© Luzia Tschirky besuchte auch Walentina Astapaewa in ihrer Teestube / Café in Charkiw. Die Unternehmerin hat von Helvetas Unterstützung erhalten für den Kauf von Kühlanlagen und der Kaffeemaschine.

Helvetas leistet einen Beitrag zur Zukunft der Ukraine

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ist im fünften Jahr. Luzia Tschirky hat im Januar 2026 verschiedene Helvetas-Projekte in der Region Charkiw und Kyjiw besucht.
VON: Iris Nyffenegger, Rebecca Vermot - 23. April 2026
© Luzia Tschirky besuchte auch Walentina Astapaewa in ihrer Teestube / Café in Charkiw. Die Unternehmerin hat von Helvetas Unterstützung erhalten für den Kauf von Kühlanlagen und der Kaffeemaschine.

Luzia Tschirky, wie haben Sie während Ihrer Reise die Stimmung vor Ort wahrgenommen?

Die Ukrainerinnen und Ukrainer erleben in diesem Jahr den härtesten Winter seit Beginn des russischen Angriffskrieges. Mit gezielten Attacken auf die Strom und Heizungsinfrastruktur bei zweistelligen Minusgraden versucht die russische Armee, den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu brechen. Viele wirken so müde und erschöpft wie nie zuvor. An Aufgeben ist dennoch nicht zu denken, denn die Menschen haben schlicht keine Wahl.

Was brauchen die Menschen, um ihren harten Alltag zu bewältigen?

Die Menschen brauchen vor allem eine Perspektive. Eine Arbeit, mit der sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien sichern können. Gelingt es ihnen, trotz des Krieges ein Einkommen zu erzielen, bedeutet das weit mehr als wirtschaftliche Stabilität. Eine sinnstiftende Tätigkeit gibt Halt und lässt das Gefühl der Ohnmacht angesichts der Ungewissheit
zumindest zeitweise in den Hintergrund treten. Wenn Helvetas die Menschen weiterhin dabei unterstützt, für sich und ihre Kinder eine langfristige Perspektive in der Ukraine aufzubauen, leistet die Organisation einen Beitrag zur Zukunft des Landes, der kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.

Luzia Tschirky ist freischaffende Journalistin, Autorin und Expertin für die Ukraine, Russland und Belarus. Sie war auf Reportage in Kyjiw, als Russland die Ukraine angriff, und berichtete danach laufend für SRF aus der Ukraine.

Welche Perspektiven schafft Helvetas konkret?

Helvetas finanziert unter anderem Schulungen von Mitarbeitenden des ukrainischen Arbeitsamtes, um auf die spezifischen Bedürfnisse von Kriegsveteran:innen einzugehen. Der Bedarf an besserer Integration in den Arbeitsmarkt ist riesig. Wenn sie eine langfristige Perspektive erhalten, ist das im Interesse der gesamten Gesellschaft. Es kommt auf lange Sicht viel teurer zu stehen, wenn diese Menschen allein gelassen werden. Neben der moralischen Verantwortung liegt es im ureigenen Interesse des Staates, Veteran:innen zu integrieren. Diese Hilfe zur Selbsthilfe, die von Helvetas unterstützt wird, bringt einen enormen Nutzen.

Welcher Moment Ihrer Reise steht sinnbildlich dafür?

Auf dieser Reise habe ich noch stärker als bei früheren Reisen gemerkt, wie fest dieser Krieg längst zu einem absurden Alltag
für die Menschen geworden ist und wie wichtig Perspektiven sind. Ich denke da an den Kriegsveteranen Oleksij Gryscha, der sein Zuhause und seine Arbeit als Bergmann verloren hat. Er stammt aus der Ostukraine, die von der russischen Armee besetzt ist, genauso wie die Kohleminen, wo er gearbeitet hat. Ausserdem wurde er während seines Einsatzes für die ukrainische Armee schwer verwundet. Für solche Menschen ist es absolut zentral, dass ihr Gegenüber auf dem Arbeitsamt Verständnis für ihre Situation zeigt und ihnen beim beschwerlichen Weg zurück in den Arbeitsalltag zur Seite steht.

© Luzia Tschirky
Iryna Gopkalo (links im Bild) steht als Mitarbeiterin des Dienstes für die Beschäftigung (ukrainisches Pendant zum RAV) dem Kriegsveteranen Oleksij Gryscha beim beschwerlichen Weg zurück in den Arbeitsalltag zur Seite steht. © Luzia Tschirky
1/3
© Luzia Tschirky
Die Bürgermeisterin der Ortschaft Wolochiw Jar, Daria Pantschenko, zeigt den von Helvetas finanzierten Sicherungskasten für die Solar Panel Anlage. Dank der Solar Panels konnte die Wasserversorgung in der Ortschaft wieder hergestellt werden. © Luzia Tschirky
2/3
© Luzia Tschirky
Oleksandra spielt in einem Schutzkeller des Kindergartens von Dykanka. Die farbige Einrichtung konnte mit der Hilfe von Spenden finanziert werden. © Luzia Tschirky
3/3

Wo wirkt die Unterstützung über einzelne Menschen und Haushalte hinaus?

Für mich steht ausser Frage, dass die Unterstützung von Helvetas in jedem Fall über den Einzelnen hinauswirkt. Selbst wenn auf den ersten Blick «nur» eine Familie direkt profitiert, wenn zum Beispiel ein Wohnhaus isoliert wird, so ist es immer eine Investition in die Gesellschaft insgesamt. Wenn die Familie vor Ort wohnen bleiben kann und die Eltern einer Arbeit nachgehen können, dann
haben nicht nur unmittelbar die Kinder etwas von der Unterstützung durch Helvetas. Denn die Eltern bezahlen auch in der Ukraine Steuern, die Familie geht einkaufen, sie bleibt Teil der ukrainischen Wirtschaft. Dies ist in der angespannten wirtschaftlichen Situation enorm wichtig. Deswegen ist für mich die Antwort klar: Die Unterstützung wirkt immer über den einzelnen Menschen oder Haushalt hinaus.

Wenn Sie jemand nach Helvetas-Projekten fragt, was antworten Sie?

Ich erzähle von meinen persönlichen Eindrücken. Zum Beispiel habe ich in der Nähe von Kyjiw einen Kindergarten besucht
und gesehen, wie gross der Unterschied dank der Unterstützung von Helvetas ist: In Welyka Dymerka hat Despro, eine kleine, aber unglaublich wichtige lokale NGO, im Auftrag von Helvetas Solarpanels installiert, die Wasserpumpen antreiben. Ohne Wasser ist ein Alltag kaum möglich; die Menschen können nichts kochen, die Toilette nicht benutzen. Wasser ist wichtig für die Würde der Menschen. Dank dieser Anlage hat der Kindergarten auch bei Stromausfällen Wasser. Ohne müsste er geschlossen
werden. Wir wissen alle, wie wichtig soziale Kontakte und Momente der Unbeschwertheit gerade für Kinder sind. Das
gilt noch mehr, wenn Krieg herrscht. 

«Wenn Kriegsveteran:innen eine langfristige Perspektive erhalten, ist das im Interesse der gesamten Gesellschaft.»

Luzia Tschirky, Journalistin und Ukraine-Expertin

Wie wird das Engagement von Helvetas in der Ukraine wahrgenommen?

Das Engagement von Helvetas wird in den beiden Regionen, die ich besucht habe, sehr positiv wahrgenommen. Mein Eindruck ist, dass durch die enge Zusammenarbeit mit lokalen Partnern auch eine lokale Verwurzelung der Hilfe stattfindet und dementsprechend eine nachhaltige Bindung zwischen Helvetas und lokalen Organisationen vor Ort entsteht.

Wie wird das Engagement der Schweiz generell in der Ukraine wahrgenommen?

Ich habe keine repräsentativen Umfragen zur Hand, ich kann das nur aus persönlicher Sicht einschätzen. Im humanitären
Bereich wird die Schweiz wahrgenommen. Wenn das Schweizer Parlament Ende 2025 beispielsweise die Regeln im Kriegsmaterialrecht lockert, gleichzeitig aber Waffenlieferungen an die Ukraine weiterhin ausgeschlossen bleiben, wird
auch das wahrgenommen. Und entsprechend leidet das Image der Schweiz in der Ukraine. Diesbezüglich sollte sich
niemand Illusionen machen. 

Haben die Ukrainer:innen noch Hoffnung auf ein Kriegsende?

Von einem «ewigen» Krieg gehen die Menschen in der Ukraine nicht aus, aber sie rechnen nicht mehr mit einer schnellen
Lösung. Die grösste Widerstandskraft besteht meiner Erfahrung nach darin, in sich selbst Hoffnung zu finden, selbst in
scheinbar hoffnungslosen Situationen. Langfristig Widerstand leisten kann, wer Hoffnung unabhängig von den Geschehnissen
rundherum findet. Es braucht die Überzeugung, dass eine bessere Zukunft möglich ist.