf andere zu zeigen oder zu ignorieren.

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