Wie junge Menschen eine Stadt verändern

In Singida in Tansania verschärft der Klimawandel Trockenheit und Hitze. Junge Menschen wie Victor, Khadija und Tobias setzen sich mit Helvetas dafür ein, ihre Stadt lebenswerter zu machen.
28. September 2026

Das Wichtigste in Kürze

  1. In Singida in Tansania unterstützt Helvetas junge Menschen dabei, politisch mitzubestimmen.
  2. In Trainings lernen sie ihre Rechte und Möglichkeiten zur Mitsprache kennen.
  3. Helvetas hat in 18 Bezirken Komitees für soziale Verantwortung reaktiviert.
  4. Junge Menschen engagieren sich für öffentliche Räume, Abfallentsorgung, Gemeinschaftsgärten und Grünflächen.
  5. Ziel ist eine inklusive und klimaresiliente Stadtentwicklung mit mehr Mitsprache für benachteiligte Gruppen.

Text: Rebecca Vermot, Bilder: Yusuf Msafiri

Wenn der Wind durch Singida weht, und das tut er oft, liegt die Stadt im Zentrum Tansanias unter einer Staubglocke. Trockenheit und Hitze setzen ihr zu. Doch weder die Bevölkerung noch die Stadtregierung schauen tatenlos zu. Menschen wie Victor Mbura, Khadija Swahele und Tobias Arbogast wollen ihre Stadt verändern.

Tobias macht brachliegende Grundstücke ausfindig. «Oft haben junge Menschen nichts zu tun. Ich möchte, dass sie Gemeinschaftsgärten betreiben», erzählt der 32-Jährige.

Khadija packt schon einmal selbst zu Schaufel und Besen, um einen dreckigen Markt zu putzen. «Früher häufte sich der Abfall über Monate an, heute wird er einmal pro Woche von der Stadt weggeräumt», erzählt die 26-Jährige stolz. 

Und Victor kämpft dafür, dass Kinder und Jugendliche in seinem Quartier einen Platz zum Spielen behalten. Wenn der 33-Jährige erzählt, widmet er sich seinem Gegenüber, als ob es niemand Wichtigeren gäbe auf der Welt.  

«Ich will die Stimme der Ungehörten sein.»
Victor Mbura, Aktivist aus Singida

Victor, Khadija und Tobias rütteln als junge Menschen an gesellschaftlichen Normen und wollen ihre Stadt verändern. Eigentlich sieht der Entwicklungsplan Singidas vor, dass die Verantwortlichen Anliegen der Bevölkerung aufnehmen und umsetzen. Doch in der Praxis funktioniert das nicht immer. Helvetas unterstützt deshalb Behörden und Entscheidungsträger:innen, entsprechende Strukturen einzurichten. Das Ziel: eine lebenswerte, inklusive und klimaresiliente Stadt. 

Auch in diesem Helvetas-Projekt fügen sich verschiedene Interventionen wie Mosaiksteine zu einem Ganzen zusammen: Stadtplanung, Abfallmanagement, saubere Energie, starke Dienstleistungen und Bürgerbeteiligung. Besonders Frauen, Menschen mit Behinderungen und junge Menschen sollen stärker mitreden können – denn ihre Anliegen werden bis heute oft überhört.
 

Die Älteren haben das Sagen

«Hier in Tansania sehen die Älteren die Jungen oft als nutzlos an. Sie hören ihnen nicht zu, ignorieren sie sogar», erklärt Amaniel Qawoga. Grossgewachsen, einnehmend und eloquent spricht der 31-Jährige rasch und direkt den Generationenkonflikt an, der auch seine Gesellschaft prägt. Der Beginn seiner Amtszeitals Leiter des Misuna Bezirks der Stadt Singida war von genau dieser Überheblichkeit geprägt, denn auch er gilt noch als jung. Allen Widerständen zum Trotz setzt er sich für die Anliegen von Jugendlichen ein.  

Zum Beispiel für das Spielfeld, für das Victor sich engagiert. «Ich bin hier im Misuna Bezirk aufgewachsen und habe als Kind hier gespielt", erzählt Victor. Damals habe es weder das Haus gegeben, das heute in den Platz hineinragt, noch die Strasse, die quer übers Fussballfeld führt. Und als die Kirche auf der gegenüberliegenden Seite ihren Hof immer weiter aufs Spielfeld ausweitete, da war das Spielfeld plötzlich nur noch halb so gross.  

Bald verbot die Kirche den Jugendlichen, auf dem Platz zu spielen und konfiszierte die Bälle, die über den Zaun flogen. Die Kirchenleute versetzten den Zaun weiter und weiter ins Spielfeld hinein und verdrängten die spielenden Kinder. «Sie nahmen sich einfach das Land», empört sich Victor noch heute. 

Landkonflikte sind in Tansania verbreitet. Besonders in Städten wie Singida, die schnell und stark wachsen, ist eine solide Stadtplanung deshalb entscheidend. Victor und seine Freunde wandten sich an die Quartierverantwortlichen. «Am Anfang war es furchteinflössend. Die Erwachsenen sahen mich als Unruhestifter. Sie akzeptierten nicht, dass ich das System hinterfragte.» 

Victor wurde sogar in seinem Zuhause bedroht, wo er mit seiner Familie lebt. Den Eltern, die ihre Kinder in seine Tagesstätte schickten, wurde gesagt, er habe schlechten Einfluss auf die Kleinen. Victor und seine Frau mussten den Hort vorübergehend schliessen.
 

Wissen verändert

Im Rahmen des Projekts bietet Helvetas jungen Menschen Trainings an, in denen sie ihre Rechte kennenlernen und erfahren, wie sie sich politisch einbringen können. Auch Victor nahm teil. «Wir realisierten, dass wir verantwortungsvolle Bürger sein müssen, um glaubwürdig zu sein und akzeptiert zu werden», sagt er. «Gleichzeitig haben wir gelernt, dass es auch an uns ist, unsere Stimme zu erheben.» Er und seine Freunde verfassten einen Brief an Bezirksleiter Amaniel Qawoga.  

Amaniel ging auf die Kirchenvertreter zu. Auch er musste sich anhören, er sei noch jung und habe keine Ahnung. Doch Amaniel blieb dran. Das Helvetas-Team organisierte schliesslich auf dem Spielfeld ein Fest mit Musik und Sport, bei dem – scheinbar nebenbei – die Bevölkerung und vor allem die jungen Menschen darüber informiert wurden, welche Mitspracherechte sie haben. Mitgefeiert hat auch die Bürgermeisterin von Singida, die noch vor Ort der Kirche klar machte, dass sie ihre offizielle Grundstückgrenze einhalten und den Zaun zurückversetzen müsse.

Victor wurde später in ein Komitee für soziale Verantwortung gewählt. Es dient als Brücke zwischen Bevölkerung und politisch Verantwortlichen. Jeder Bezirk sollte ein solches haben; in Singida hat Helvetas solche Komitees in 18 Bezirken wieder aktiviert. Die Bevölkerung kann dort Anliegen einbringen – etwa der Wunsch nach einer neuen Strasse, einem Gesundheitszentrum, zusätzlichen Schulräumen oder einer bessere Wasserversorgung. Das Komitee klärt mit den Verantwortlichen, was machbar ist und wie es finanziert und umgesetzt werden kann. «Es fühlt sich gut an, für etwas einzustehen, das der Gemeinschaft wichtig ist», sagt Victor.  
 

Jetzt reden die Jungen mit

Auch Khadija ist Mitglied in einem dieser Komitees und engagierte sich schnell mit Haut und Haar in ihrem Bezirk. Dort gab es viele Anliegen: eine neuen Toilette für die Schule, einen neuen Zaun – und vor allem eine Lösung für den abfallübersäten, übelriechenden Markt. Khadija forderte die politisch Verantwortlichen auf, die hygienischen Missstände zu beheben und den Abfall regelmässig zu entsorgen. Um Entschlossenheit zu demonstrieren, organisierte das Komitee mithilfe von Helvetas eine erste Aufräumaktion.  

Inzwischen ist Khadija Vize-Präsidentin des Jugendforums, das zwischen Stadt und der jungen Bevölkerung vermittelt. 100 junge Menschen engagieren sich darin. Die junge, selbstbewusste Frau, die mit ihrer Mutter ein Restaurant führt, will noch mehr Verantwortung übernehmen – vor allem, um die Schulbildung zu verbessern. «Kinder müssen früh lernen, Chancen zu erkennen, damit sie sie packen können», sagt sie.  
 

Wo Staub zu Garten wird

Manchmal erhalten die jungen Menschen Sigidas Unterstützung von überraschender Seite. Juma Nkumbi beobachtete, wie sie mit ihren Anliegen immer wieder auf Widerstand stiessen. «Ich sah, dass sie Ideen, eine Vision für unsere Gemeinschaft hatten. Ich wollte sie dabei unterstützen, diese zu verwirklichen.» Dafür, so war er überzeugt, brauchte er ein politisches Amt. Der 52-Jährige kandidierte als Quartierchef – und wurde gewählt. «Jetzt kann ich den gewünschten Gemeinschaftsgarten in die Wege leiten.»  

Heute begehen Tobias und er das dafür vorgesehene Terrain. Es ist bereits der fünfte Garten, für den sich Tobias einsetzt. Bei seinem ersten erhielt er Unterstützung von einem anderen Helvetas-Projekt. Dort lernte er klimaangepassten Gartenbau kennen und erfuhr, wie Spargruppen funktionieren. Überzeugt und motiviert gründete Tobias eine eigene Spargruppe. Die Mitglieder sparen gemeinsam Geld und vergeben einander Kredite nach klaren Regeln. Sie können auch gemeinsam in kleine Geschäfte investieren. Fünf Leuten ermöglicht dieser erste Garten inzwischen ein Einkommen.

Sein Wissen gibt Tobias gerne weiter. «Ich möchte jungen Menschen ein Mentor sein. Sie begleiten, ihnen Wege aufzeigen.»

Gemeinsam für saubere Strassen

Und trotzdem gibt es immer wieder Berührungspunkte zwischen Jung und Alt in Singida. Zum Beispiel an jedem letzten Samstag im Monat, wenn sich morgens um 7 Uhr eine Gruppe bei der Tankstelle an der grossen Kreuzung versammelt. Von einem Pickup dröhnt laute Musik, ein MC fordert Passant:innen auf, mitzumachen. Dann beginnt die Strassenputzaktion.

Der Abfall wird in Singida zwar einmal wöchentlich abgeholt, aber nur, wenn er in Säcken auf die Strasse gestellt wird. Vieles landet jedoch auf der Strasse. Nach rund vier Stunden ist eine Strecke von 1,5 Kilometern gesäubert; rund 300 Leute packen mit an. Alt und Jung.  Die Bürgermeisterin geht mit gutem Beispiel voran. Sie fordert Anwohner:innen zwischendurch resolut dazu auf, ihr Grundstück sauber zu halten, Abfall in Säcken zu sammeln und rauszustellen.

Die Strassenputzaktionen sind eine Initiative von Helvetas. Inzwischen organisieren Quartiere sie selbständig.«Helvetas zeigt uns, wie wichtig Mobilisierung ist», sagt die Bürgermeisterin. «Unsere Stadt sauber zu halten, sollte uns allen zur Gewohnheit werden.»  

Jede Putzaktion endet mit dem Pflanzen von Bäumen. Sie brechen den Wind, spenden Schatten und verbessern das Stadtklima. Mehr als 10'000 Bäume wurden in Singida bereits gepflanzt. Diejenigen, die die Bevölkerung aus Eigeninitiative pflanzt, nicht mitgezählt. 
 

Mit Inklusions- und Klimabrille

Die Ideen von Helvetas seien in Singida auf fruchtbaren Boden gefallen, sagt Imma Kapinga, die Projektverantwortliche. «Der Zugang zu Informationen verändert die Spielregeln: Die Menschen wissen heute, wo sie welche Dienstleistungen erhalten können und welche ihnen zustehen.» Gleichzeitig haben die Behörden mit Helvetas gelernt, Anliegen der Bürger:innen stärker aufzunehmen.  

Mehr noch: Leitung, Behörden und Verwaltung der Stadt tragen heute bei der Stadtplanung eine Art «Inklusions- und Klimabrille», um den Folgen des Klimawandels langfristig zu begegnen und ihre Stadt inklusiver und damit lebenswerter zu machen. Bei einem solchen Projekt gehe es nicht einfach um gute Regierungsführung, sagt Imma Kapinga, sondern darum, Freiräume zu schaffen. Es geht um lokal gesteuerte, selbstbestimmte Entwicklung. Singida wird dadurch nicht nur partizipativer und grüner, sondern auch gleichberechtigter.  

Vor wenigen Monaten haben Victor und seine Frau Maria ihre Kindertagesstätte wieder eröffnet. Zwar ist es noch schwierig für sie, die Fixkosten zu decken, aber sie sind zuversichtlich. «Mein Kampf für den Spielplatz war für sie», sagt er und blickt zu einer Horde Kinder, die vor der Krippe Fussball spielt.  

Die Reportage zusammengefasst: 

In vielen Gemeinden haben vor allem ältere Menschen das Sagen. Junge Menschen werden bei Entscheidungen oft wenig einbezogen.

Sie lernen ihre Rechte kennen und wie sie ihre Anliegen bei Behörden einbringen können.

Zum Beispiel öffentliche Räume, Abfallentsorgung, Grünflächen und Gemeinschaftsgärten.

Junge Menschen bringen ihre Anliegen heute stärker ein und werden von Behörden eher gehört.

Mehr Mitsprache und eine lebenswerte, inklusive und klimaresiliente Stadt.