Helvetas nahm ihre Arbeit in Sri Lanka 1978 auf. Damals litt das Land unter den Folgen eines verheerenden Zyklons. Die Gemeinschaften in den östlichen Provinzen standen vor zerstörter Infrastruktur, unsicheren Wasserquellen und gefährdeten Lebensgrundlagen. Ziel von Helvetas' Arbeit war damals, die Gemeinden beim Wiederaufbau zu unterstützen.
Fast fünf Jahrzehnte später, im Dezember 2025, schloss Helvetas ihre Programme in Sri Lanka ab. In dieser Zeit entwickelte sich die Organisation weit über die Nothilfe hinaus. Es wurden Programme umgesetzt, die Systeme prägten, Institutionen stärkten und Gemeinschaften befähigten, einige der komplexesten Herausforderungen des Landes zu bewältigen; von Bürgerkrieg und Konflikten bis hin zu Wirtschaftskrisen.
Schwerpunkt schon früh auf ländliche Entwicklung
Sri Lanka hat sich seit 1978 tiefgreifend verändert. Ebenso die Ansätze von Helvetas. In den ersten Jahren konzentrierte sich Helvetas auf die Stärkung ländlicher Gemeinschaften. In langjährigen Partnerschaften – insbesondere mit Organisationen wie der Sarvodaya Shramadhana Movement – verband Helvetas technisches Fachwissen mit enger Zusammenarbeit auf Gemeindeebene.
Der Zugang zu sauberem Trinkwasser gehörte zu den dringendsten Bedürfnissen. Damals waren viele ländlichen Gemeinden auf unsichere Oberflächengewässer oder tiefe Brunnen angewiesen. Helvetas führte Schwerkraft-Wasserversorgungssysteme ein. Dabei nutzte sie schweizerisches Ingenieurwissen, das an die lokalen Gegebenheiten angepasst wurde. Diese Innovationen ermöglichten es den Gemeinden, Quellwasser sicherer und effizienter zu nutzen. Und sie legten den Grundstein für eine langfristige Wasserversorgung.
Mit der Zeit wurden diese Bemühungen erheblich ausgeweitet. Hunderte Wasserversorgungssysteme sowie Tausende Brunnen und Latrinen wurden gebaut – und erreichten Hunderttausende Menschen. Neben der Infrastruktur investierte Helvetas auch in Wissensvermittlung, entwickelte Schulungsunterlagen, baute die Kompetenzen von Fachkräften aus und stärkte lokale Institutionen.
Auch die Landwirtschaft war für diese Gemeinschaften von zentraler Bedeutung. Helvetas förderte nachhaltige Anbaumethoden, die lokales Wissen mit biologischen Ansätzen verbanden, um Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität zu erhalten. Zudem beteiligte sich die Organisation an politischen Diskussionen zur Saatgutbewahrung und setzte sich dafür ein, dass Bäuer:innen weiterhin traditionelle, nicht patentierte Samen austauschen können.
Neben diesen langfristigen Entwicklungsinitiativen arbeitete Helvetas auch bei plötzlich auftretenden Katastrophen mit lokalen Partnern zusammen. Nach dem Tsunami von 2004 unterstützte Helvetas den Wiederaufbau von Wohnraum, die Wiederherstellung von Lebensgrundlagen und verteilte Saatgut an betroffene Familien.
Helvetas legt seit jeher grossen Wert auf lokale Eigenverantwortung. Haushalte leisteten Arbeits- und Finanzbeiträge, und die Gemeinden beteiligten sich an Planung, Umsetzung und Unterhalt. Dieser Ansatz stellt sicher, dass die Wirkung der Projekte weit über deren Laufzeit hinaus erhalten bleibt.
Sichere Arbeitsmigration schaffen
Mit der Liberalisierung der Wirtschaft und der zunehmenden Migration erkannte Helvetas eine neue Herausforderung: Arbeitsmigration. Lange als wirtschaftliche Notwendigkeit betrachtet, brachte sie für viele Menschen erhebliche Risiken mit sich.
Ab 2010 spielte Helvetas eine zentrale Rolle dabei, Arbeitsmigration stärker am Menschen auszurichten. Das von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) finanzierte Programm für sichere Arbeitsmigration arbeitete gemeinsam mit staatlichen Institutionen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und internationalen Partnern daran, Arbeitsmigrantinnen und -migranten sowie ihre Familien besser zu schützen.
Das Programm markierte einen Perspektivenwechsel: Weg von der Betrachtung von Migration als rein wirtschaftliche Strategie hin zu einem menschenzentrierten Prozess, der Schutz, Information und Unterstützung erfordert.
Gemeinsam mit ihren Partnern baute Helvetas ein umfassendes Umfeld für sichere Migration auf. Dazu gehörten Schulungen für Behördenmitarbeitende, die Stärkung zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie Sensibilisierungsmassnahmen für Migrant:innen und ihre Familien. Mehr als 1'000 Entwicklungsbeauftragte wurden in allen Distrikten ausgebildet und wurden zu wichtigen Anlaufstellen für Menschen, die Migrationsentscheidungen treffen mussten.
Auf politischer Ebene trug Helvetas zu bedeutenden Reformen und Koordinationsmechanismen bei, darunter ein nationaler Beratungsausschuss, der Ministerien, Zivilgesellschaft und internationale Akteure zusammenbrachte. Diese Zusammenarbeit half, Lücken beim Schutz von Arbeitskräften, der Prävention von Menschenhandel und der Reintegration zurückkehrender Migrant:innen zu schliessen.
Eine der wirkungsvollsten Innovationen war die Schaffung sogenannter «Migrant Societies» – lokaler Gruppen, die gegenseitige Unterstützung, Informationsaustausch und Frühwarnsysteme gegen irreguläre Migration ermöglichten. Diese Netzwerke bestehen bis heute fort und zeugen von ihrer Relevanz sowie der starken lokalen Verankerung.
Indem Helvetas sichere Migration in Institutionen, Systeme und Bildungsprogramme integrierte, wurde das Thema von einer Randerscheinung zu einer nationalen Priorität. Die Erfahrungen zeigten, dass nachhaltiger Wandel nicht nur politische Reformen erfordert, sondern auch die aktive Beteiligung der Gemeinschaften und langfristigen Kapazitätsaufbau.
Frieden fördern
Der jahrzehntelange Bürgerkrieg in Sri Lanka (1983 bis 2009) und seine Folgen erforderten mehr als Wiederaufbau – sie erforderten die Wiederherstellung von Vertrauen.
Anfang der 2000er-Jahre weitete Helvetas ihre Arbeit auf die Friedensförderung aus. Die Organisation erkannte, dass nachhaltige Entwicklung ohne sozialen Zusammenhalt nicht möglich ist.
Programme wie das von der Deza unterstützte Projekt «Development and Peace in Sri Lanka» zeigten, wie gemeinsame wirtschaftliche und soziale Aktivitäten zur Versöhnung beitragen können. Daraus resultierten gemeinsame Infrastrukturprojekte, Bauernorganisationen und lokale Komitees. Sie brachten Menschen über ethnische und religiöse Grenzen hinweg zusammen und schufen Plattformen für Dialog und Zusammenarbeit.
Diese Plattformen erwiesen sich als wirkungsvoll. Lokale Koexistenz-Komitees trugen dazu bei, Ängste und Misstrauen abzubauen. Auch ermöglichten sie es den Gemeinschaften, die zuvor durch den Konflikt getrennt waren, gemeinsam an ihren Prioritäten zu arbeiten.
Helvetas setzte sich zudem für Menschenrechte und den Zugang zur Justiz ein. Programme wie «Voices Beyond Barriers» unterstützten Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger und stärkten Interessenvertretungen in den Nachkriegsregionen. Durch rechtliche Unterstützung, Schulungen und Dokumentation wurden Gemeinschaften befähigt, ihre Anliegen vorzubringen und Rechenschaft einzufordern, selbst unter schwierigen Bedingungen.
Als die Sorge über Desinformation und Hassrede zunahm, erweiterte Helvetas ihr Engagement auf Medienkompetenz und digitale Rechte. Das von der Europäischen Union finanzierte Programm INSPIRE reagierte auf den Mangel an Räumen für freie Meinungsäusserung und richtete Innovations- und Lernräume an Universitäten ein. Dort erhielten junge Menschen Kompetenzen in Storytelling, Journalismus und kritischem Denken, und sie wurden ermutigt, sich verantwortungsvoll am öffentlichen Diskurs zu beteiligen.
Aus all diesen Erfahrungen ging eine zentrale Erkenntnis hervor: Friedensförderung ist besonders wirksam, wenn sie mit praktischen Aktivitäten des Alltags verbunden wird – sei es durch die Verbesserung von Lebensgrundlagen, das Erzählen von Geschichten oder die gemeinsame Lösung lokaler Herausforderungen.
Eine neue Generation stärken
Programme wie EMPOWER, Crossing Boundaries Youth und YouLEAP, die von verschiedenen privaten Geldgebern unterstützt wurden, betrachteten junge Menschen sowohl als besonders anfällig für Spaltung als auch als entscheidend für eine inklusivere Zukunft.
Durch diese Initiativen schuf Helvetas Möglichkeiten für Jugendliche unterschiedlicher Herkunft, miteinander in Kontakt zu treten, voneinander zu lernen und gemeinsam Projekte umzusetzen. Schulungen in Konfliktlösung, Unternehmertum und Führungskompetenz befähigten die Teilnehmenden, Vorurteile zu hinterfragen und zu treibenden Kräften des Wandels in ihren Gemeinschaften zu werden.
Wichtig war auch die Verbindung von wirtschaftlicher Stärkung und sozialem Zusammenhalt. Das Programm YouLEAP beispielsweise unterstützte von Jugendlichen geführte Unternehmen und förderte gleichzeitig die inklusive wirtschaftliche Teilhabe, insbesondere von Frauen und marginalisierten Gruppen.
In verschiedenen Distrikten halfen Gründerzentren und Ausbildungsprogramme jungen Menschen dabei, Fähigkeiten aufzubauen, Unternehmen zu gründen und andere zu begleiten. Trotz Herausforderungen wie der langfristigen Bindung von Teilnehmenden oder der Einkommenssicherheit bietet dieser systemische Ansatz vielversprechende Perspektiven.
Erkenntnisse aus 47 Jahren
Wenn wir auf fast fünf Jahrzehnte Arbeit zurückblicken, prägen mehrere Themen die Erfahrungen von Helvetas in Sri Lanka:
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Partnerschaft als Grundlage: Langfristige Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Gemeinschaften ermöglichte nachhaltige Wirkung.
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Anpassungsfähigkeit in einem sich wandelnden Umfeld: Von Katastrophenhilfe über Friedensförderung bis zu Migration entwickelte Helvetas ihre Ansätze kontinuierlich weiter, um auf neue Herausforderungen und Bedürfnisse zu reagieren.
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Lokale Eigenverantwortung und Kapazitätsaufbau: Investitionen in Wissensvermittlung und lokale Führung sorgten dafür, dass viele Initiativen weit über ihre Projektlaufzeit hinaus bestehen.
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Verbindung von Entwicklung und sozialem Zusammenhalt: Ob Wasserversorgungssysteme oder Jugendprogramme – die Kombination technischer Lösungen mit sozialen Prozessen erwies sich als entscheidend für nachhaltigen Wandel.
Ein Vermächtnis, das weiterlebt
Die Geschichte von Helvetas in Sri Lanka handelt nicht von abgeschlossenen Projekten oder erreichten Meilensteinen. Sie handelt von aufgebauten Beziehungen, gestärkten Kompetenzen und erweiterten Chancen.
Von ländlichen Gemeinden mit Zugang zu sauberem Wasser über Migrantenfamilien auf sichereren Wegen bis hin zu Jugendlichen, die Brücken zwischen Gemeinschaften bauen: Die Wirkung lebt in Menschen und Systemen weiter, die sich laufend weiterentwickeln.
Während Sri Lanka in die Zukunft blickt, bietet dieses Vermächtnis sowohl Inspiration als auch Orientierung: eine Entwicklung, die inklusiv, anpassungsfähig und widerstandsfähig genug ist, um auch in Zeiten der Unsicherheit Bestand zu haben.
Lesen Sie den Legacy Report (Englisch)
