Tanzania | © Yusuf Msafiri

Früher Bittstellerin, heute Influencerin

Vor wenigen Jahren hätte Minza Mbesi aus Tansania ihre Rolle als Geschäftsfrau und Influencerin kaum für möglich gehalten. Der Weg aus der Armut begann mit einem Esswald – und mit Helvetas.
TEXT: Rebecca Vermot - 04. März 2026
© Yusuf Msafiri

«Mädchen brauchen das nicht»

Minza Mbesi ist 42 Jahre alt. Will sie etwas sagen, erhebt sie sich. «Ich bin die Tochter der Halamba Mbesi Familie aus dem Dorf Iburi im Sakwe Bezirk im Bariadi Distrikt, Tansania. Ich habe nach der Primarschule geheiratet. Ich wäre gerne weiter zur Schule gegangen, aber mein Vater wollte das nicht. Mädchen brauchen das nicht, sagte er. Ich konnte mich nicht wehren. Das durfte ich nicht. Zwei meiner Brüder haben studiert.» 

Heute ist Minza Mbesi Geschäftsfrau, Beraterin – und Influencerin. 

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Selbstbewusst teilt Minza ihr Wissen über Esswälder, gesunde Ernährung und Geschäftsideen mit Frauen aus 23 Spargruppen. Früher blieb sie Dorftreffen fern – heute steht sie im Mittelpunkt. © Yusuf Msafiri
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Spargruppen sind Minibanken, die Frauen finanziell stärken: Sie können gemeinsam sparen, Kredite aufnehmen und sich in Notfällen solidarisch und verlässlich unterstützen.  © Yusuf Msafiri
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Hareg | © Yusuf Msafiri
Beim Treffen der Spargruppe erhält jedes Mitglied sein Sparbuch. Das Geld wird sicher in einer Metallkiste mit mehreren Schlössern aufbewahrt. © Yusuf Msafiri
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Fast jede Tansanierin ist Mitglied in einer Spar- und Kreditgruppe. Jede Einlage, jeder Kredit und jede Kredittilgung und Zinszahlung wird transparent in Sparbüchern und anonymisiert digital in einer App festgehalten. © Yusuf Msafiri
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Früher baute Minza mit ihrem Mann Masunga Baumwolle an, damit konnten sie aber die Familie nicht ernähren. Manchmal war das Saatgut so schlecht, dass sie neues kaufen mussten. Auch die Pestizide kosteten Geld.  

Dann kam Helvetas und erzählte vom Esswald. «Wir beschlossen es, zu wagen», erzählt Minza. Das Paar legte Versuchsfelder an. Bald zeigte sich, dass Sonnenblumen und Straucherbsen viel weniger Pflege brauchen und Kosten verursachen als Baumwolle. «Wir sahen, dass sich die Investition lohnen wird.» 

Frauen, die einen Esswald anlegen wollen, erhalten von Helvetas das notwendige Wissen und erstes Saatgut. So auch Minza. 

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Esswälder sind Felder, in denen Gemüse, Getreide, Sträucher, Obst- und Nutzbäume gemischt angepflanzt werden, um sich gegenseitig Schatten zu geben und zu nähren. Das federt Folgen des Klimawandels ab. Minzas Esswald ist 3 Jahre alt und braucht nach der Baumwoll-Monokultur einige Jahre, um sich voll zu entfalten. © Yusuf Msafiri
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Die Waldgärten ernähren Familien vor allem auch während der mageren Trockenzeit oder wenn das Wetter wegen des Klimawandels sehr unberechenbar ist. Denn wenn es einem Gemüse zu trocken oder zu nass ist, gedeiht ein anderes im selben Esswald umso besser. © Yusuf Msafiri
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Mit dem Esswald aus der Armut

Jeder Esswald – oft auch Waldgarten oder Agroforst genannt – hat einen natürlichen Zaun mit dornigen Akazien, um Tiere fernzuhalten, mit Büschen, deren Blätter als Tierfutter dienen, und Gliricidiabäume, die Stickstoff binden und so den Boden nähren. In Minzas Garten wachsen Okra, Tomaten, Mais, Maniok, Bäume, deren Holz später verkauft werden kann, Papaya, Avocado, Sonnenblumen, Spinat, Süsskartoffeln, Zitronen, Kürbisse, Passionsfrüchte, Bohnen, Straucherbsen und Bananen und noch mehr. 

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«Unser Einkommen hat sich verdoppelt», erzählt Minza Mbesi. «Ich sehe es am Ersparten. Ich kann das ganze Jahr über ernten, verarbeiten und verkaufen. So habe ich nicht nur einmal im Jahr, sondern immer wieder Geld.» Früher fehlte das Geld an allen Ecken und Enden: für die Schuluniform, fürs Essen … «Ich musste um Kredite bitten und zusätzlich zu unserer Arbeit bei fremden Leuten auf den Feldern arbeiten.» 

Hareg | © Yusuf Msafiri
«Ich liebe Kinder und verbringe gerne Zeit mit ihnen», sagt Minza. Doch manchmal bringen sie sie an ihre Grenzen – besonders wenn sie nicht zuhören und sie sich mehrmals wiederholen muss. «Dann kann ich auch laut werden.» © Yusuf Msafiri
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Minza und Masunga arbeiten gerne gemeinsam in ihrem Waldgarten und lachen viel dabei. Auch wenn Minza erzählt, ihr Mann habe die Idee für den Esswald gehabt, so hat doch sie ihn mit guten Argumenten überzeugt. © Yusuf Msafiri
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«Was früher war, ist vergessen», sagt Minza. Sie sei dankbar für die Unterstützung durch Helvetas und dafür, dass sich ihr Leben und das ihrer Familie nachhaltig verbessert habe. © Yusuf Msafiri
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Minzas Idee gegen Mangelernährung

Helvetas beschränkt die Unterstützung für armutsbetroffene Frauen im Norden Tansanias nicht auf Esswälder, sondern ermöglicht auch andere Weiterbildungen: In einem solchen Kurs hat Minza Mbesi eine Geschäftsidee entwickelt, die sich bewährt: Sie hat sich entschieden, ein nahrhaftes Mehl aus Süsskartoffeln, Mais, Soja und Kürbiskernen herzustellen, denn sie hat zu viele Kinder gesehen, die armutsbedingt zu einseitig oder zu wenig essen. Und zu viele schwangere Frauen, denen es an wichtigen Spurenelementen für sich und ihre Babys fehlt.  

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Die Spargruppen haben Zugang zu hygienischen Solartrocknern, um ihre Feldfrüchte haltbar zu machen und zusätzliches Einkommen zu erzielen. Minza trocknet darin Süsskartoffeln für das Mehl, das sie verarbeitet, verpackt und verkauft. © Yusuf Msafiri
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Aus Esswäldern entstehen neue Geschäftsmöglichkeiten: Helvetas ermutigt Produzentinnen, Gemüse, Früchte und Getreide im Solartrockner haltbar zu machen. Getrocknet und hygienisch verpackt verkaufen sie Tomaten, Kräuter oder Süsskartoffeln auf dem Markt. © Yusuf Msafiri
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«Das Training hat alles verändert. Ich habe nicht nur gelernt, wie ich meinen Esswald anlegen muss, sondern auch, wie ich ein Geschäft aufbauen kann. Wir wurden zudem aufgefordert, Spargruppen zu gründen.» Minza war derart begeistert von ihrem neuen Wissen, dass sie es unbedingt mit möglichst vielen Frauen teilen wollte. Verglichen mit anderen Teilnehmerinnen an den Kursen, erreichte sie am meisten Spargruppen.  

«Frauen beizubringen zu sparen und zu investieren, hilft ihnen, sich selbst aus der Armut zu befreien.»

Minza Mbesi, Bäuerin, Geschäftsfrau und Beraterin

Anerkennung und Respekt

Die Spargruppen investieren in gemeinsame Geschäfte, um Einkommen zu generieren. Eine von Minzas Spargruppen investierte zuerst in Küken, die dann als Hühner verkauft wurden. Vom Gewinn kaufte sie Stühle, um sie zu vermieten. Heute besitzt die Gruppe 200 Stühle und verdient richtig Geld, denn keine Hochzeit, keine Taufe, keine Beerdigung ohne Stühle. Mit dem Erlös hat die Gruppe ein eigenes Restaurant bauen können und bietet heute Caterings an – mit den gesunden Produkten aus den Esswäldern.  

Weitere Geschäftsmodelle sind Baumschulen, denn für einen Esswald braucht es Setzlinge. Oder Imkerei: Honig lässt sich lagern, während die Bienen Pflanzen bestäuben. Oder Kompostherstellung, damit die Gärtnerinnen keinen teuren, künstlichen Dünger kaufen müssen. 

Für ihr Engagement musste Minza auch einstecken: Früher hätten Männer ihren Mann verspottet, weil sie zu den Frauengruppen statt zu ihm geschaut habe. «Seit wir aber ein Haus aus Zement bauen, sehen sie ein, dass der Esswald und meine Arbeit wohl doch für etwas gut sind», sagt Minza.

«Heute erhalte ich Anerkennung und spüre Respekt.» 

© Yusuf Msafiri
«Ich bin nicht mehr die Minza von früher. Heute bin ich Sekretärin der Tanzania Womens Association in meinem Bezirk und Kassierin des Women’s Economic Empowerment Forum für alle Bezirke in unserem Distrikt.»

Tanzania | © Yusuf Msafiri
© Yusuf Msafiri

Um von Helvetas beim Anlegen eines Esswalds unterstützt zu werden, müssen die Frauen und Männer eine Besitz- oder Nutzungsurkunde für das Land vorweisen. Doch gerade Frauen wissen wenig über Landrechte Bescheid. In enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden informiert Helvetas an Dorfversammlungen und in Spargruppen Frauen und Männer über die gleichen Rechte, die sie haben, und unterstützt Frauen dabei, die Urkunden zu beantragen, sofern sie nachweisen können, dass das Land ihnen gehört. Bis Ende 2025 erhielten 2'194 Frauen und 990 Männer solche Dokumente und damit Rechts- und Planungssicherheit. Für Rehema Jeremia (Bild) ging mit den blauen Urkunden eine lange Leidensgeschichte zu Ende, die mit einer toxischen Ehe begann, einem Tötungsversuch durch ihren Mann weiterging und darin gipfelte, dass ihr eigener Bruder ihr die Felder verwehrte, die ihr Vater ihr, Rehema, vererbt hatte. Heute kennt sie dank Helvetas ihre Rechte. Das vom Vater vererbte Land war für sie verloren. Ihre Mutter übertrug Rehema vor wenigen Monate ein Stück ihres eigenen Landes. Rehema liess es sofort beurkunden. «Jetzt kann auch ich einen Esswald anlegen», freut sie sich. «Wir beobachten, dass Frauen ihr neues Wissen über Landrechte teilen und andere ermutigen, sich auch Landtitel zu besorgen», erklärt Shoma Nangale, die Projektleiterin. «Die Urkunden geben Frauen Zuversicht und Selbstvertrauen – und das in einem Land, das Frauen traditionell als minderwertig behandelt.» Die Urkunden können zudem bei einer Kreditanfrage als Sicherheit hinterlegt werden. Und sie verringern die Zahl der Konflikte rund um Landbesitz.