Der Krieg geht nun in sein fünftes Jahr. Wie haben Sie während Ihrer Reise die Stimmung der Menschen vor Ort wahrgenommen?
Ukrainerinnen und Ukrainer erleben in diesem Jahr den härtesten Winter seit Beginn des russischen Angriffskrieges. Mit gezielten Attacken auf die Strom- und Heizungsinfrastruktur versucht die russische Armee, den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu brechen. Ohne Zweifel leiden die Menschen unter der Kälte – bei fehlender Heizung und zweistelligen Minusgraden. Viele wirken so müde und erschöpft wie nie zuvor in den vergangenen Jahren. An Aufgeben ist dennoch nicht zu denken, denn die Menschen haben schlicht keine Wahl.
Luzia Tschirky ist freischaffende Journalistin, Autorin und Expertin für die Ukraine, Russland und Belarus. Sie war auf Reportage in Kyjiw, als Russland die Ukraine angriff, und berichtete danach laufend für SRF aus der Ukraine.
Was hat Sie am meisten überrascht?
Ich war unter anderem in Moschun, einem Vorort der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Diese Gegend habe ich bereits 2022 regelmässig besucht und von dort über Zerstörung und Leid berichtet. Umso mehr hat mich überrascht, dass in Moschun noch immer so viele Häuser schwer beschädigt sind. Zeitweise hatte ich den Eindruck, die Zeit sei dort stehen geblieben – angesichts der ausgebrannten Ruinen. Inmitten dieser Verwüstung ein Haus zu sehen, das dank Unterstützung, unter anderem von Helvetas und der Glückskette, für eine siebenköpfige Familie neu aufgebaut werden konnte, war eine der positivsten Überraschungen meiner Reise.
Sie haben mehrere Helvetas-Projekte besucht. Welche Begegnung zeigt für Sie am greifbarsten, was die Arbeit von Helvetas für die Menschen bewirkt?
Es fällt mir schwer, die Projekte gegeneinander abzuwägen. Jedes hilft den Menschen vor Ort spürbar. Besonders wichtig ist die Wasserversorgung. Ohne Wasser ist der Alltag kaum möglich. Kindergärten können dann nicht offen bleiben. Es fehlt an Hygiene, und für die Kinder kann kein Essen gekocht werden. Ich habe in Welyka Dymerka, rund 35 Kilometer östlich von Kyjiw, einen Kindergarten besucht. Dort habe ich gesehen, wie gross der Unterschied ist, den die Unterstützung von Helvetas macht. Die Leitung ist dankbar für die Hilfe aus der Schweiz. Damit solche Projekte gelingen, braucht es starke Partner vor Ort. Einer davon ist Despro. Die Organisation hat nur ein kleines Team, bewirkt aber viel. In Welyka Dymerka hat Despro Solarpanels installiert, finanziert von Helvetas und der Glückskette. Dank dieser Anlage hat der Kindergarten auch bei Stromausfällen Wasser. Ohne die Solarpanels blieben die Wasserpumpen bei Angriffen auf die Stromversorgung stehen. Diese Hilfe zur Selbsthilfe mitzuerleben, hat mich beeindruckt.
Luzia Tschirky, Journalistin und Ukraine-Expertin
Was brauchen Ihrer Meinung nach die Menschen am meisten, um ihren schwierigen Alltag zu bewältigen?
Die Menschen brauchen vor allem eine Perspektive. Wie überall auf der Welt benötigen auch die Menschen in der Ukraine Arbeit, mit der sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien sichern können. Gelingt es ihnen, trotz des Krieges ein Einkommen zu erzielen, bedeutet das weit mehr als wirtschaftliche Stabilität. Eine sinnstiftende Tätigkeit gibt Halt und lässt das Gefühl der Ohnmacht angesichts des ungewissen Kriegsendes zumindest zeitweise in den Hintergrund treten. Wenn Helvetas die Menschen weiterhin dabei unterstützt, für sich und ihre Kinder eine langfristige Perspektive in der Ukraine aufzubauen, leistet die Organisation einen Beitrag zur Zukunft des Landes, der kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.
