10'000 Mangroven für Haitis Zukunft

In vielen Ecken des Landes gibt es Inseln der Hoffnung, wo Menschen – allen politischen, wirtschaftlichen und natürlichen Widrigkeiten zum Trotz – für bessere Lebensbedingungen kämpfen.
TEXT: Rebecca Vermot – FOTOS / VIDEOS: Flurina Rothenberger

Feguens Joseph und Dieumitha Faubert gehören zu den Menschen, die in ihrem Leben nicht nur einen Baum pflanzen, sondern gleich 10’000. Sie gehören auch zu den Menschen, denen die Träume nicht auszugehen scheinen. Einige sind bereits wahr geworden, an anderen arbeiten sie noch.

«Let me go» ist einer der erfüllten Träume. Es ist ein Song, den Feguens mit seiner Band Konpa Klere singt. Das Lied erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der seiner Freundin erklärt, dass er wegmüsse, wenn er Geld für sie beide verdienen wolle. «Die Musik ist inspiriert von der Situation der Menschen in Haiti», erzählt er. Inspiriert von der Liebe zur Familie und dem an allen Ecken und Enden fehlenden Geld.

«Let me go» könnte Feguens’ und Dieumithas Geschichte sein. Die beiden erzählen ihre Geschichte etwas abseits ihrer Freunde, die unter dem Baum vor ihrem Haus am Strassenrand sitzen: Sie heirateten, bevor sie die Schule beenden konnten, weil Dieumitha schwanger wurde. Ohne Job, aber mit Frau und Kind, die er ernähren wollte, musste Feguens weg von seiner Familie, in einen anderen Landesteil, um etwas Geld zu verdienen. Er arbeitete als Aushilfe in einer Baumschule und fand Gefallen daran.

Doch zurück zuhause, fehlte dem heute 30-Jährigen das Startkapital, um sich den Traum einer eigenen Baumschule zu erfüllen. Er schlug sich mehr schlecht als recht durch, um seine inzwischen vierköpfige Familie zu ernähren – unterstützt von der 27-jährigen Dieumitha, die frühmorgens vor ihrem Haus Eier ihrer eigenen Hühner und mittags «Frittaille», frittierte Kochbananen, verkauft.

Wenn die kleinen Mangrovensetzlinge dereinst gross sind, bieten sie in ihren Kronen und Wasserwurzeln vielen Lebewesen Schutz.

Feguens erzählte nach seiner Rückkehr allen, die es hören wollten, und auch denjenigen, die es nicht hören wollten, aber unter dem mageren Baum vor seinem Haus sassen, von seinem Traum. Zum Glück. Als Helvetas in seiner Heimatregion für die Wiederaufforstung der Austernlagune im Naturpark Lagon des Huitres jemanden suchte, der Mangroven züchten würde, eilte Feguens’ Ruf ihm voraus.

Und so erfüllte sich der Traum doch noch. Derzeit zieht er zusammen mit seiner Frau sorgfältig 10’000 Mangroven-Setzlinge gross. «Ich liebe sie», sagt er denn auch beim Betrachten der tausenden schwarzen Säcklein, in denen die grünen Pflänzchen Richtung Himmel streben. Sie sind fein säuberlich eingezäunt, damit die gefrässigen Ziegen und Kühe sich daran nicht gütlich tun. Geflochtene Matten spenden ihnen Schatten.

Mit einem ganz eigenen Schalk in den Augen erklärt er, wie er die zarten Keimlinge in der nahen Lagune holt, bevor sie von den Wellen ins offene Meer geschwemmt werden. Sie anfangs mit Süsswasser giesst, nach einem Monat etwas Salzwasser beimischt, nur wenig, dann immer mehr, weil die Setzlinge ja später mit dem Meerwasser klarkommen müssten. Einmal gross, sollen die Mangroven wieder ein Zuhause für rosa Flamingos werden. Zahlreich brüteten diese einst in der Lagune; zu Beginn des Projekts, 2017, zählten die Parkranger jedoch gerade noch elf Vögel.

Wellenbrecher und Kinderstube

Die Austernlagune war früher mit Mangroven überwachsen. Weil aber deren Hartholz wertvolle Kohle ergibt, ist sie heute in schlechtem Zustand. Vor zwei Jahren stellte die Regierung Haitis das akut bedrohte Feuchtgebiet unter Naturschutz. Helvetas unterstützt das Umweltministerium nun darin, einen Naturpark aufzubauen, und sucht gemeinsam mit den Behörden und den Menschen, die hier leben, nach Wegen und Möglichkeiten, die Fauna und Flora nachhaltig zu schützen.

Auch in der Hoffnung, einen sanften Tourismus anzustossen, damit die Menschen hier die Chance erhalten, Geld zu verdienen. Denn Umweltschutz und menschenwürdige Lebensbedingungen hängen eng zusammen. Wer seinen Lebensunterhalt nicht sichern kann, hat auch keine Energie, die Umwelt zu schützen; wer der Umwelt nicht Sorge trägt, verschlechtert seine Lebensbedingungen.

Alexis Emiles Köhlerhaufen sind heute kleiner als früher, weil er seine Waldparzelle nicht mehr kahl schlägt, um Kohle zu produzieren.
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Mangroven sind ein natürlicher Wellenbrecher und schützen Küsten vor der Erosion. Ihre Wurzeln sind Kinderstube und Schlaraffenland für Fische, Muscheln und Krabben und bieten ihnen Schutz vor grossen gefrässigen Räubern, nicht aber vor Vögeln, die das breite Nahrungsangebot ebenso schätzen.

Fehlen diese Bäume mit ihren langen Wasserwurzeln, erodiert die Küste und finden Tiere weniger Schutz und Futter. «Mehr Mangroven bedeuten mehr Fische. Das heisst für die Menschen hier mehr Nahrung und mehr Einkommen», sagt Feguens. Von der Aufforstung der Mangroven profitieren also weit mehr Menschen als nur Feguens und Dieumitha.

In der Lagune wieder eingepflanzt werden die Mangroven-Setzlinge von Schulkindern und ihren Eltern, damit auch sie die Schönheit dieses Ortes schätzen und schützen lernen. Angeleitet werden sie von engagierten Parkrangern, die die Lagune in- und auswendig kennen. Sie kennen die Pflanzen und Bäume, die vom Aussterben bedroht sind, zeigen Tiere und deren Rast- und Brutstätten, die ein ungeübtes Auge kaum entdeckt. Noch arbeiten sie ohne Lohn, denn der haitianische Staat sieht sich nicht in der Lage, die Kosten für die Parkverwaltung zu tragen

Richtig holzen rettet den Wald

Der Naturpark umfasst neben der Austernlagune auch einen Trockenwald, der sich weit in die bergigen Hügel hinaufzieht. Doch wie die Mangroven ist auch dieser mangels Einkommensalternativen unter Druck. Die Menschen legen Felder an, um sich zu ernähren, jagen Tiere, um den Speiseplan aufzubessern, lassen ihre Kühe und Ziegen an jungen Bäumchen knabbern. Und sie brauchen Holz für die Kohleherstellung.

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Kohle. Sie ist Segen und Fluch in Haiti. Segen, weil sich mit kaum einem anderen landwirtschaftlichen Produkt so viel Geld verdienen lässt. Fluch, weil dafür ganze Waldflecken abgeholzt werden, zumal es keine Alternative zu ihr gibt.

Aber es gebe Alternativen zur Abholzung, erklärt Alexis Emile. Er ist keiner, der gerne spricht, ausser er kann von seiner Arbeit als Köhler erzählen. Sorgfältig schichtet er die letzten Äste auf den kunstvoll angelegten Köhlerhaufen hinter seinem Haus, der bald mit Blättern und Erde bedeckt werden wird, um dann angezündet zu werden und einen Monat lang vor sich hin zu motten. Früher habe er dafür alle vier Jahre einmal alle Bäume seiner Parzelle abgeholzt, alte, kräftige, junge, aufstrebende.

Doch der Boden verlor mit jedem Kahlschlag an Kraft, Alexis an Holz. Heute schneide er nur ausgewachsene Bäume und dicke Äste kräftiger Bäume. Mit dieser Methode des Teilschnitts könne er ungefähr alle sechs Monate Kohle brennen. «So verteilt sich unser Einkommen besser. Jetzt verdiene ich regelmässig Geld und in vier Jahren insgesamt das Doppelte von früher.» Nicht nur ihm und seiner Familie, auch dem Wald gehe es heute besser.

Die Bäuerin Meprisane Augustin hilft mit, das Quellgebiet des Pichon zu schützen, damit nicht Sturzfluten Menschen und Tiere bergabwärts gefährden.

Wasser – eine immerwährende Sorge

Auf die Zisterne in seinem Garten angesprochen, erzählt Alexis, dass es hier immer wieder an Wasser fehle. Die Regenzeiten verkürzten sich, das Wasser in der Zisterne reiche manchmal nicht für die ganze Trockenzeit. Im Naturpark ist der Boden vornehmlich karstig, felsig und löchrig; das Wasser versickert rasch. Früher, als noch Wälder die Böden schützten, speiste der Regen regelmässig einen Grundwassersee in den Bergen: Er ist die Quelle, die den Fluss Pichon speist, die Lebensader der Region mit ihren 80’000 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Auch dieses Quellgebiet auf 800 Metern Höhe gehört zum Naturpark. Es ist schwer erreichbar, aber die Kletterpartie lohnt sich. Der Pichon ergiesst sich hier über zwölf Stufen kaskadenartig bis ins Dorf hinunter. Je höher sich der Fusspfad windet, desto spektakulärer werden die Wasserfälle. Doch sie sind, so erzählen die Bauern beim Aufstieg, nur noch die Hälfte ihrer selbst – trotz Regenzeit.

Wegen der übermässigen Abholzung weiter oben in den Bergen sei das Grundwasser zurückgegangen. In schlechten Jahren sei der Wasserfall nur ein Rinnsal, erzählen sie. Wenn es hingegen stark regnet, und das ist im wirbelsturmgeplagten Haiti nicht selten der Fall, dann schwemmen Sturzbäche Erde ins Tal und ins Meer. Um das zu ändern, muss die Übernutzung bei der Quelle und am Wasserlauf gestoppt und der Boden geschützt werden.

«Wenn man ja zu etwas sagt, dann ist das wie ein Schwur. Auf meinen Feldern bei der Quelle wachsen nun nur noch Obstbäume und Kaffee. Ihre Wurzeln halten die Erde fest.»

Meprisane Augustin, Bäuerin in Haiti

Die Angst vor noch schlechteren Ernten und Jahren ohne Wasser ist greifbar. Deshalb ist die Bereitschaft der Frauen und Männer gross, dies abzuwenden. «Ja, auch ich habe früher Büsche angezündet, um Boden für den Anbau zu gewinnen», erzählt Meprisane Augustin. «Ich wusste mir nicht anders zu helfen.»

Die verwitwete Bäuerin wohnt ganz weit oben in den Hügeln über dem Dorf. Als Helvetas Alternativen aufzeigte, packte sie die Chance: «Helvetas und ich, wir haben einen Vertrag gemacht. Ich habe versprochen, das Land bei der Quelle zu schützen und nur noch anzupflanzen, was den Boden stärkt. Dafür habe ich anfangs eine kleine Prämie bekommen, weil ich weniger ernten konnte.» Sie hat auch 200 Kaffeestauden erhalten, um diese zum Schutz der Quelle zu pflanzen.

Stolz erzählt sie, dass nur sechs davon eingegangen seien. «Wenn man ja zu etwas sagt, dann ist das wie ein Schwur. Auf meinen Feldern bei der Quelle wachsen nun nur noch Obstbäume und Kaffee. Ihre Wurzeln halten die Erde fest.» Damit schütze sie «alle Menschen von hier bis ans Meer». Denn wenn hier oben Bäume die Erde zusammenhielten, gebe es unten keine Überschwemmungen, erklärt sie. Überschwemmungen seien nämlich auch schlecht für die Fischer an der Küste – und für die Fische.

Die Küstenfischerei ist schwierig, denn der Fischbestand nimmt ab. Wilner Fleurimond fischt zum Glück immer wieder auch an einem künstlichen Riff, an dem es mehr Fisch gibt.
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Fischer schützen die Fische

Die Fischer an der Küste sind den Bauern und Bäuerinnen oben am Berg dankbar für den Bodenschutz, denn die Sedimente, die ins Meer geschwemmt werden, töten Jung- und Küstenfische. Bei Sonnenaufgang ziehen sie Welle für Welle ihre Holzboote an Land. Sie haben Hummer, Lambi, eine grosse, essbare Muschel, und Poisson rose, die Leibspeise der Leute hier, gefangen. Ein paar wenige Bäume spenden Schatten, in der Hütte der Fischereivereinigung stehen solarbetriebene Kühltruhen, damit der Fisch nicht zu schnell verdirbt.

Früher hätten die Menschen hier vom Strand aus gefischt, mit kleinmaschigen Netzen, erzählt Wilner Fleurimond von der Fischervereinigung von Anse-à-Boeuf. In den Netzen, die als Moskitonetz hätten durchgehen können, hätten sich Jungfische und sogar Laich verfangen. Auch das habe dem Fischbestand geschadet, die Fischer hätten immer weniger gefangen. Heute fische dank der Arbeit von Helvetas in seinem Dorf kaum jemand mehr vom Strand aus.

«Helvetas hat uns gefragt, weshalb wir denn nicht auf hoher See unseren Fisch fangen. Ich habe also gelernt, an einem künstlichen Riff zu fischen.» Dort, wo sich ausgewachsene Fische tummeln. Sein Einkommen habe sich damit verdreifacht. Allerdings könne er den Fang manchmal nirgends lagern, weil die Kühltruhen zu klein seien.

Deshalb laufen derzeit Vorbereitungen für den Bau eines grösseren Kühlraums in Belle Anse. Die Vorfreude ist gross. «Helvetas hat unsere Lebensweise verändert», sagt Wilner. «Sie haben uns gezeigt, was wir alles erreichen können.»

Von der Baumschule in die Schule

Etwas erreichen, Chancen packen. Das wollen auch Dieumitha und Feguens. «Ich möchte Lehrer werden. Kinder sind schlau. Hier können sie aber ihre Wissenslücken nicht schliessen. Am liebsten würde ich Rechnen unterrichten, denn ich kann es mit Zahlen», erzählt Feguens.

Ob das realistisch ist, bleibt offen. Vorerst kümmert sich das Paar mit dem Einkommen um die Bewältigung des Alltags. Sie bezahlen den Schulbesuch der beiden älteren Töchter und unterstützen Feguens’ Brüder und seinen blinden Vater. Dieumitha will ihr Snackangebot um Getränke erweitern. Vor allem aber will Feguens weiter in seine Baumschule investieren, damit das Familieneinkommen langfristig gesichert ist. Die Basis für ein besseres Leben haben er und seine Frau mit den Mangroven für die Austernlagune gelegt – ein besseres Leben für Mensch und Natur.

Nachtrag: Beim Besuch der Austernlagune berichten die Parkranger von 27 Flamingos, die sie ein paar Tage zuvor gezählt hätten. Einige Wochen später trifft eine Mail aus Haiti ein. 44 Flamingos haben die Ranger heute gesichtet.

© Helvetas / Simon B. Opladen

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