Kakao kann mehr als Schokolade

Becher aus Kakaoschalen, Paletten aus Pflanzenabfällen: In Vietnam zeigt ein Helvetas-Projekt, wie aus Resten neue Produkte entstehen – und wie Bäuerinnen und Bauern davon profitieren.
22. Juni 2026

Bilder und Text: Patrick Rohr

«Eigentlich ist es ganz einfach», sagt Hoang Nguyen: «Am Schluss geht es darum, dass nichts, was die Natur hergibt, Abfall ist. Alles hat einen Wert.»

Der Kakaobauer strahlt. Meine Bitte, in einem Satz zusammenzufassen, was «Kreislaufwirtschaft» für ihn bedeutet, habe ihn ziemlich gefordert, sagt er. Dabei sei es eigentlich naheliegend: «Schon unsere Ahnen haben mit diesem Verständnis Landwirtschaft betrieben.»

Wir stehen auf Hoangs kleiner Kakaofarm in einem Vorort von Ho Chi Minh City, dem früheren Saigon. Heute sind zehn Angestellte der vietnamesischen Schokoladenfirma Marou zu Besuch: technische Berater, Nachhaltigkeitsexperten, eine Lieferkettenmanagerin, Marketingfachleute.

Von Hoang lernen sie, worauf es bei der Pflege der Kakaopflanzen ankommt. Und sie sehen, wie sich fast alles, was eine Kakaopflanze hergibt, verwerten lässt – nicht nur die Bohnen.

Wissen, das weiterwandert

Was die Marou-Angestellten heute lernen, geben sie später an über 500 Bäuerinnen und Bauern weiter, die für Marou Kakao produzieren. «Wir verbringen etwa die Hälfte unserer Arbeitszeit bei unseren Produzenten im Feld», sagt Nhat Ha Quang, technischer Berater für Kakao bei Marou. «Die Arbeit mit den Bauern ist für uns sehr wichtig. Schliesslich liefern sie unser wichtigstes Produkt: den Kakao.»

Tuan Nguyen nickt. Er ist bei Helvetas Vietnam für das Projekt Kreislaufwirtschaft zuständig. «Das ist genau unser Ansatz», sagt er. «Wir bilden gezielt einzelne Bäuerinnen und Bauern aus. Sie geben ihr Wissen später an andere Bauernfamilien weiter – oder an Angestellte von Partnerfirmen wie Marou, die ihre eigenen Lieferanten betreuen.» So erreicht Helvetas heute bereits 3100 Kakaobauern in verschiedenen Regionen. Ziel sind mindestens 3500. Gleichzeitig sollen die Produzentinnen besser mit den Abnehmern ihrer Produkte vernetzt werden.

Der Schlüssel dazu sind Bauern wie Hoang. Menschen, die bereit sind, ihr Wissen zu teilen – und andere zu überzeugen. Das ist allerdings nicht immer einfach, denn auf den ersten Blick bringt den Bäuerinnen die Verwertung des pflanzlichen Abfalls vor allem zusätzliche Arbeit. Doch mit der Zeit merken sie, dass sie davon profitieren.

Inzwischen hat uns Hoang in einen geräumigen Stall geführt. Hier hält er 80 Ziegen, deren Fleisch er verkauft. Gefüttert werden die Tiere mit Schalen der Kakaofrüchte.

«In der Schale der Kakaofrucht gibt es viele Nährstoffe. Sie wegzuwerfen, wäre reine Verschwendung.»
Hoang Nguyen, Kakaobauer

Damit Hoang das Futter länger aufbewahren kann, fermentiert er die Schalen und vermischt sie mit Blättern der Kakaopflanzen. Einen Eimer dieser Mischung hat er jetzt geschultert. Hoang geht zu den Ziegen und verteilt das Futter. «Wisst ihr, was das Schöne ist?», fragt er in die Runde. «Die Ziegen bringen mir nicht nur ein gutes Zusatzeinkommen, sie tragen auch selbst wieder zum Kreislauf bei.»

Neuer Nährboden für den Kakao

Dann bittet Hoang die Gruppe vom Stall nach draussen, wo er an einem schattigen Ort verschiedene Komposthaufen angelegt hat. «Richtig gemacht, leistet Kompost einen grossen Beitrag zu einer gesunden Pflanzennahrung», erklärt Hoang den jungen Kakao-Experten. «Ein zentrales Element ist dabei der Dung der Ziegen.»

Der Bauer packt eine grosse Schaufel und schüttet den Ziegenmist auf einen Haufen, auf dem bereits getrocknetes Gras, Blätter der Kakaobäume und Fruchtschalen liegen. Und Pflanzenkohle. «Die Kohle bringt Sauerstoff in den Boden und ist ein guter Speicher für Nährstoffe», sagt Hoang.

Die Pflanzenkohle produziert Hoang in einem speziellen Pyrolyse-Ofen, den er von Helvetas bekommen hat. Bei der Pyrolyse werden organische Stoffe unter grosser Hitze und mit wenig Sauerstoff in Gase, Flüssigkeiten und Feststoffe aufgespalten. Zurück bleibt unter anderem Kohle.

«Dieses Verfahren kannten schon unsere Vorfahren», sagt Helvetas-Projektleiter Tuan. «Statt eines Ofens nutzten sie eine einfache Grube im Boden.»

Heute erhitzt ein Feuer in einem grossen Blechzylinder die pflanzlichen Abfälle, die Hoang in kleineren, langen Aluminiumrohren in den Ofen stellt: Schalen von Kakaofrüchten, von Kokos- und Macadamianüssen.

Nach 36 Stunden sind Feuchtigkeit und Gase aus den Pflanzenresten entwichen. Übrig bleibt Kohle. Diese Kohle ist für nährstoffreiche Böden wertvoll. Doch sie kann noch mehr: Aus Pflanzenkohle lässt sich auch Bioplastik herstellen.

Der nächste Schritt im Kreislauf

Wie das funktioniert, zeigt sich etwa eine Fahrstunde von Hoangs Farm entfernt, im Industrieviertel von Long An. Hier, in der Fabrik Diamond Color, wird Pflanzenkohle wie die von Hoang mit Biopolymeren gemischt – also mit abbaubaren Kunststofffasern. So entsteht wiederverwertbares und abbaubares Plastik. 

Als ich durch die grosse Produktionshalle von Diamond Color laufe, sehe ich, wie ein Arbeiter gerade einen grossen Sack Pflanzenkohle in einen Behälter schüttet, aus dem kurz darauf lange, dicke schwarze Fäden kommen: Plastik aus Pflanzenkohle. Weil die Fäden sehr heiss sind, laufen sie direkt in ein mehrere Meter langes Wasserbad, wo sie abgekühlt werden. 

Am anderen Ende der Maschine landen sie in einem Häcksler, der sie zu feinem Granulat zerkleinert. Aus diesem kann – einmal geschmolzen – jedes gewünschte Plastikprodukt gepresst werden.

Zum Beispiel im Tri-Dung-Workshop von Thang Mai Danh, unweit der Plastikfabrik. Thang war lange Leiter einer südkoreanischen Plastikproduktionsfirma, bevor er 2008 seine eigene kleine Fabrik aufbaute. Sechs Leute arbeiten pro Schicht in seinem Betrieb. 

Auf drei der vier Maschinen werden Produkte aus herkömmlichem Plastik gefertigt. Nur auf der hintersten Maschine in der Produktionshalle entstehen Bioplastik-Produkte.

«Bioplastik ist zäher als normales Plastik», erklärt Thang. «Deshalb ist die Produktionsmenge nicht vergleichbar mit jener von Produkten aus normalem Plastik.» In diesem Moment springt Ha Lai Thi auf. Sie arbeitet seit acht Jahren bei Thang und bedient heute die Bioplastik-Maschine. Ha öffnet eine Klappe und befreit mit einer Zange das Gusselement von verklebtem Plastik. 

«Bioplastik verklebt viel schneller als herkömmliches», sagt Ha. Nach ein paar Minuten hat sie es geschafft. Sie giesst noch ein paar Tropfen Öl ins Getriebe, dann rollen aus der Maschine wieder Deckel für die Bioplastikbecher. Produzieren lässt sie die Firma AirX Carbon. 2000 Stück schafft die Maschine am Tag.

Ha ist gerade mit dem letzten Arbeitsschritt beschäftigt: Mit einem kleinen Bunsenbrenner erwärmt sie die Deckel, drückt Gummiringe zur Abdichtung hinein und stellt die fertigen Becher für den Versand bereit.

Ein Start-up setzt auf Abfälle

Das Bioplastik-Geschirr ist nur eine der Produktlinien von AirX Carbon. Am Hauptsitz des Start-ups in Ho Chi Minh City arbeiten 20 Angestellte auf engem Raum: Ingenieure, Produktdesignerinnen, Marketingfachleute.

Gegründet wurde AirX Carbon 2019. «Es war ein schwieriger Start», sagt Anh Duong Tiet, einer der beiden Gründer und heute Co-CEO. «Kurz nach der Gründung brach die Covid-Pandemie aus, und wir hatten grösste Mühe, unsere Produkte unter die Leute zu bringen.» Dafür blieb Zeit, an den Produkten zu tüfteln. «Im Nachhinein war das gut», sagt Anh. «So konnten wir nach der Pandemie richtig durchstarten.»

Der Bestseller von AirX Carbon sind heute ihre Bio-Paletten auslandwirtschaftlichen Abfällen hergestellt wird. 

«Das haben wir einem Kunden aus Japan zu verdanken», sagt Thanh Le, der zweite Gründer und CEO von AirX Carbon. Anh und Thanh lernten sich an der Universität kennen, wo beide Biomaterialtechnik studierten. «In Japan war bekannt, dass Vietnam noch immer stark landwirtschaftlich geprägt ist und es hier grosse Mengen Bioabfall gibt, die günstig zur Verfügung stehen», sagt Thanh. 

«Sie fragten uns deshalb, ob wir nicht Paletten aus landwirtschaftlichen Abfällen produzieren könnten.» Anh und Thanh hatten zum Glück bereits an der Universität dazu geforscht: nicht nur mit Pflanzenkohle, sondern auch mit getrockneten pflanzlichen Abfällen wie Kokos- oder Kakaoschalen, die mit natürlichen Bindemitteln gemischt werden.

2022 startete die Produktion. Am Anfang waren die Paletten noch zu schwer und hatten technische Mängel, doch mittlerweile erfüllen sie die Anforderung der Logistikbranche und können auch preislich mit herkömmlichen Holz- und Kunststoffpaletten konkurrieren.

Grosskonzerne wie Coca-Cola verschiffen heute bereits ihre Produkte auf den biologisch abbaubaren Paletten von AirX Carbon. «Auch Google, das seine Mobiltelefone hier in Vietnam herstellt», sagt Gründer Anh. Die Paletten aus Pflanzenabfällen sind viel leichter als herkömmliche Paletten, unschädlich abbaubar – und es braucht für ihre Herstellung keine neuen Rohstoffe. Über die Hälfte der Produkte von AirX Carbon geht bereits nach Übersee, den Rest setzt das Unternehmen in Asien ab.

Schokoladepapier aus Kakaoabfällen

Auch der Schokoladehersteller Marou sucht nach Wegen, mehr aus der Kakaopflanze zu machen. Die Produktionsstätte liegt ganz in der Nähe von Bauer Hoangs Farm, der dem Unternehmen seine fermentierten und getrockneten Kakaobohnen liefert. Je nach Saison arbeiten hier zwischen 80 und 100 Leute.

Marou wurde 2011 von zwei französischen Auswanderern gegründet. Ihr Ziel: exzellente Schokolade produzieren – und direkt und ausschliesslich mit vietnamesischen Kakaobäuerinnen und -bauern zusammenarbeiten, denen sie gute Preise für ihre Produkte zahlen. Einzige Bedingung: Die Bauernfamilien produzieren nachhaltigen Kakao und leisten so einen Beitrag an Umwelt und Biodiversität.

Das Konzept ging auf: Heute exportiert Marou seine Schokolade in verschiedene europäische Länder, darunter Frankreich, Belgien, Schweden und Deutschland. Aber auch in Saudi-Arabien und in asiatischen Ländern wie Japan, Südkorea und Singapur sind die Marou-Produkte beliebt.

Pro Jahr verschifft die Firma zehn Container Schokolade ins Ausland, das entspricht etwa sieben Millionen Schokoladetafeln. In Vietnam werden die Marou-Produkte in den grossen Städten in schicken Flagship-Stores mit dem Namen «Maison Marou» verkauft.

Für eine Sonder-Schokolade, die zum Earth Day 2024 auf den Markt kam, verwendete Marou erstmals Schokolade-Papier, das vollständig aus Abfällen der Kakao-Pflanzen entwickelt wurde. Dafür erhielt die Firma 2025 in Paris einen internationalen Design-Award. 

«Die Idee war gut, aber das Resultat noch nicht perfekt», sagt Lien Dinh Thi Ngoc, die bei Marou für den Einkauf verantwortlich ist. «Wir möchten weiter daran arbeiten, auch wenn es ziemlich aufwendig ist. Denn unser Ziel ist es, von den Kakaopflanzen nicht nur die Bohnen, sondern die ganzen Pflanzen verwerten zu können.» 

Oder, um es mit den Worten von Bauer Hoang zu sagen: Nichts, was die Natur hergibt, ist Abfall. Alles hat einen Wert.

Patrick Rohr
Fotojournalist Patrick Rohr ist regelmässig für Helvetas unterwegs. Mit Kamera und Notizbuch erzählt er von Projekten in Asien, Afrika und Osteuropa.