Geheimtipps aus Kirgistan

Anlässlich des UNO-Jahres für Weiden und Hirten ist der kirgisische Yakhirte Baatyrbek Akmatov in die Schweiz gereist. Auf einer Alp auf 2000 Metern über Meer traf er Regula Oehrli, die ebenfalls Yaks hält. Ein Gespräch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
VON: Sonja Gambon - 22. Oktober 2026

Baatyrbek Akmatov (BA) und Regula Oehrli (RO), Sie halten seit über 25 Jahren Yaks. Was bedeutet Ihnen diese Arbeit?  

BA: Die Yaks, Pferde und Schafe und die Zeit mit ihnen bedeuten mir viel, genau wie die Berge. Als Gastgeber eines Jurtencamps geniesse ich aber auch die Arbeit mit den Reisenden, die uns besuchen. Sie geben mir neue Impulse, und ich kann neue Freundschaften schliessen.  

RO: Schon als kleines Mädchen habe ich meinen Vater auf die Alp begleitet und schrittweise die Arbeit von ihm gelernt. Zu den Tieren hatte ich schon immer einen besonderen Draht. Für mich ist das kein Beruf, sondern Berufung. Klar, es ist sehr arbeitsintensiv und manchmal einsam, doch die Tiere geben mir so viel zurück! Sie sind mir das Wichtigste. Das Gute überwiegt auf jeden Fall.  

Was vor 25 Jahren als Idee begann, wirkt bis heute weiter. Baatyrbek Akmatov (heute 52) war dabei, als Helvetas den gemeindebasierten Tourismus in Kirgistan mitaufbaute. Heute schafft dieser Ansatz Einkommen in abgelegenen Bergregionen und stärkt gleichzeitig den Schutz von Natur und Wildtieren. Mit nachhaltigem Weidemanagement, lokalen Festivals, Trekkings und einem Jurten-Camp zeigt er, wie Tourismus Perspektiven schaffen kann, ohne die Natur auszubeuten. Er lebt mit seiner Familie, 300 weissen Yaks, 350 Merinoschafen und 100 Pferden einer alten kirgisischen Rasse im Dorf Kök-Sai in der Region Issyk-Kul im Nordosten Kirgistans.  

Ebenfalls vor 25 Jahren hat Regula Oehrli (65) die Arbeit als Yakhirtin auf einer Berner Alp begonnen. Nebst den Yaks hält sie Simmentaler Kühe.

Wir erlebten in der Schweiz den heissesten Sommer seit Messbeginn. In Kirgistan verläuft der Klimawandel laut UNO doppelt so schnell wie im globalen Schnitt. Wie spürt Ihr diesen konkret? 

BA: Die Welt verändert sich stark. Wir verlieren unsere geliebte Natur, jedes Jahr verschwinden Gletscher. Und die Menschen möchten immer noch mehr von allem. So machen wir unsere Umwelt kaputt. Bei den Tieren spüre ich es zum Glück noch nicht so, sie sind robust und können sich gut an veränderte Bedingungen anpassen. Doch längerfristig kann ich wohl nicht mehr so viele Tiere halten, weil es zu wenig zu fressen gibt. Aber was kann ich tun? Ich versuche, darauf zu hören, was die Natur mir mitteilt, um darauf zu reagieren. Die Berge können uns vieles über die Welt erklären.  

RO: Das kann ich nur unterschreiben. Wenn mehr Menschen im Einklang mit der Natur leben würden, würde es ihr bestimmt besser gehen. Ich kann förmlich zuschauen, wie der Gletscher hier oben jedes Jahr kleiner wird. Diesen Sommer war die Null-Grad-Grenze oft erst auf 4000 Metern. In der Folge gab es jetzt im Herbst nachts noch keinen Frost. Das ist schon sehr aussergewöhnlich. Zum Glück habe ich eine eigene Wasserquelle, doch wenn diese versiegen würde, kann ich auf der Alp keine Tiere mehr halten. Auch spüre ich, wie der Berg unbeständiger wird durch den auftauenden Permafrost. Das Gestein lockert sich, und es lässt sich kaum vorhersagen, wie es sich verhalten wird. 

Baatyrbek Akmatov, Sie sind das erste Mal in der Schweiz. Wie sind Ihre Beobachtungen?  

BA: Oh, das ist eine grosse Chance für mich, in den Austausch zu treten und zu lernen. An der Schweizer Landwirtschaft fasziniert mich besonders der Umgang mit den Weiden. Ich konnte auch mit anderen Bauern hier sprechen. Sie überlegen intensiv, wie sie die Weiden nutzen. Wie gross soll die Parzelle sein? Wie viele Tiere grasen wie lange darauf? Welche Gräser schonen den Boden am meisten? Doch viele dieser Fragen haben zur Folge, dass überall Zäune stehen. Die Tiere haben wenig Freiheit. Es hat wenig Wildtiere, und es ist nie still. Ich bin ja im Tourismus tätig, und auch dazu habe ich viel beobachten können: Es gibt hier viele Standards. Zum Beispiel sind die Wegweiser alle gelb. Und unten im Tal werden Neubauten im Chalet-Stil gebaut. Dass man Standarts einhält und sich an Traditionen orientiert, fände ich auch gut für Kirgistan. 

Und wie erleben Sie den Besuch, Regula Oehrli? 

RO: Ich könnte tagelang mit Baatyrbek sprechen! Vielleicht kann ich ihn ja auch mal besuchen. Es ist sehr bereichernd für mich, denn Kirgistan hat eine viel längere Yak-Tradition als wir in der Schweiz, wo wir das erst seit 30 Jahren machen. Zu sehen, dass wir die Haltung recht ähnlich angehen, ist eine interessante Erfahrung. Aber im Alltag gibt es schon auch Unterschiede. So sind in Kirgistan die Yaks das ganze Jahr über hoch in den Bergen und sie sind auch mehr Wildtieren ausgesetzt, zum Beispiel Wölfen. Ich konnte auch einiges von Baatyrbek lernen: Er hat mir gezeigt, wie er es schafft, Kälber von der Milch zu entwöhnen und auf Gras umzustellen. Das ist immer eine grosse Herausforderung, und ich werde seine Technik definitiv austesten.  

Was gibt euch beiden Halt in herausfordernden Momenten? 

RO: Ganz klar die Berge. Selbst im Nebel kann ich mich an ihnen orientieren. Auch von den Tieren schöpfe ich viel Kraft. Ich übernachte oft auch bei den Tieren draussen. Mehr brauche ich nicht.  

BA: Wenn ich unruhig bin, gehe ich in die Berge. Dort ist es ruhig, und ich kann herunterfahren. Ich mag keine Konflikte und brauche auch Frieden im Aussen, zum Beispiel in der Familie. Dann kann ich gut leben.  

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