«Mädchen brauchen das nicht»
Minza Mbesi ist 42 Jahre alt. Will sie etwas sagen, erhebt sie sich. «Ich bin die Tochter der Halamba Mbesi Familie aus dem Dorf Iburi im Sakwe Bezirk im Bariadi Distrikt, Tansania. Ich habe nach der Primarschule geheiratet. Ich wäre gerne weiter zur Schule gegangen, aber mein Vater wollte das nicht. Mädchen brauchen das nicht, sagte er. Ich konnte mich nicht wehren. Das durfte ich nicht. Zwei meiner Brüder haben studiert.»
Heute ist Minza Mbesi Geschäftsfrau, Beraterin – und Influencerin.
Früher baute Minza mit ihrem Mann Masunga Baumwolle an, damit konnten sie aber die Familie nicht ernähren. Manchmal war das Saatgut so schlecht, dass sie neues kaufen mussten. Auch die Pestizide kosteten Geld.
Dann kam Helvetas und erzählte vom Esswald. «Wir beschlossen es, zu wagen», erzählt Minza. Das Paar legte Versuchsfelder an. Bald zeigte sich, dass Sonnenblumen und Straucherbsen viel weniger Pflege brauchen und Kosten verursachen als Baumwolle. «Wir sahen, dass sich die Investition lohnen wird.»
Frauen, die einen Esswald anlegen wollen, erhalten von Helvetas das notwendige Wissen und erstes Saatgut. So auch Minza.
Mit dem Esswald aus der Armut
Jeder Esswald – oft auch Waldgarten oder Agroforst genannt – hat einen natürlichen Zaun mit dornigen Akazien, um Tiere fernzuhalten, mit Büschen, deren Blätter als Tierfutter dienen, und Gliricidiabäume, die Stickstoff binden und so den Boden nähren. In Minzas Garten wachsen Okra, Tomaten, Mais, Maniok, Bäume, deren Holz später verkauft werden kann, Papaya, Avocado, Sonnenblumen, Spinat, Süsskartoffeln, Zitronen, Kürbisse, Passionsfrüchte, Bohnen, Straucherbsen und Bananen und noch mehr.
«Unser Einkommen hat sich verdoppelt», erzählt Minza Mbesi. «Ich sehe es am Ersparten. Ich kann das ganze Jahr über ernten, verarbeiten und verkaufen. So habe ich nicht nur einmal im Jahr, sondern immer wieder Geld.» Früher fehlte das Geld an allen Ecken und Enden: für die Schuluniform, fürs Essen … «Ich musste um Kredite bitten und zusätzlich zu unserer Arbeit bei fremden Leuten auf den Feldern arbeiten.»
Minzas Idee gegen Mangelernährung
Helvetas beschränkt die Unterstützung für armutsbetroffene Frauen im Norden Tansanias nicht auf Esswälder, sondern ermöglicht auch andere Weiterbildungen: In einem solchen Kurs hat Minza Mbesi eine Geschäftsidee entwickelt, die sich bewährt: Sie hat sich entschieden, ein nahrhaftes Mehl aus Süsskartoffeln, Mais, Soja und Kürbiskernen herzustellen, denn sie hat zu viele Kinder gesehen, die armutsbedingt zu einseitig oder zu wenig essen. Und zu viele schwangere Frauen, denen es an wichtigen Spurenelementen für sich und ihre Babys fehlt.
«Das Training hat alles verändert. Ich habe nicht nur gelernt, wie ich meinen Esswald anlegen muss, sondern auch, wie ich ein Geschäft aufbauen kann. Wir wurden zudem aufgefordert, Spargruppen zu gründen.» Minza war derart begeistert von ihrem neuen Wissen, dass sie es unbedingt mit möglichst vielen Frauen teilen wollte. Verglichen mit anderen Teilnehmerinnen an den Kursen, erreichte sie am meisten Spargruppen.
Minza Mbesi, Bäuerin, Geschäftsfrau und Beraterin
Anerkennung und Respekt
Die Spargruppen investieren in gemeinsame Geschäfte, um Einkommen zu generieren. Eine von Minzas Spargruppen investierte zuerst in Küken, die dann als Hühner verkauft wurden. Vom Gewinn kaufte sie Stühle, um sie zu vermieten. Heute besitzt die Gruppe 200 Stühle und verdient richtig Geld, denn keine Hochzeit, keine Taufe, keine Beerdigung ohne Stühle. Mit dem Erlös hat die Gruppe ein eigenes Restaurant bauen können und bietet heute Caterings an – mit den gesunden Produkten aus den Esswäldern.
Weitere Geschäftsmodelle sind Baumschulen, denn für einen Esswald braucht es Setzlinge. Oder Imkerei: Honig lässt sich lagern, während die Bienen Pflanzen bestäuben. Oder Kompostherstellung, damit die Gärtnerinnen keinen teuren, künstlichen Dünger kaufen müssen.
Für ihr Engagement musste Minza auch einstecken: Früher hätten Männer ihren Mann verspottet, weil sie zu den Frauengruppen statt zu ihm geschaut habe. «Seit wir aber ein Haus aus Zement bauen, sehen sie ein, dass der Esswald und meine Arbeit wohl doch für etwas gut sind», sagt Minza.
«Heute erhalte ich Anerkennung und spüre Respekt.»
Um von Helvetas beim Anlegen eines Esswalds unterstützt zu werden, müssen die Frauen und Männer eine Besitz- oder Nutzungsurkunde für das Land vorweisen. Doch gerade Frauen wissen wenig über Landrechte Bescheid. In enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden informiert Helvetas an Dorfversammlungen und in Spargruppen Frauen und Männer über die gleichen Rechte, die sie haben, und unterstützt Frauen dabei, die Urkunden zu beantragen, sofern sie nachweisen können, dass das Land ihnen gehört. Bis Ende 2025 erhielten 2'194 Frauen und 990 Männer solche Dokumente und damit Rechts- und Planungssicherheit. Für Rehema Jeremia (Bild) ging mit den blauen Urkunden eine lange Leidensgeschichte zu Ende, die mit einer toxischen Ehe begann, einem Tötungsversuch durch ihren Mann weiterging und darin gipfelte, dass ihr eigener Bruder ihr die Felder verwehrte, die ihr Vater ihr, Rehema, vererbt hatte. Heute kennt sie dank Helvetas ihre Rechte. Das vom Vater vererbte Land war für sie verloren. Ihre Mutter übertrug Rehema vor wenigen Monate ein Stück ihres eigenen Landes. Rehema liess es sofort beurkunden. «Jetzt kann auch ich einen Esswald anlegen», freut sie sich. «Wir beobachten, dass Frauen ihr neues Wissen über Landrechte teilen und andere ermutigen, sich auch Landtitel zu besorgen», erklärt Shoma Nangale, die Projektleiterin. «Die Urkunden geben Frauen Zuversicht und Selbstvertrauen – und das in einem Land, das Frauen traditionell als minderwertig behandelt.» Die Urkunden können zudem bei einer Kreditanfrage als Sicherheit hinterlegt werden. Und sie verringern die Zahl der Konflikte rund um Landbesitz.
