© Patrick Rohr / Helvetas

Vertrieben – Das Schicksal der Rohingya

Im Flüchtlingscamp in Bangladesch versuchen Rabeya Begum und Mohamad alles, um ihrem kleinen Sohn Mohamad Rizwan ein Leben in Würde zu ermöglichen.
TEXT: Frédéric Baldini – FOTOS / VIDEOS: Patrick Rohr
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«An jenem Morgen sah ich, wie bewaffnete Männer ins Dorf kamen und die Häuser in Brand steckten. Sie schossen auf meine flüchtenden Nachbarn. Ich versteckte mich sofort in den Büschen. Durch die Zweige hindurch habe ich alles gesehen: die brennenden Häuser und alles andere …» Rabeya Begum lebt mit ihrer Familie im Flüchtlingslager Kutupalong-Balukhali im Südosten von Bangladesch. Sie sitzt auf einem Teppich in ihrer Unterkunft aus Bambus und Plastikplanen und spricht ruhig und leise.

Weder ihre Stimme noch ihre Körpersprache verraten, was in ihr vorgeht, während sie ihre Geschichte erzählt, die zugleich die Geschichte ihres Volkes, der Rohingya, ist. Die 21-jährige Frau meistert mutig jeden neuen Tag und kümmert sich mit Liebe und Zuneigung um ihren sechs Monate alten Sohn, der in diesem Lager, in dem sie sich wohl oder übel niederlassen musste, zur Welt gekommen ist.

In wenigen Minuten alles verloren

Rabeya war im sechsten Monat schwanger, als sie furchtbare Gewalttaten mitansehen und mit ihrem Mann aus ihrem Haus, ihrem Dorf und ihrem Land fliehen musste, um ihr eigenes Leben und das des noch ungeborenen Kindes zu retten. Innerhalb weniger Minuten änderte sich ihr Leben schlagartig.

Gemeinsam mit Rabeyas Schwiegervater flüchtete die Familie aus Myanmar ins benachbarte Bangladesch. Rabeyas Ehemann Mohamad setzt die Erzählung jenes tragischen Tages im September 2017 fort. Er trägt seinen «Longyi», das traditionelle um die Taille geschlungene Wickeltuch, und ein Unterhemd. Mohamad setzt sich neben seine Frau und nimmt sein Baby in den Arm. In der Unterkunft ist es stickig heiss und schwül. Dem Besucher bietet man zur Erfrischung einen kleinen Fächer an.

Auf Gastfreundschaft wird hierzulande viel Wert gelegt, selbst unter widrigsten Umständen. Im Gespräch mit dem Paar kommt einem immer wieder ein Wort in den Sinn: Resilienz. Diese grundlegend menschliche Fähigkeit, sich selbst nach schlimmsten Erlebnissen wieder aufzurappeln und neu zu beginnen. Trotz der Schicksalsschläge in ihrem jungen Leben treten die beiden den Widrigkeiten mit einem Mut und einer Demut entgegen, die höchsten Respekt abverlangen.

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«An jenem Tag verlor ich meinen Bruder. Er lebte mit uns im Haus unseres Grossvaters. Er wurde erschossen. Wir mussten fliehen, ohne von ihm Abschied nehmen zu können und mit nichts als den Kleidern, die wir trugen. Mit einer Gruppe von dreissig Personen erreichten wir die Küste, wo wir einen Schlepper für die dreistündige Überfahrt bezahlen mussten.»

Mohamad, junger Rohingya im Flüchtlingscamp Kutupalong-Balukhali

Mit Latrinen die Gesundheit schützen

Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Auffanglager kam die Familie im Lager 8E, Block 69 unter, wo bereits Mohamads Onkel Zuflucht gefunden hatte. Hier richtet Helvetas Latrinen und mit Biogas betriebene Gemeinschaftsküchen ein. 

Wie Rabeyas Familie kamen innerhalb weniger Wochen mehr als 600’000 Flüchtlinge ins Lager und liessen sich nieder, wo es ging. Das Lager Kutupalong- Balukhali hat mittlerweile das Flüchtlingslager Dadaab in Kenia als ausgedehntestes und am dichtesten besiedeltes Lager der Welt abgelöst. Die Schicksalsgefährten von Rabeya und Mohamad verteilen sich über eine Fläche von mehr als 15 Quadratkilometern.

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Die Latrinen von Helvetas verhindern Krankheiten. © Patrick Rohr / Helvetas
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Durch die Mitarbeit beim Bau ... © Patrick Rohr / Helvetas
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... verdienen Flüchtlinge ein kleines Einkommen. © Patrick Rohr / Helvetas
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Ihre Hütten haben sie mit Material, das von der Armee Bangladeschs und internationalen Hilfsorganisationen zur Verfügung gestellt wurde, selbst gebaut. Um Platz zu schaffen und kochen zu können, wurden Bäume gefällt, sodass sich die einst üppig bewachsene, grüne Gegend in ein Meer aus Notunterkünften verwandelt hat. Das Risiko von Epidemien ist in einem so dicht besiedelten Lager extrem hoch und der Bau von Latrinen entsprechend wichtig. Sanitäre Einrichtungen helfen, das Risiko einzudämmen, da sie die Verunreinigung des Trinkwassers durch Fäkalien verhindern. Helvetas ermöglicht den Bau von 320 Latrinen, die rund 20’000 Flüchtlingen zugutekommen. Die Hälfte war Ende Juni bereits fertiggestellt.

Ja, ich helfe mit!

In den Notlagern in Bangladesch fehlt es an sauberem Trinkwasser, sanitären Anlagen und Essen. Helvetas plant und baut Latrinen und Küchen. Sie schützen vor Krankheiten und Hunger.
Jede Spende hilft.

Angesichts des riesigen Bedarfs ist dies bei Weitem nicht ausreichend, die Teams stehen bereit, weitere Anlagen zu bauen, sobald die finanziellen Mittel es zulassen. Parallel dazu führt Helvetas Sensibilisierungskampagnen zu Hygiene durch. Hier fehlt es vielen an Wissen, entsprechend werden für die Männer und Frauen, die die Latrinen nutzen, Schulungen angeboten. «Ich bin froh, dass meine Nachbarn ebenfalls an den Veranstaltungen teilnehmen. So können wir Krankheiten verhindern», sagt Rabeya, die am Vortag dabei war und fest entschlossen ist, bloss nicht krank zu werden.

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Wo so viele Menschen auf engstem Raum leben müssen, ist Hygieneschulung ebenso wichtig wie die Latrinen selbst. © Patrick Rohr / Helvetas

Der Bau der Latrinen schafft zudem temporäre Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten für die Flüchtlinge. «Mit dem Geld, das ich als Tagelöhner verdiene, kann ich unseren Alltag ein wenig verbessern», erzählt Mohamad. «Meistens sind meine Taschen leer, doch wenn ich arbeiten kann, verdiene ich 350 Taka am Tag.» Das sind etwa vier Franken. Nachdem sich die Menschen neun Monate von den durch UNO-Organisationen verteilten Reis- und Linsenrationen ernährt haben, macht sich der Mangel an frischem Gemüse und Fisch bemerkbar. Gemüse und Fisch sind daher meist das Erste, was die Familien kaufen, sobald sie ein wenig Geld haben.

Biogasküchen gegen die Abholzung

Wegen der grossen Zahl an Menschen sind ganz selbstverständlich auch im Lager kleine Läden entstanden, in denen es Haltbares wie Cracker, Kekse und Bonbons zu kaufen gibt. Ein Zeichen, dass das Leben trotz allem weitergeht. Ebenso hat sich ein Handel mit Brennholz entwickelt. Brennholz wird zum Kochen benötigt, seine Beschaffung ist jedoch ein zentrales Problem für alle Lagerbewohner.
Wer wie Mohamad hin und wieder etwas Geld verdient, kann für 100 Taka zehn Kilo Holz kaufen. «Damit kommen wir ein paar Tage lang aus. Ansonsten müssen wir sehr weit von hier Holz holen gehen», erklärt Mohamad.

Die grosse Mehrheit der Flüchtlinge hat keine Wahl: Sie müssen sechs bis acht Stunden laufen, um in den rund 15 Kilometer entfernten Hügeln Holz zu suchen. Manchmal sind es auch nur Wurzeln oder sogar bloss Rinde. «Wenn ich kein Geld habe, stellt sich die Frage, ob ich besser Holz holen oder hierbleiben und auf Arbeit hoffen soll», sagt Mohamad. Wenn er sich eine der seltenen Arbeitsgelegenheiten entgehen lässt, verpasst er die Chance, sich und seiner Familie das Leben ein wenig leichter zu machen. Doch andererseits ist es unmöglich, auf Feuer zu verzichten …

Das Helvetas-Projekt bietet eine Lösung für dieses Dilemma, das die ohnehin schwierige Situation der Rohingya zusätzlich verschärft. In mit Biogas betriebenen Gemeinschaftsküchen können die Flüchtlinge ohne Brennholz kochen. Das Gas für die Kochherde stammt aus luftdichten Behältern, in denen der Kot der Latrinen durch Gärung in Methan umgewandelt wird. Durch ein System dünner Schläuche wird das Gas in die Küchen geleitet. Diese umweltfreundliche, innovative Lösung verbessert nicht nur die Lebensbedingungen der Flüchtlinge, sondern stoppt auch den Kahlschlag der Wälder.

Die Angst vor dem grossen Regen

Ein heftiger Windstoss unterbricht das Gespräch mit Rabeya und Mohamad. Zur Zeit unseres Besuchs Ende Mai herrscht hier sehr schwüles Wetter. Dunkle Wolken türmen sich am Himmel auf, es sieht nach Regen aus. Letzte Nacht hat ein erster heftiger Regenschauer deutlich gemacht, unter welch prekären Umständen die vertriebenen Menschen leben. Die Windböen haben schon gereicht, um die Dächer und Wände einzelner Unterkünfte fortzureissen.

Mohamad erinnert sich nur allzu gut an den vergangenen Herbst, als sie im Lager ankamen und ihnen der Schlamm teils bis zu den Knien reichte. Da der Untergrund kaum wasserdurchlässig ist, wird der schwere, lehmige Boden rutschig. Entsprechend hoch ist die Erdrutschgefahr, zumal es kaum mehr Bäume gibt, die die Erde zurückhalten. Die UNO schätzt, dass 175’000 Flüchtlinge in Risikozonen wohnen. Helvetas setzt sich dafür ein, eine Lösung für diese gefährliche Situation zu finden.

In den am stärksten gefährdeten Gebieten sensibilisieren Teams die Bevölkerung. Dank dieser Arbeit mit den Gemeinschaften können die Flüchtlinge dabei helfen, gefährdete Hänge mit besonders grosser Neigung zu sichern, indem sie Vetiver pflanzen, ein sehr schnell wachsendes Gras, das den Boden gut stabilisiert. Zusätzlich werden die steilsten Abhänge mit Sandsäcken aufgeschüttet. Dennoch bleibt die Situation extrem besorgniserregend, da niemand verlässliche Vorhersagen machen kann. Die Intensität des Monsuns ist von Jahr zu Jahr unterschiedlich, doch im Durchschnitt fällt jeden Monat so viel Regen wie in der Schweiz in einem ganzen Jahr. Und das während drei bis vier Monaten von Juni bis September.

Was soll aus dem Kleinen werden?

Nach all den Strapazen rückt die Frage der Zukunft der kleinen Familie ins Zentrum des Gesprächs. «Wo sollen wir hin?», fragt sich die junge Mutter besorgt. Die Familie würde gern zu Rabeyas Brüdern nach Chittagong, der zweitgrössten Stadt Bangladeschs, ziehen, doch die Kontrollposten würden sie nicht durchlassen. Sie sprechen kein Bengali und haben keine Ausweispapiere. «Ich habe mein altes Leben geliebt, mit Freude habe ich mich um unseren Bauernhof gekümmert. Und ich vermisse die Freunde und Nachbarn, mit denen wir es so gut hatten», sagt Rabeya.

Mohamad greift der nächsten Frage vor und sagt, dass sie gern nach Hause zurückkehren würden. «Doch solange dort unsere Sicherheit nicht gewährleistet ist, kehren wir nicht zurück.» Gedanken um ihre Zukunft machen sich nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch die Behörden und die internationale Gemeinschaft.

Ein Jahr ist vergangen, seit die meisten Rohingya in Bangladesch angekommen sind, aber eine Lösung ist nicht in Sicht. Zwar sieht ein Abkommen zwischen Myanmar und Bangladesch die Rückführung der Flüchtlinge vor, konkrete Anzeichen für die Umsetzung dieses Abkommens gibt es jedoch nicht.

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Rabeya Begum vermisst das Leben auf ihrem Bauernhof in Myanmar. © Patrick Rohr / Helvetas

Bald bricht im grössten Flüchtlingslager der Welt die Nacht herein. Die Wolken sehen nach wie vor bedrohlich aus. Alle hoffen, dass der Himmel es heute Nacht gut mit ihnen meinen wird. Welche Zukunft erwartet den kleinen Mohamad Rizwan, der vor sechs Monaten in diesem Lager geboren wurde? Er kennt sein Heimatland nicht und hat keinerlei Papiere. «Ich hoffe, dass er nicht in diesem Lager aufwachsen muss», sagt Rabeya und schaut zärtlich auf ihr Kind, das in den Armen seines Vaters eingeschlafen ist. Und sie fügt leise hinzu: «Aber das Wichtigste ist, dass er in Sicherheit ist.»

Ja, ich helfe mit!

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