Wo der Tee auf Bäumen wächst

Im bergigen Hinterland von Laos werden Teeblätter in schwindelerregenden Höhen gepflückt.
TEXT: Patrick Rohr – FOTOS / VIDEOS: Patrick Rohr

Bei der Bauernfamilie Tung in Laos

Es ist kurz nach fünf am Morgen in Ban Komaen, einem kleinen Bauerndorf in der Provinz Phongsaly im äussersten Norden von Laos. Noch schlafen die meisten Bewohnerinnen und Bewohner des nur schwer zugänglichen Dorfes. Doch in den Bäumen, die etwa zwanzig Minuten Fussmarsch oberhalb des Dorfkerns stehen, raschelt esHoch oben im Geäst stehen Sinchan, Bouvan und Khampao Tung. Behände pflücken sie die hellgrünen Teeblättchen von den Ästen. Der 51-jährige Khampao, Vater von Bouvan und Schwiegervater von Sinchan, sagt: «Wir müssen mit der Arbeit beginnen, bevor die Sonne aufgeht, sonst wird es zu heiss.»

Tee wächst üblicherweise an Büschen. Doch hier, im bergigen Hinterland der Provinzhauptstadt Phongsaly, wächst er auf Bäumen. Sie sind knorrig und stark verästelt. Über 46‘000 soll es in der Gegend um Phongsaly insgesamt geben. Einige seien über 400 Jahre alt, erzählt man sich in Ban Komaen. Ob das tatsächlich stimmt, weiss niemand so genau, es ranken sich viele Legenden um die einzigartigen Teebäume. Auch ist unklar, ob sie vor langer Zeit von Menschen gepflanzt wurden, oder ob sie wild gewachsen sind.

Aber eigentlich spielt das alles gar keine so grosse Rolle. Dass hier, im äussersten Norden von Laos, der Tee auf Bäumen wächst, ist schon speziell genug. Da kommt es auf ein paar Jahre mehr oder weniger nicht an. Hauptsache, die Qualität stimmt - und das tut sie!

© Helvetas
Sinchan, Bouvan und Khampao Tung (v.l.) brechen die Knospen mit je zwei bis drei Teeblättern ab und sammeln sie in grossen Säcken. © Helvetas

Die Provinz Phongsaly grenzt im im Osten an Vietnam, im Westen und Norden an China. Der grosse Nachbar ist denn auch der wichtigste Abnehmer des Baumtees, der nächste Grenzübergang nach China ist nur 80 Kilometer entfernt.

Die laotische Hauptstadt Vientiane ist viel schwieriger erreichbar – drei Tage muss ein Bauer rechnen, bis er sie auf den schlecht ausgebauten und vor allem in der Regenzeit wegen Erdrutschen oft geschlossenen Strassen erreicht.

Grosse Abhängigkeit von China

Als Hauptabnehmer des Baumtees diktieren die chinesischen Abnehmer den Preis, und der variiert stark. Am besten ist er von Februar bis Mai, da ist das Klima verhältnismässig trocken und die Qualität der Teeblätter sehr hoch. In diesen Monaten können die Bauern bis zu 40‘000 laotische Kip pro Kilo verdienen, was knapp fünf Franken entspricht. Während der Regenzeit, von Ende Mai bis Oktober, gibt es nur noch etwa 5’000 Kip für ein Kilo, also etwas mehr als 60 Rappen.

Vier bis fünf Kilo Teeblätter sammelt eine Teepflückerin im Schnitt an einem Tag, an besonders guten Tagen können es auch einmal zehn bis 15 Kilo sein. In der Trockenzeit, in den Monaten November bis Januar, wachsen keine Teeblätter. Dann verkaufen die meisten Bauern im Dorf den Reis, den sie auch noch anpflanzen.

Die Arbeit der Teebäuerinnen und Teebauern ist hart. Bei Tungs packt die ganze Familie mit an. Einen kleinen Teil der Ernte verarbeitet die Bauernfamilie selber, der grössere Teil geht zur Weiterverarbeitung in die Teefabrik nach Phongsaly.

Den Teil der Ernte, der im Dorf bleibt, erhitzen die 23-jährige Sinchan und ihre 21-jährige Schwägerin Bouvan am Abend kurz in einer tiefen, über einem Steinofen eingelassenen Metallschale. Dabei werden die Blätter weich. Anschliessend kommen sie in eine Rollwalze, in der die Teeblätter geknetet werden. Dabei tritt der Saft aus ihnen aus, die Fermentation beginnt – die Teeblätter werden wie ein angebissener Apfel braun. Nach diesem Prozessschritt legen die beiden beiden Teebäuerinnen die Blätter schliesslich in grossen, flachen und aus Bambusblätter geflochtenen Körben in der Abendsonne zum Trocknen aus.

Den grösseren Teil der Ernte füllt Bouvans Ehemann, der 28-jährige Thongxay Tung, in grosse Säcke ab. Mit seinem Motorrad bringt er sie in die Fabrik, die etwa eine halbe Fahrstunde entfernt liegt. Der Tee der Bauern aus Ban Komaen ist in der Fabrik sehr beliebt. 

«Normalen Grüntee kann man höchstens zweimal aufgiessen. Den Tee von unseren Bäumen kann man bis zu fünfmal aufgiessen, und er ist immer noch gut.»

Thongxay, 28 Jahre

Die grösste Teefabrik von Laos

In der Teefabrik werden die Blätter der Teebäume von Ban Komaen – und die Blätter von den Büschen in den anderen Dörfern – ebenfalls zum grössten Teil in Handarbeit zu fertigem Tee verarbeitet. Die Teefabrik von Changtingyong Khampan ist die grösste in ganz Laos. Sechs Angestellte arbeiten Vollzeit in der Fabrik, fünf bis sechs Leute stehen auf Abruf bereit. Viele Bauern aus der Umgebung bringen ihre frisch gepflückten Teeblätter hierher. Zwei Drittel des Tees, der in der Fabrik verarbeitet wird, gehen nach China, ein Drittel bleibt im Land.

In China wird dem edlen Tee aus Laos wenig Ehre angetan. Meist wird er verwendet, um maschinell gepflückten chinesischen Tee von minderer Qualität zu strecken. Nicht nur darum würde Fabrikbesitzer Changtingyong Khampan gerne andere Absatzmärkte erschliessen.

«Jetzt, wo die chinesische Wirtschaft schwächelt, kommen die Preise stark unter Druck. Sollte der chinesische Markt einmal ganz zusammenbrechen, sind wir hier in Phongsaly am Ende.»

Changtingyong Khampan, Fabrikbesitzer

Doch noch ist es nicht so weit – und noch haben die Teebauern von Ban Komaen zwei Trümpfe in der Hand: Ihr Tee ist biologisch, und das ist in China, wo der Tee oft mit Pestiziden versetzt ist, ein gutes Verkaufsargument. Und der Tee von den 400 Jahre alten Bäumen ist ein sehr exklusives Produkt, seine Qualität wird vom grossen Nachbarn sehr geschätzt.

Auch Fabrikbesitzer Khampan ist mit dem Tee aus Ban Komaen zufrieden: «Die Qualität ist in den letzten Jahren sogar noch massiv gestiegen.» Das ist nicht zuletzt einer Initiative von Helvetas zu verdanken, die sich unter anderen zum Ziel gesetzt hat, 5000 Teebäuerinnen und -bauern in der Region Phongsaly zu helfen, die Qualität ihrer Produkte zu verbessern und sich untereinander besser zu vernetzen, zum Beispiel indem sie zum jährlichen «World Fair Trade Day» in der Hauptstadt Vientiane eingeladen sind.

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In Changtingyong Khampans Fabrik gibt es auch Tee für den Direktversand. Hier wird er in Schachteln verpackt. © Helvetas
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Immer beliebter wegen seiner hohen Qualität und weil er biologisch ist: Grüntee aus der Umgebung von Phongsaly. © Helvetas
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Wo der Tee auf Bäumen wächst. © Helvetas
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Ausserdem hat er jetzt nur noch einen Ansprechpartner, was für ihn die Verhandlungen viel einfacher macht. Wobei er mit einem Lächeln anfügt: «Eigentlich sind die Verhandlungen für mich jetzt schwieriger, weil die Bauern als Gruppe stärker sind.» Eine bessere Qualität des Tees aus Ban Komaen, eine gestärkte und selbstbewusstere Bauernschaft – das Helvetas-Projekt im fernen Norden von Laos hat seine Ziele erreicht.

«Die Resultate sind offensichtlich. Die Bauern haben sich organisiert und unterstützen sich gegenseitig, was einen grossen Einfluss auf die Qualität hat.»

Changtingyong Khampan, Fabrikbesitzer

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