© Helvetas / Flurina Rothenberger

Toiletten sind ein Menschenrecht

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Fast sechs von zehn Menschen weltweit haben keinen Zugang zu Toiletten. Sie müssen ihre Notdurft im Freien verrichten. Dadurch gelangen Krankheitserreger ins Trinkwasser. Die Folgen für die Gesundheit und Entwicklung sind fatal.

Fast sechs von zehn Menschen auf der Welt fehlt, was für uns selbstverständlich geworden ist: eine funktionierende Sanitärversorgung. Eine Milliarde muss das tägliche Geschäft sogar auf dem offenen Feld oder um die Häuser und die Siedlungen herum verrichten. Krankheitserreger gelangen so direkt in die Gewässer, in offene Trinkwasserstellen und damit in die Nahrungskette. Wegen dieser prekären hygienischen Bedingungen sterben jährlich 500‘000 Kinder an Durchfallerkrankungen.

Während das UNO-Millenniumsziel 2015 für das Trinkwasser bereits erreicht ist, wurde es bei der sanitären Grundversorgung verfehlt. In den neuen UNO Zielen für nachhaltige Entwicklung soll bis 2030 der Zugang zu einer angemessenen und gerechten Sanitärversorgung und Hygiene für alle erreicht und der Notdurftverrichtung im Freien ein Ende gesetzt werden, unter besonderer Beachtung der Bedürfnisse von Frauen und Mädchen und von Menschen in prekären Situationen. Interessanterweise sind fehlende Toiletten nicht nur ein Problem der ärmsten Staaten. Auch in Schwellenländern gehen Millionen von Menschen für ihre Notdurft ins Freie, wobei zwei Drittel davon in Südasien leben. Den Schwellen- und Entwicklungsländern mit tiefer Abdeckung ist gemein, dass die ländliche Bevölkerung und die ärmsten Bevölkerungsschichten am wenigsten Zugang zu einer sauberen Latrine haben.

Das Fehlen von Toiletten hat speziell für Frauen und Mädchen drastische Folgen. Weil sie spätestens mit Einsetzen der Pubertät von Mitschülern oder Männern belästigt werden, wenn sie ihr Geschäft verrichten, ziehen sich viele Mädchen von der Schule zurück. Aus dem gleichen Grund verklemmen sich viele Frauen den notwendigen Gang hinaus aufs Feld und leiden in der Folge an Unterleibskrankheiten.

So seltsam das für unsere Ohren klingen mag: Siedlungshygiene ist fundamental für nachhaltige Entwicklung. Sie rettet Leben und verhindert – genauso wie sauberes Trinkwasser – Krankheiten, Krankheitskosten und Absenzen bei Schule und Arbeit. 

Das macht Helvetas

In den Projekten von Helvetas beginnt die Siedlungshygiene mit Aufklärung und mit Eigenleistungen der betroffenen Menschen. Sie heben bei ihrem Haus eine Sickergrube aus, sie helfen mit Grabarbeiten für ein Abwassersystem und sie stellen Baumaterialien bereit. Helvetas hilft mit Rohren, mit einfachen Toiletten, mit technischem Wissen.

Mit ihren Projekten für Sanitärversorgung schafft Helvetas auch Arbeitsplätze, zum Beispiel für Latrinenbauer, und sorgt für deren Ausbildung. Zudem bringt sie Handwerker oder Händler für Sanitärartikel zusammen und fördert funktionierende lokale Märkte.

Gleichzeitig zeigt Helvetas, wie einfache Massnahmen helfen können. Händewaschen zum Beispiel. Wo die Menschen ihre Hände regelmässig waschen, halbiert sich die Zahl der Infektionen! Helvetas identifiziert die treibenden Faktoren für die Verhaltensänderung im Bereich Hygiene, Händewaschen und WC-Benutzung, wie zum Beispiel die Normen, und entwickelt lokal angepasste Aufklärungskampagnen für die Bevölkerung in den Projektländern in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Wie beim Trinkwasser ist Helvetas bestrebt, rund um die Sanitärprojekte den Einbezug der Zivilgesellschaft zu fördern und Behördenmitglieder auszubilden. Sie sollen die Notwendigkeit entsprechender Einrichtungen und Hygienemassnahmen erkennen bzw. den Unterhalt und die Finanzierung von Anlagen gewährleisten.

Ausserdem fordert Helvetas von den Regierungen im Süden und von der internationalen Gemeinschaft, dass sie ihre Prioritäten stärker auf die oft vernachlässigte sanitäre Grundversorgung ausrichten.

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Schullatrine, Nepal © Helvetas / Patrick Rohr
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Schullatrine, Guatemala © Helvetas / Flurina Rothenberger
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Schullatrine, Burkina Faso © Helvetas / Simon B. Opladen
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Hygienesensibilisierung durch Aïcha Compaoré, Burkina Faso © Helvetas / Simon B. Opladen
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Händewaschen als einfache Massnahme gegen Infektionen, Madagaskar © Helvetas / Flurina Rothenberger
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Latrineinstallateur Bir Bahadur Woli, Nepal © Helvetas / Simon B. Opladen
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Die Mitgift des Wassers

In der Schweiz der 1960er Jahre war die Gewässerverschmutzung eines der ganz grossen Gegenwarts- und Zukunftsthemen. Sie führte zu einem milliardenschweren Bauprogramm für Kläranlagen. In den Entwicklungs- und Schwellenländern werden die Industrie- und Siedlungsabwässer auch heute noch meist ungeklärt abgeleitet. Folge davon sind tote Kloaken oder grosse Ströme, in denen nur noch wenige Fischgattungen überleben.

Die Landwirtschaft – insbesondere die industrielle Grosslandwirtschaft mit ihrem massiven Einsatz von Agrarchemikalien – vergiftet Bäche, Seen und das Grundwasser. Auch die ungeklärten Abwässer aus Grosssiedlungen, Industrie und Rohstoffminen tragen zur Vergiftung bei. 

In den letzten Jahren ist auch die Gewässerverschmutzung durch Rohstoffkonzerne ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Dabei geht es nicht nur um spektakuläre Unfälle von Öltankern oder Havarien von Förderplattformen, sondern auch um Gifte und Ölabfälle, die bei der alltäglichen Produktion kontinuierlich in die Umwelt gelangen und so weite Landstriche verwüsten. Das lässt sich zum Beispiel im Nigerdelta beobachten, wo die Abfälle der Ölförderung das Ökosystem massiv schädigen.

Die Wasserverschmutzung durch industrielle Landwirtschaft, Industrie und Rohstoffkonzerne zerstört nicht nur die Artenvielfalt, sondern hat auch ganz direkte Folgen für die menschliche Gesundheit. Denn oft holen sich die Menschen ihr Trinkwasser und das Wasser für ihre Felder aus den verschmutzten Flüssen. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) schätzt aufgrund einer Studie in Afrika, Asien und Lateinamerika aus dem Jahr 2016, dass ein Drittel der Flüsse durch Pathogene, ein Siebtel durch organische Substanzen und ein Zehntel durch Versalzung verschmutzt sind. Diese Tatsache ist umso gravierender, als in vielen Regionen der Abbau von Rohstoffen erst gerade begonnen hat.

Anders als bei den Grossbetrieben lässt sich die Gewässerverschmutzung auf lokaler Ebene mit einfachen Massnahmen verhindern: Mit dem Bau von Latrinen, vereinzelt auch von Abwassersystemen und mit Aufklärung über die verheerenden Folgen der Gewässerverschmutzung.

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